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Meinungen

Wie die Volkswirtschaft überlebt

Solide Unternehmen mit intakten Aussichten müssen erhalten werden, damit sich die Schweiz nach der Coronakrise möglichst rasch erholen kann. Ein Kommentar von David Dorn.

David Dorn
«Die aktuelle Krise unterscheidet sich deutlich von früheren Rezessionen.»

Das Coronavirus hat sich binnen weniger Wochen in der ganzen Welt ausgebreitet. In vielen anderen Ländern sind zurzeit Einkaufsgeschäfte, Freizeitanlagen, Schulen und Bürogebäude geschlossen, um die Verbreitung des Virus durch Tröpfcheninfektion in grösseren Menschengruppen zu verhindern. Es zeichnet sich ab, dass solche Massnahmen in der Schweiz zum gewünschten Effekt führen: Die Wachstumsrate der Neuansteckungen fällt.

Doch es wird immer deutlicher, dass die Schliessung von Geschäften erhebliche unerwünschte Nebenwirkungen hat. Der teilweise Stillstand der Wirtschaft wird in diesem Jahr eine weltweite Rezession hervorrufen. Manche Branchen können gar keine Wertschöpfung mehr betreiben, weil sie ihren Betrieb einstellen mussten; viele Zuliefererbranchen erleben einen Einbruch der Nachfrage nach ihren Produkten. Die Wirtschaftskrise trifft viele Menschen empfindlich und führt zu Einkommensausfall, der für manche existenzbedrohend ist.

Was ist die adäquate wirtschaftspolitische Antwort auf diese Krise? Da es in den letzten hundert Jahren keine vergleichbare Pandemierezession gab, kann man sich nur bedingt auf Erfahrungswerte stützen. Es würde deshalb nicht erstaunen, wenn Ökonomen in dieser Situation eine Vielzahl unterschiedlicher und teils gegensätzlicher Empfehlungen abgeben würden. Doch interne Diskussionen am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich haben schnell zu einem weitreichenden Konsens geführt. Alle 35 Professorinnen und ­Professoren des Instituts haben ein Positionspaper unterzeichnet, das zum wirtschaftspolitischen Umgang mit der Coronakrise Stellung nimmt.

Tests und Contact Tracing

Es betont zwei Schlussfolgerungen. Erstens ist der Aufbau von zusätzlichen Kapazitäten für Virustests von überragender Bedeutung, nicht nur aus epidemiologischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht. Zweitens muss verhindert werden, dass an sich tragfähige wirtschaftliche Strukturen durch die Krise zerstört werden und Menschen in eine finanzielle Notlage geraten.

Umfangreiche Virustests sind wichtig, um infizierte Personen rasch einer adäquaten medizinischen Versorgung zuzuführen, und sie erlauben es, der Verbreitung des Virus entgegenzuwirken. Werden die infizierten Personen erkannt, so können gezielt sie in Quarantäne gesetzt werden, statt dass die ganze Bevölkerung zu Hause bleiben muss. Zusätzlich braucht es ein gut ausgebautes Contact Tracing, das gezielte Aufspüren von Personen, die Kontakt mit infizierten Personen hatten und die deshalb ebenfalls auf das Virus getestet werden sollten. Südkorea und Singapur haben dank einem gut ausgebauten Regime von Tests, Contract Tracing und Quarantäne erreicht, dass sich das Virus weniger stark ausgebreitet hat als in der Schweiz, ohne dass zu drastischen Massnahmen wie der umfangreichen Schliessung von Geschäften und Versammlungsverboten gegriffen werden musste.

Die Forderung nach zusätzlichen Testkapazitäten kann leichter erhoben als erfüllt werden. Derzeit ver­suchen viele Länder, mehr Tests zu beschaffen; dementsprechend knapp sind manche der dafür be­nötigten Apparate und Materialien. Doch aus wirtschaftlicher Sicht lohnen sich Investitionen in Testkapazitäten, auch wenn diese einen hohen Aufwand erfordern. Eine Modellrechnung im Positionspapier der Zürcher Ökonomen ergibt, dass selbst das Testen der gesamten Schweizer Bevölkerung deutlich billiger wäre als die wirtschaftlichen Kosten einer Verlängerung der Schliessung von Geschäften um einen weiteren Monat.

