Unternehmen / Schweiz

Wie Aktivisten andere Investoren ins Boot holen

Glaubwürdige Kampagnen mit langfristigem Fokus stossen bei Institutionellen auf Gehör.

Aktionärsaktivismus nimmt zu. Global standen 2018 gemäss Zahlen von Lazard 226 Unternehmen im Fokus, ein Fünftel mehr als 2017. Und in der Schweiz zählte Deloitte im vergangenen Jahr 25 verschiedene Aktionen oder Kampagnen, ein Mehrjahresrekord. Hierzulande betrafen die Forderungen von Aktivisten unter anderem ABB (ABBN 18.065 1.09%), Aryzta (ARYN 0.708 3.6%), Comet (COTN 84.45 1.38%), Meyer Burger (MBTN 0.391 -1.16%), Nestlé (NESN 107.76 1.2%), Orell Füssli (OFN 91.5 -0.54%) und Panalpina (PWTN 218 3.12%) sowie ihre Verwaltungsräte und Managements.

Je mehr Aktivisten von anderen Investoren unterstützt werden, umso grösser ist ihr Einfluss. Denn oft halten sie nur wenige Prozent an den Unternehmen. Die grössten Chancen auf Rückhalt im übrigen Aktionariat gibt es, wenn die Aktivisten eine glaubwürdige Argumentation haben, die auf die langfristige Unternehmensstrategie abzielt. Das ergab eine am Montag veröffentlichte Studie des Governance-Beraters Morrow Sodali. Jeder zweite der befragten Investoren bejahte diese Aussage.

Strategische Fragen im Fokus

Auch wenn das Unternehmen eine unklare Strategie hat (46% Zustimmung), eine Fehlallokation von Kapital (43%) aufweist oder wenn der Verwaltungsrat den Anliegen der Aktionäre zu wenig Rechnung trägt (37%) beziehungsweise die Corporate Governance mangelhaft ist (33%), wird eine Unterstützung der Aktivisten wahrscheinlich. Inhaltlich richten sich Aktivisten gemäss Morrow Sodali inzwischen stark auf strategische Fragen wie Fusionen und Übernahmen (M&A) und Mittelverwendung. In der Vergangenheit waren finanzielle Restrukturierung und operative Verbesserungen wichtiger.

Strukturelle Entwicklungen können gemäss der Untersuchung den Trend zum Aktivismus erklären. Eine davon ist der Siegeszug der passiven Anlagen – in den vergangenen zehn Jahren sind 1,5 Bio. $ in Indexfonds und ETF geflossen, während aktive Gefässe 1,4 Bio. $ verloren haben. Als Folge davon übernähmen traditionelle, auf Long-only-Ansätze ausgerichtete Anbieter aktivistische Strategien, um sich von passiven Anlagen zu differenzieren und höhere Gebühren zu rechtfertigen, so die Studie.

Governance-Themen als Hebel

«Grundsätzlich sollten Verwaltungsräte den Aktivisten so begegnen wie jedem anderen Investor der entsprechenden Grösse», sagt dazu Andrea Bischoff, Senior Director bei Morrow Sodali und für den deutschsprachigen Raum zuständig. Aktivisten nutzten Governance-Themen häufig als Hebel – die eigentlichen Interessen seien aber andere. «Je weniger Governance-Baustellen ein Unternehmen hat, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Aktivisten viel Unterstützung von der breiten Investorenwelt erhalten», betont Bischoff.

Weitere Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass der Dialog mit dem Verwaltungsrat für Investoren an Bedeutung gewinnt. Fast neun von zehn Investoren erklärten, dass ein «proaktiver und regelmässiger Austausch mit dem Verwaltungsrat» das Verständnis für die Kultur, die Ziele und die Risiken des Unternehmens verbessert.

Kurzer Draht zu den Investoren

Das habe auch für das Unternehmen Vorteile, meint Bischoff. «Engagement ist die beste Verteidigung. Es ist wichtig, dass der Verwaltungsrat die Sensibilitäten der Investoren kennt und einen kurzen Draht zu den Entscheidungsträgern bei den Abstimmungen an der Generalversammlung hat.» Bei der Wahl von Verwaltungsräten achten Institutionelle vor allem auf Fähigkeiten (70%) und Unabhängigkeit (67%), gefolgt von Branchenerfahrung (41%).

Befragt wurden 46 globale institutionelle Investoren, die zusammen 33 Bio. $ Assets under Management aufweisen. Morrow Sodali führt die Umfrage seit 2016 durch.

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