Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Whistle Stop – per Eisenbahn zum Wahlvolk

Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts reisten US-Präsidentschaftskandidaten im Zuge. So ­kamen sie den Menschen unmittelbar nahe. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Teddy Roosevelt war der erste Präsident, der einen ganzen Zug für seinen Wahlkampfstab orderte.»

Es ist kaum ein Menschenalter her, als letztmals eine amerikanische Präsidentschaftswahl mit einer Technologie des 19. Jahrhunderts entschieden wurde: mit der Eisenbahn. Im Wahlherbst 1948 tourte der demokratische Präsident Harry S. Truman, der kurz vor Kriegsende für den verstorbenen Franklin Roosevelt nachgerückt war, schier durchs ganze Land. In seinem Sonderzug mit dem passenden Namen «Magellan», nach dem portugiesischen Weltumsegler, legte er gegen fünfzigtausend Kilometer zurück, stoppte zweihundert Mal und hielt dreihundertvierzig Reden.

Was die eindrückliche Statistik besagt: Truman suchte und fand die unmittelbare Nähe zum amerikanischen Volk, via das damalige soziale Medium Schiene (das Radio berichtete bereits davon; das Fernsehen war noch unausgereift). Solche Reisen hiessen «Whistle Stops». Das stand ursprünglich für kleine Stationen mit Halt auf Verlangen – sobald der Lokführer eine in Sichtweite hatte, zog er an der Dampfpfeife (das klagende Krächzen aus den Westernfilmen) und erhielt, allenfalls, von der Station ein Signal: Stop, es sind Passagiere, Fracht, Post aufzunehmen.

Potus auf Schienen

Schon gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen amerikanische Politiker, die Bahn – seinerzeit das einzige effiziente Verkehrsmittel im weitläufigen Land – zu benutzen, um nicht nur auf das Intermedium der gedruckten Presse (mithin der unzuverlässigen Journaille, manches ändert sich nie) angewiesen zu sein.

Als Standard setzte es sich durch, mit einem gecharterten Zug nach einem exakten Plan von Ort zu Ort zu tuckern; das zuvor von lokalen Blättern informierte, von Parteiorganisatoren aufgebotene Wahlvolk wartete bereits und sammelte sich, nachdem die Bremsen ausgequietscht hatten, am Ende der Zugskomposition: Der letzte Waggon war in der Regel ein Kanzelwagen, ein «Observation Car» mit offener Plattform (häufig in festlichem Rot-Weiss-Blau): Dort präsentierte sich der Kandidat dem Volk, hielt seine Rede – und liess dann weiterfahren, in die nächste kleine, mittlere, grosse Stadt.

Trumans Trip in dem als fahrendes Weisses Haus ausgestatteten «Magellan» hat sich gelohnt. Der Amtsinhaber, von Washington-Wahrsagern und Medien-Meinungsmagiern längst als chancenlos abgeschrieben, besiegte den republikanischen Herausforderer Thomas Dewey. Auf einem ikonischen Foto der amerikanischen Zeitgeschichte hält der breit grinsende Truman, auf der Plattform des «Magellan», am 4. November 1948 ein druckfrisches Exemplar «Chicago Daily Chronicle» in die Höhe. Das Blatt war nach ersten Zwischenergebnissen fertig redigiert worden und titelte fett auf der Front: «Dewey defeats Truman». Selten hat jemand eine Zeitungsente derart genossen.

Begonnen hatte das Jahrhundert der Eisenbahn, ein gewaltiger Komfortsprung nach der Pferdekutsche, um 1830; wenn in den USA damals von «Road» die Rede war, von Strasse, hiess das in erster Linie «Railroad». Ungefähr ab dem Ende des Sezessionskriegs (1861-1865) kamen Präsidenten wegen zunehmender Arbeitslast kaum noch aus Washington heraus. Ein ernstes Problem, denn die USA reichten längst von Küste zu Küste; sie hatten Alaska gekauft, Hawaii annektiert und waren nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 zur Weltmacht geworden, präsent von Puerto Rico bis zu den Philippinen.

