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Wette auf die Dystopie

Während der Preissturz von Kryptowährungen keine Überraschung sein sollte, liegt der Wert dieser Coins nicht zwangsläufig bei null. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Für den Moment ist die wahre Frage, ob und wann eine globale Regulierung privat entwickelte Systeme, deren Überwachung und Kontrolle für die Regierungen teuer ist, ausmerzen wird.»

Haben Kryptowährungen angesichts des achtzigprozentigen Absturzes des Bitcoinpreises gegenüber dem Höchststand von vor einem Jahr und des systemischen Zusammenbruchs des Kryptomarkts ihren Zenit bereits überschritten? Vielleicht, doch man sollte nicht erwarten, dass die wahren Gläubigen deshalb Schlange stehen, um sich ihre Kryptotätowierungen entfernen zu lassen.

Auf einer Fachtagung hierzu, die neulich stattfand und an der ich teilnahm, herrschte deutlich die Ansicht vor, dass die Marktkapitalisierung von Kryptowährungen im Laufe der nächsten fünf Jahre explosionsartig auf fünf bis zehn Billionen Dollar ansteigen wird. Für diejenigen, die den Anstieg des Bitcoinpreises von 13 $ im Dezember 2012 auf heute rund 4000 $ beobachtet haben, ist der diesjährige Rückgang von 20’000 $ kein Grund zur Panik.

Es ist verführerisch, zu sagen: «Natürlich bricht der Preis zusammen.» Die Regulierungsbehörden werden sich allmählich der Tatsache bewusst, dass sie grosse, nur unter hohen Kosten nachvollziehbare Steuerhinterziehung und kriminelles Verhalten erleichternde Transaktionstechnologien nicht hinnehmen können. Zugleich erkennen die Notenbanken von Schweden bis China, dass auch sie digitale Währungen ausgeben können. Wie ich in meinem Buch über Währungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betont habe, gehen, was neue Formen des Geldes angeht, Innovationen möglicherweise vom privaten Sektor aus, aber früher oder später greift der Staat regulierend ein und vereinnahmt sie.

Wie Lotterielose

Doch wie ich damals ebenfalls zu bedenken gab: Dass der langfristige Wert von Bitcoin eher bei 100 als bei 100’000 $ liegen dürfte, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er auf jeden Fall bei null liegen dürfte. Man sollte sich Coins als Lotterielose vorstellen, die in einer dystopischen Zukunft ausgezahlt werden, wo sie in Schurkenstaaten und gescheiterten Staaten genutzt werden, oder vielleicht in Ländern, in denen die Bürger bereits jeden Anschein einer Privatsphäre verloren haben. Es ist kein Zufall, dass das dysfunktionale Venezuela der erste Emittent einer staatlich unterlegten Kryptowährung (des «Petro») ist.

Das ultimative Hindernis für jede Kryptowährung ist, dass es letztlich eine Möglichkeit geben muss, ein Spektrum an Waren und Dienstleistungen zu erwerben, das über illegale Drogen und Auftragskiller hinausreicht. Wenn Staaten es irgendwann für ungesetzlich erklären, Coins in Geschäften und Banken zu verwenden, muss ihr Wert letztlich zusammenbrechen.

Viele Kryptoevangelisten beharren darauf, dass Bitcoin «digitales Gold» sei, und zwar unter anderem, weil das langfristige Angebot algorithmisch auf 21 Mio. begrenzt sei. Aber das ist Unsinn. Zum einen gibt es für Bitcoin anders als für Gold – das schon immer auch für andere Zwecke genutzt wurde und heute in einer Vielzahl neuer Technologien von iPhones bis hin zu Raumfahrzeugen zum Einsatz kommt – keine alternative Verwendung. Selbst wenn die Bitcoiner es schaffen sollten, eine Möglichkeit zur Senkung der phänomenalen Energiekosten der Transaktionsverifizierung zu finden, macht die Beschaffenheit von Decentralized-Ledger-Systemen diese deutlich ineffizienter als Systeme mit einem vertrauenswürdigen Mittler wie etwa einer Notenbank. Ohne ihre weitgehende Anonymität wird niemand sie nutzen wollen; behält man diese Anonymität bei, werden sie in den hochentwickelten Volkswirtschaften staatlicherseits nicht toleriert werden.