Damit die Schweiz nach Aufhebung der gegenwärtigen Einschränkungen keine neue Explosion der Ansteckungen erlebt, müssen auch die Kapazitäten für das Contact Tracing erhöht werden. Im Kanton Zürich gab es Ende Februar nur gerade siebzehn Contact Tracers, die bald überfordert waren, als der Kanton täglich über hundert Neuansteckungen vermeldete. Ihre Arbeit kann zudem erleichtert werden durch Zugriff auf Mobilfunkdaten oder Teilnehmerlisten von Veranstaltungen, die das Aufspüren von Kontaktpersonen erleichtern. Die Verwendung solcher Daten stellt zwar einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen dar, doch Gleiches gilt auch für die bestehenden Geschäfts- und Versammlungsverbote, die darüber hinaus einen enormen wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Der Bundesrat hat bereits richtige und wichtige Schritte unternommen, um diesem Schaden entgegenzuwirken. Zurzeit können Hunderttausende Erwerbs­tätige in der Schweiz ihrer üblichen Tätigkeit nicht oder nur in verringertem Umfang nachgehen. Die meisten von ihnen erhalten nun einen Erwerbsersatz aus dem Kurzarbeitsprogramm der Arbeitslosenversicherung. Anders als die Bezüger von regulären Arbeitslosen­geldern bleiben Kurzarbeiter in ihrem Betrieb angestellt. Dies ist ein grossen Vorteil in einer Krise, die die ­Aktivität der Unternehmen nur vorübergehend reduziert; sobald sie ihre Produktion wieder hochfahren, können sie sofort auf ihre angestammte und eingeübte Belegschaft zurückgreifen. Wenn eine Gesellschaft dagegen in der Krise Angestellte entlässt und manche von ihnen einen anderen Arbeitgeber finden, dann muss sie zuerst wieder in Rekrutierung und Ausbildung investieren, wenn sie zum Normalbetrieb übergehen möchte. Die Kurzarbeit hat sich bereits in der Finanzkrise von 2009 bewährt. Eine Forschungsarbeit der ETH-Ökonomen ­Daniel Kopp und Michael Siegenthaler zeigt, dass damals Tausende Arbeitsplätze erhalten und Erwerbs­tätige vor dem Abgleiten in die Langzeitarbeitslosigkeit bewahrt werden konnten.

Unternehmen droht Überschuldung

Kurzarbeit kann Arbeitsplätze jedoch nur dann erhalten, wenn die betroffenen Unternehmen die Krise überleben. Sie müssen dank Kurzarbeit zwar weniger Löhne zahlen, aber andere Kosten wie Mieten fallen auch dann fort­laufend an, wenn aufgrund der Schliessung von Geschäften keine Einnahmen mehr erarbeitet werden können. Der Bund unterstützt die Unternehmen deshalb, indem er die Bürgschaft übernimmt für Notkredite, die ihnen von Banken vergeben werden. Von diesen Krediten wird bereits rege Gebrauch gemacht. Sie schützen die Unternehmen vor einer kurzfristigen Zahlungs­unfähigkeit, erhöhen jedoch auch ihre Verschuldung. Letzteres wird dazu führen, dass manche Gesellschaften längerfristig nicht mehr überlebensfähig oder zumindest in ihrer Entfaltungsfähigkeit stark eingeschränkt sein werden. Aus diesem Grund sollten die Unternehmen nicht zu einer vollständigen Rückzahlung der Finanzhilfen verpflichtet werden.

Der Ruf nach strukturerhaltenden Massnahmen stösst in wirtschaftsliberalen Kreisen normalerweise mit gutem Grund auf Ablehnung. In einem marktwirtschaftlichen System scheiden fortlaufend wenig produktive Unternehmen aus dem Markt aus, womit sich Arbeitskräfte und Kapital hin zu produktiveren Gesellschaften verschieben. Rezessionen können zudem eine Korrektur bringen, mit der zuvor übermässig angeschwollene Branchen wieder auf ein nachhaltiges Niveau schrumpfen. Die aktuelle Krise unterscheidet sich jedoch deutlich von früheren Rezessionen. Betroffen sind nicht nur die schwächsten Branchen und Firmen, sondern auch viele Wirtschaftszweige und Unternehmen mit solidem Geschäftsmodellen und intakten Zukunftsperspektiven. Damit die Schweizer Volkswirtschaft die Krise gut überlebt, müssen diese Unternehmen und ihre Arbeitsplätze erhalten werden, um so eine schnelle Erholung der Wirtschaft nach der Krise zu gewährleisten.

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