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Wie die USA Covid-19 besiegen können

Die Kontrolle einer Pandemie erfordert eine weitgehende Mobilisierung. Ein Kommentar von James K. Galbraith.

James K. Galbraith
«Die USA haben im Bereich der Krankenversorgung enorme Kapazitäten, doch Millionen Menschen haben keinen oder einen zu geringen Versicherungsschutz.»

Der japanische Angriff auf Pearl Harbor traf die USA überraschend und unvorbereitet, doch sie wurden schnell ihrer Illusionen befreit. Für die Covid-19-Epidemie trifft das nicht zu. Der Angriff ist im Gange, und unsere Verteidigungsmechanismen sind ausgefallen – doch bisher sind unsere Illusionen intakt geblieben.

Dies wird sich bald ändern. Die Infektionsrate und die Zahl der Todesopfer steigen, und die Aktienkurse fallen. Die Ereignisse in China haben die globalen Lieferketten auseinanderbrechen lassen, und Indien hat gerade den Export bestimmter Generika verboten. Schon jetzt gibt es Lieferengpässe bei medizinischen Schutzmasken, und so alltägliche Waren wie Handdesinfektionsmittel sind schwer zu bekommen. Die stark globalisierte, konsum- und finanzorientierte US-Wirtschaft ist nicht auf eine Pandemie auslegt.

Was das Krankenversorgungssystem des Landes angeht, ist die Lage sogar noch schlimmer. Die USA haben im Bereich der Krankenversorgung enorme Kapazitäten, doch Millionen Menschen haben keinen oder einen zu geringen Versicherungsschutz, keine Papiere oder zögern aufgrund von Zuzahlungen, Abzügen und nicht abgedeckten Gebühren schlicht, einen Arzt oder eine Notaufnahme aufzusuchen. Bei einer Pandemie – in der jeder Infizierte eine Gefahr für die gesamte Bevölkerung darstellt – ist dies ein Rezept für eine Katastrophe. Hier muss sich jeder ohne Angst vor den Folgen melden können, testen lassen können und eine kostenlose Behandlung erhalten – und das schliesst die Armen, die Obdachlosen und Personen ohne gültige Papiere ein.

Fatales Misstrauen gegen die Behörden

Das medizinische Personal ist in den USA nicht dafür gerüstet, und die Einrichtungen sind nicht darauf ausgelegt, eine potenziell explosionsartige Zunahme der Zahl an Menschen zu bewältigen, die isoliert werden und eine spezialisierte Betreuung brauchen. Wo der Ausbruch die örtlichen Kapazitäten übersteigen, werden womöglich Krankenhausbetten und Quarantäneeinheiten benötigt, und Patienten mit einer ansteckenden Krankheit über grössere Entfernungen in verfügbare Betten zu verlegen, ist eine riskante Strategie. Eine effektive Schulung derjenigen, die sich um die unter Quarantäne gestellten Menschen kümmern, ist zentral; andernfalls wird sich das Virus unter dem Personal ausbreiten. Zudem müssen medizinische Betriebsmittel wie Testsets und Schutzanzüge bedarfsgerecht an die jeweiligen Standorte ausgeliefert werden.

Der Fluss normaler ziviler Güter stellt ebenfalls ein Risiko dar. Die Kaufkraftreserve der US-Haushalte ist riesig; falls sich diese entscheiden sollten, plötzlich Trocken- und Dosennahrung, Papiertücher, Batterien, Aspirin und andere Waren des täglichen Bedarfs zu horten, könnte es Versorgungsengpässe bei diesen Allerweltsartikeln geben. Wenn Fabriken schliessen und Vertriebsketten abreissen, kann sich das Problem dominoartig verschärfen, weil jeder Engpass eine neue Panikwelle auslöst. Allermindestens steigen die Preise, sodass einkommensschwache Haushalte dann zum Kauf dieser Produkte nicht mehr in der Lage sind.

All diese Probleme werden durch das weit verbreitete Misstrauen gegenüber den US-Behörden und den kommerziellen Medien verschärft. Um dieses Problem zu lösen, muss die Regierung die Centers for Disease Control und die Federal Emergency Management Agency anweisen, den Amerikanern genau zu schildern, was passiert, und ihnen klare, glaubwürdige Instruktionen zu geben. Direkte regelmässige Massenmittelungen von kompetenter wissenschaftlicher Seite statt von Politikern und Medien können dazu beitragen, die Ruhe zu wahren, zu risikoarmem Verhalten ermutigen und Panik vermeiden helfen.

