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Meinungen

Wettbewerbspolitik ist der Schlüssel

«Der Wettbewerbspreis ist die unparteiische Messlatte, die den fairen Gewinn bestimmt.»
Ungehinderter Wettbewerb dient nicht nur der Effizienz in der Wirtschaft, sondern ist die Grundlage für Fairness, soziale Mobilität und inklusives Wachstum. Ein Kommentar von Christian Keuschnigg.

Preise steuern die Wirtschaft. Wo sie steigen, ist die Wertschätzung der Konsumenten hoch. Wenn der Preis für die Leistung stimmt, lohnen sich Investitionen. Unternehmen wollen mehr davon produzieren, wo sie gut verdienen. Wenn der Wettbewerb spielt, sei es durch innovative heimische Unternehmer oder durch Importkonkurrenz, können die Preise und die Gewinne nicht in den Himmel schiessen. Mehr als für eine gute Leistung wollen die Konsumenten nicht zahlen. Gute Qualität zu wettbewerblichen Preisen gibt ihnen mehr Kaufkraft und steigert das Realeinkommen. So sichert der Wettbewerb, dass der Wohlstand breit ankommt.

Doch der Wettbewerb funktioniert nicht immer. Die Spielregeln im Wettbewerb müssen für alle gelten. Die Wettbewerbsbehörden müssen wachsam sein, damit die Spiesse gleich lang bleiben. Es ist nicht fair, wenn Spitzensportler dem Sieg mit Doping nachhelfen. Es ist auch nicht fair, wenn in der Wirtschaft grosse Konzerne ihre Marktmacht ausnutzen, die Konsumenten mit überhöhten Preisen übervorteilen und neue Konkurrenz behindern oder gar ganz ausschliessen, statt durch bessere Leistung zu glänzen.

Wettbewerbsfeindliches Verhalten verhindert, dass sich ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis durchsetzt, und schadet den Verbrauchern zweifach: Erstens sind die Preise zu hoch, zweitens kommt ein besseres Angebot nicht zustande. F&E-Investitionen rentieren sich nicht, wenn nachher der Absatz nicht stimmt und der Erlös nicht kommt, weil es beim Marktzugang hapert. Wenn etablierte Konzerne ihre Marktmacht ausüben und den Markt abschotten, behindern sie die Innovation durch neue Anbieter.

Überhöhte Preise sind Umverteilung

Der Wettbewerbspreis ist die unparteiische Messlatte, die den fairen Gewinn als Entschädigung für eine Leistung bestimmt. Abweichungen davon sind Umverteilung. Steigende Preise als Folge ausgenutzter Marktmacht führen zu überrissenen Gewinnen auf Kosten des Mittelstands und unterer Einkommen. Überhöhte Ölpreise, Telefongebühren und Managergehälter sind Umverteilung und führen zu einem Anstieg von Gewinnen und Spitzeneinkommen, die nicht auf Leistung, sondern Abschottung, Marktmacht und Übervorteilung beruhen.

Dass mangelnder Wettbewerb die Ungleichheit fördert, ist nichts, was man vernachlässigen könnte. Die neuere Forschung zeigt, dass gerade in innovativen Branchen zunehmend die «Superstar-Firmen» den Markt dominieren und daher Konzentration und Marktmacht steigen. Es mag teilweise an Netzwerkeffekten und den neuen Technologien liegen, dass die Sieger fast alles bekommen und für die Konkurrenz wenig übrig bleibt. Der Unternehmenswert von Google (GOOGL 935.42 0.61%), Facebook (FB 171.91 1.12%), Apple (AAPL 159.235 0.36%), Amazon (AMZN 970.37 -0.39%) und dergleichen stellt die Marktkapitalisierung der alten Wirtschaft wie z.B. der internationalen Autokonzerne in den Schatten. Aber nachdem diese Gesellschaften mit überlegener Innovation gross geworden sind, haben auch sie einen Anreiz, ihre Position mit wettbewerbsfeindlichen Strategien zu zementieren. Die Profite dieser Unternehmen gehen jedenfalls weit über eine wettbewerbliche Kapitalrendite hinaus und sind zum Teil Renteneinkommen, die auf dem Glück in der Innovation und auf konzentrationsfördernden Netzwerkeffekten beruhen.

Die nachlassende Wettbewerbsintensität hat erheblichen Einfluss auf die Verteilung der Wertschöpfung in der Wirtschaft. Die neuere Forschung dokumentiert, dass sowohl der Anteil der Arbeit an der Wertschöpfung als auch der Anteil der wettbewerblichen Kapitalentlohnung gemessen an einer marktüblichen Verzinsung stark gefallen sind. Umgekehrt haben Renteneinkommen und Gewinne aufgrund einer überschüssigen Kapitalrendite deutlich zugenommen. Das lässt den Anteil des obersten 1% der Einkommen auf Kosten der breiten Masse steigen und fördert die Ungleichheit.

