Meinungen

Widerstandsfähige Wirtschaft

Die Schweizer Exporte erreichten im zweiten Quartal einen Rekordstand. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Das Erfolgsmodell der Schweizer Wirtschaft ist nicht naturgegeben, es muss stets verteidigt werden.»

Es ist schon erstaunlich: Die Pandemie ist global keineswegs ausgestanden, viele Länder stöhnen immer noch unter Einschränkungen – und die Schweizer Wirtschaft stellt im zweiten Quartal einen Exportrekord auf. Erstmals wurden in einem Quartal für mehr als 60 Mrd. Fr. Güter exportiert. Gegenüber dem Vorquartal ergab sich ein Plus von 3,2%.

Einen kleinen Wermutstropfen allerdings gibt es: Die Zunahme ist recht einseitig, drei Viertel gehen auf das Konto der chemisch-pharmazeutischen Produkte. Immerhin stiegen auch die Ausfuhren von Metallen und Uhren weiter an.

Dessen ungeachtet ist die dynamische Exportentwicklung als starkes Zeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs zu interpretieren. Dies wird durch die Entwicklung am Arbeitsmarkt bestätigt. Die Arbeitslosenquote ist im Juni von 3,1 auf 2,8% gesunken. Dieser Sommerrückgang entspricht zwar dem normalen saisonalen Verlaufsmuster – und überrascht trotzdem. Normalerweise hinkt die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen der Konjunktur eher hinterher. Das scheint jetzt nicht der Fall zu sein.

Vorbehaltlich neuer, einschränkender Coronamassnahmen dürfte die Wirtschaft 2021 auf einen Wachstumskurs zurückkehren. Ob das von den Konjunkturexperten des Staatssekretariats für Wirtschaft prognostizierte Wachstum von 3,6% wirklich erreicht wird, ist noch offen, nachdem im ersten Quartal noch ein Rückgang hingenommen werden musste. Zentral ist, dass sich die Wirtschaft erholt.

Auch in der Coronakrise erweist sich die Schweizer Wirtschaft als widerstandsfähig. Das hat im konkreten Fall zunächst mit den Abfederungsmassnahmen des Bundes zu tun: Trotz des Lockdowns konnte – wenn auch mit immensem finanziellem Aufwand – eine Explosion der Arbeitslosigkeit sowie eine Konkurswelle verhindert werden. Das ist erfreulich.

Das allein hätte aber kaum gereicht, um die Wirtschaft so rasch wieder auf einen kräftigen Wachstumspfad zu führen. Es zahlt sich einmal mehr aus, dass die Schweizer Wirtschaftspolitik den Unternehmen vergleichsweise viele Freiheitsgrade belässt. Dadurch konnten sie sich im internationalen Wettbewerb stählen. Zudem kann der Arbeitsmarkt recht flexibel auf sich ändernde Herausforderungen reagieren.

Dennoch sind Vorbehalte anzubringen bzw. ist vor Risiken zu warnen. Der Staat dringt auch in der Schweiz immer mehr ins private Wirtschaftsleben ein und interveniert an allen Ecken und Enden. Dieser schleichende Prozess wurde durch Corona massiv beschleunigt, staatliche Interventionen wurden und werden geradezu freudig begrüsst – auch wenn da und dort mehr Zurückhaltung angebracht wäre.

Dasselbe gilt für die Klimapolitik, in der sogar bürgerliche Parteien nach mehr staatlichen Interventionen rufen. Ganz zu schweigen von Vorstössen wie der 99%-Initiative der Jungsozialisten, die eine massive Umverteilung von oben nach unten verlangt.

Das Erfolgsmodell der Schweizer Wirtschaft ist nicht naturgegeben, es muss stets verteidigt werden. Es basiert auf liberalen Errungenschaften, die immer stärker in Frage gestellt werden – das ist gefährlich.

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