Fed kann unterstützen

Zudem sollten die Centers for Medicare & Medicaid Services ermächtigt werden, alle Test- und Behandlungskosten für Covid-19-Fälle zu übernehmen, und zwar ohne Ausnahme oder rechtliche Risiken. Tests und Behandlung «bezahlbar» zu machen, reicht nicht; die Krankheit lässt sich nicht entsprechend der wirtschaftlichen Schicht begrenzen. Bei einer Pandemie gibt es keine akzeptable Alternative zu einer kostenlosen Krankenversorgung für alle.

Um die nötigen Einrichtungen zu finanzieren, sollte der US-Kongress eine Körperschaft öffentlichen Rechts nach dem Vorbild der Reconstruction Finance Corporation aus der Zeit der Grossen Depression einrichten. Wie die RFC, die während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach Munitionsfabriken und Krankenhäuser baute, sollte diese Körperschaft mit umfassenden Befugnissen zur Gründung öffentlicher Unternehmen, zur Kreditvergabe an private Unternehmen (zur Finanzierung der erforderlichen Produktionsmassnahmen) und zur Kostenübernahme bei sonstigen Notfällen ausgestattet sein. Sogar noch schneller kann die Nationalgarde eingesetzt werden, um kritische Lieferprobleme zu lösen und Notfalleinrichtungen wie etwa Feldspitäler und Quarantänezentren aufzubauen.

Die US-Notenbank kann die von Krankenhäusern und anderen Gesundheitsdienstleistern ausgegeben Schuldpapiere aufkaufen und Massnahmen ergreifen, um die Kreditmärkte zu stabilisieren, wie sie das 2008/2009 getan hat.

Produzieren wie im Krieg

Schliesslich sollte die US-Regierung Notstandsbefugnisse zur Zuteilung unverzichtbarer medizinischer Güter erhalten, um sicherzustellen, dass die gesamte Bevölkerung bedarfsgerecht und einkommensunabhängig Zugriff auf grundlegende Schutzausstattung und Medikamente erhält. Die meisten dieser Artikel sind von einfacher und preiswerter Beschaffenheit, daher könnten die Lieferprobleme von kurzer Dauer sein. Doch falls sie nicht rasch gelöst werden, ist die Regierung gemäss dem Defense Production Act von 1950 berechtigt, dem privaten Sektor Befehle zu erteilen, und die Preise sollten kontrolliert werden, um Preistreiberei zu verhindern.

Verglichen mit einem Weltkrieg ist Covid-19 ein kleines Problem, das zu bewältigen sein sollte. Doch die Kontrolle einer Pandemie erfordert nichtsdestotrotz eine Mobilisierung: einen umfassenden, Ressourcen, Dienstleistungen, Finanzmittel und Informationen abdeckenden Ansatz. Der Bevölkerung muss die dringende Notwendigkeit radikaler Verhaltensänderungen, der Störung täglicher Routinen und entschlossener Massnahmen zur Verhinderung destruktiver, auf schnelle Gewinne ausgerichteter Spekulationen bewusst werden.

Keine Zeit verschwenden

Auch hier bietet der Angriff auf Pearl Harbor einen nützlichen Präzedenzfall. Innerhalb von zwei Tagen hatten die USA den Krieg erklärt und Massnahmen zur Herstellung der Kriegsbereitschaft eingeleitet. Während die Japaner gegen Malaya vorrückten, erliessen die USA ein landesweites Verbot des Verkaufs von Gummireifen, um Panikkäufe zu unterbinden und wichtige Nutzer zu schützen, sowie ein Tempolimit von 35 Meilen pro Stunde (56 km/h), um Gummi und Kraftstoff zu sparen. Dies waren schnelle, entschlossene Befehle, die allgemein akzeptiert wurden. Sie zeigten, dass sich die amerikanische Bevölkerung wenn nötig ein um gemeinsames Ziel scharen kann.

Angesichts der jetzt das Land belastenden Covid-19-Epidemie sollten sich die Amerikaner ihrer Geschichte erinnern. Wir haben schon grössere Krisen gemeistert. Die Institutionen und Praktiken sowie der Gemeinsinn, die unseren Eltern und Grosseltern gute Dienste leisteten, können das auch für uns tun. Aber wir dürfen nicht einen Moment verschwenden.

Copyright: Project Syndicate.