So nutzten sie denn zunehmend die Möglichkeit, wohlorganisiert per Zug mit den Leuten direkt Kontakt aufzunehmen. Als erster Präsident scheint das Benjamin Henry Harrison (1889-1893) ausgiebig praktiziert zu haben. In seiner Ära entstand im Stab des Weissen Hauses der heute noch gängige Code Potus (President Of The United States), im Zusammenhang mit dem Chartern von Spezialzügen.

Der erste richtige, wenngleich einseitige Eisenbahnwahlkampf war derjenige von 1896, zwischen dem Republikaner William McKinley und dem Demokraten William Jennings Bryan. Dieser soll auf vier Reisen auf einer Strecke von addiert zehntausend Meilen gegen zweihundert Reden gehalten haben, etwa alle fünfzig Meilen eine. Lange Ansprachen können das kaum gewesen sein, eher bündige, standardisierte Adressen; die Hauptaufgabe von Jennings’ Helfern dürfte darin bestanden haben, ihm die richtige Ortsangabe ins Ohr zu flüstern («Sir, wir sind in Pleasant Hill, Missouri»). Doch diese Whistle-Stop-Tour führte nicht bis zur Endstation Weisses Haus.

Der Rivale und Sieger McKinley verliess sich noch auf die traditionelle «Front Porch Campaign»: Er sass zu Hause in Canton, Ohio, auf der Veranda und empfing Delegationen aus der ganzen Republik, denen er seine Botschaft vermittelte. Der gegenwärtige demokratische Herausforderer Joe Biden betreibt, pandemiebedingt, auch so etwas wie eine Front Porch Campaign, digitale Version 2.0. Amtsinhaber Donald Trump fällt das Distanzhalten schwerer. Selbst mit akutem Covid liess er sich per Auto ums Spital chauffieren.

McKinley wurde 1901 ermordet. Sein Nachfolger Teddy Roosevelt (von 1901 bis 1909) war der erste Präsident, der einen ganzen Zug für seinen Wahlkampfstab orderte. Roosevelt, legendär für seine Liebe zu allem Abenteuerlichen, hielt sich oft im Führerstand auf und bediente die Lok mitunter gleich eigenhändig. Als Präsident auf Schienen unerreicht ist William Taft (1909-1913), der auf den ersten Roosevelt folgte. Er legte in seiner Amtszeit enorme hunderttausend Meilen im Zug zurück und besuchte dabei jeden kontinentalen Bundesstaat, ausgenommen Norddakota.

Reagans Nachspiel 1984

Zurück zum «Magellan», den Franklin Delano Roosevelt hatte einrichten lassen – zugleich war FDR (von 1933 bis 1945) der erste Präsident, der oft flog. Der Höhepunkt der Bahn-Bonanza in den USA war damals bereits vorüber; Glenn Millers Ohrwurm «Chattanooga Choo Choo» von 1941 war noch aktuell – und doch schon leicht nostalgisch. Nach dem Ersten Weltkrieg nämlich, just als die Bahnen in den USA in voller Blüte standen, kam die Fertigung kostengünstiger Autos für den Massenmarkt auf; Henry Ford (F 10.01 1.62%) setzte den Wandel Amerikas vom Bahn- zum Autoland in Gang. Der Bau des Interstate-Strassensystems ab 1950 besorgte dann den Rest.

Der «Magellan» steht heute in Miami in einem Museum. Er kam im Oktober 1984 zu seinem letzten Einsatz: Ronald Reagan, ein begnadeter Causeur und Charmeur, mixte einen Eintages-Whistle-Stop durch Ohio in seine (triumphale) Wiederwahlkampagne. Der foto- und telegene Abstecher soll ihm viel Spass bereitet haben.

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