Für die USA wurde ermittelt, dass bei einem Abbau der Konzentrationstendenzen und einer Rückkehr zum höheren Wettbewerbsgrad von 1984 die Investitionen 19% und die Löhne 24% steigen könnten. Die Zahlen mögen eine Scheingenauigkeit vorspiegeln. Die Logik ist jedoch klar, und die Grössenordnung erscheint angesichts vieler anderer Forschungsergebnisse plausibel.

Die Ausnutzung von Marktmacht beruht immer auf einer Einschränkung der Produktion, um höhere Preise durchzusetzen. Mehr Wettbewerb kehrt den Prozess um und steigert Produktion und Beschäftigung. Davon profitieren die Arbeitenden mit höheren Löhnen und mehr Stellen, und die sinkenden Preise steigern ihre Kaufkraft. Mehr Wettbewerb fördert eine gleichmässigere Einkommensverteilung und verhindert die Konzentration anstössig hoher Gewinne beim obersten 1% der Einkommen.

Intensiver Wettbewerb fördert den produktivitätssteigernden Strukturwandel. Unternehmen, deren Gewinn auf vergangenen Erfolgen und auf Marktmacht statt neuer Innovation beruht und die mit neuen aufstrebenden Anbietern nicht mehr mithalten, müssen schrumpfen. Damit Einkommen und Wohlstand steigen, sollen Kapital und Arbeit dorthin fliessen, wo neue Innovation stattfindet, die Rentabilität hoch und der Verdienst und die Aussichten der Arbeitenden besser sind. Innovation bedeutet eben, dass Neues Altes ersetzt, im Produktzyklus grosser Konzerne und im Wettbewerb zwischen den Unternehmen. Ein grosser Teil des Produktivitätswachstums, etwa die Hälfte, beruht auf dem gezielten Einsatz von Kapital und Arbeit in den Unternehmen mit hohem Wachstum der Wertschöpfung. Wenn es an Wettbewerb mangelt, ist diese Erneuerung der Wirtschaft blockiert.

Wettbewerb fördert den sozialen Aufstieg, wie es der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär verheisst. Für viele führt der Weg über Selbstständigkeit, Unternehmertum und Innovation nach oben. Prestige, soziale Anerkennung und andere Motivationen jenseits des Einkommens mögen wichtig sein. Die Chance auf hohes Einkommen bleibt jedoch eine wesentliche Triebkraft für Risikobereitschaft und Unternehmertum. Daher ist Innovation immer auch mit dem Erfolg einzelner herausragender Erfinder und Unternehmer verbunden. Wie könnten sich die Aufsteiger ohne freien Marktzugang und fairen Wettbewerb je durchsetzen?

Abschottung zementiert Ungleichheit

Empirische Ergebnisse zeigen auch, dass der Einkommensanteil der Top-1%-Verdiener steigt, wenn die Anzahl der Patente pro Kopf der Bevölkerung zunimmt. Die Forscher führen etwa 22% des Anstiegs des Top-1%-Einkommensanteils auf Innovation zurück. Mit zwanzig arm und mit sechzig durch Innovation und Unternehmertum reich, das ist verdienter Reichtum durch Leistung. Zwar nimmt das oberste 1% der Einkommen zu, doch dieser Reichtum ist im Wettbewerb erkämpft und hat viele nach oben mitgenommen. Das ist anders zu bewerten als Reichtum, der durch Abschottung und Behinderung des Wettbewerbs verteidigt wird und damit die Ungleichheit zementiert.

Zunehmende Ungleichheit kann man im Nachhinein mit progressiven Steuern oben und Einkommenszuschüssen unten korrigieren. Das ist leistungsfeindlich, behindert das Wachstum und schmälert den Kuchen, den es zu verteilen gibt. Noch besser ist es, in Bildung zu investieren, damit möglichst viele der Armut entfliehen und sozial aufsteigen, und mit griffiger Wettbewerbspolitik den Reichtum oben aufzubrechen, wo er nicht mehr durch Leistung verdient wird. Diese vorbeugende Politik ist die beste Garantie, dass anstössige Ungleichheit gar nicht erst entsteht, und fördert zudem das Wachstum. Eine griffige Wettbewerbspolitik sichert weit mehr als nur Effizienz und Wachstum in der Wirtschaft, sondern verspricht Fairness, eine hohe soziale Mobilität und inklusives Wachstum mit Chancen für alle.