Digitales Gold?

Die Evangelisten tun derartige Bedenken ab: Bitcoin könne nach wie vor unglaublich wertvoll sein, solange ausreichend viele Menschen es als digitales Gold betrachten. Schliesslich sei Geld eine gesellschaftliche Konvention. Doch Ökonomen (ich eingeschlossen), die sich seit fünf Jahrzehnten mit dieser Art von Problem befassen, haben festgestellt, dass Preisblasen von Wirtschaftsgütern ohne intrinsischen Wert zwangsläufig irgendwann platzen. Die Preise von Wirtschaftsgütern mit einem real zugrundeliegenden Wert dagegen können von ihren historischen Bezugswerten nicht willkürlich weit abweichen. Vom Staat ausgegebenes Geld ist kaum eine blosse gesellschaftliche Konvention; der Staat bezahlt Angestellte und Lieferanten und verlangt die Bezahlung von Steuern in der Fiatwährung.

Doch ist es noch zu früh, um zu sagen, wie sich die neue Welt digitaler Währungen letztlich entwickeln wird. Die Notenbanken werden in das Spiel einsteigen (ihre Reserven werden bereits in Form digitalen Geldes gehalten), aber das ist nicht das Ende der Geschichte. US Treasury Direct etwa bietet Privatkunden eine extrem preiswerte Methode an, sehr kurzfristige US-Schatzanleihen in Stückelungen ab 100 $ zu erwerben, die mit anderen Systemteilnehmern gehandelt werden können. Allerdings machen strenge Sicherheitsmassnahmen die Nutzung des Systems relativ schwerfällig, und es besteht tatsächlich die entfernte Möglichkeit, dass Regierungen eines Tages eine der heutigen privaten Digitaltechnologien übernehmen.

Einheitliche Regulierung kommt

Für den Moment ist die wahre Frage, ob und wann eine globale Regulierung privat entwickelte Systeme, deren Überwachung und Kontrolle für die Regierungen teuer ist, ausmerzen wird. Jede grosse hochentwickelte Volkswirtschaft, die so wie Japan im letzten Jahr dumm genug ist, Kryptowährungen zu übernehmen, läuft Gefahr, zur globalen Geldwäschedestination zu werden. (Japans spätere Schritte, sich von Kryptowährungen zu distanzieren, könnten eine Ursache der diesjährigen Turbulenzen gewesen sein.) Letztlich werden die hochentwickelten Volkswirtschaften bei der Regulierung der Kryptowährungen mit Sicherheit eine einheitliche Linie verfolgen, so wie sie das bereits bei anderen Massnahmen zur Verhinderung von Geldwäsche und Steuerhinterziehung tun.

Dies jedoch lässt eine Vielzahl unzufriedener Akteure unberücksichtigt. Schliesslich haben heute viele Länder – darunter Kuba, der Iran, Libyen, Nordkorea, Somalia, Syrien und Russland – mit von den USA verhängten Finanzsanktionen zu kämpfen. Ihren Regierungen werden externe globale Auswirkungen nicht unbedingt wichtig sein, wenn sie Kryptowährungen fördern, die einen Wert haben könnten, sofern sie irgendwo genutzt werden.

Während der diesjährige Preissturz der Kryptowährungen also keine Überraschung sein sollte, liegt der Wert dieser Coins nicht zwangsläufig bei null. Wie bei Lotterielosen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie wertlos sind. Es besteht jedoch auch eine äusserst geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie – aus Gründen, die sich gegenwärtig schwer vorhersagen lassen – irgendwann sehr viel wert sein werden.

Copyright: Project Syndicate.

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