Märkte / Derivate

Wie ein strukturiertes Produkt entsteht

Damit ein strukturiertes Produkt rasch und reibungslos funktioniert, braucht es das Zusammenspiel vieler Akteure, wie das Beispiel eines Tagesablaufs zeigt.

Marco Stauffacher

6.30 Uhr

Bereits früh morgens auf dem Weg zur Bank schnappt der Produktspezialist aus den Online-Tagesmedien und dem Radio die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Neuigkeiten auf.

Kaum ist er im Handelsraum angekommen, werden diese Informationen durch die Konsul­tation von Finanzinformationssystemen wie Bloomberg und Thomson Reuters ergänzt. Dann folgt das interne Research, das ausgiebig studiert wird, sodass sich der Produktspezialist schon früh ein Bild davon machen kann, was für Schlagzeilen den Tag an der Börse bestimmen werden.

8.30 Uhr

Der Abteilungsleiter ruft zur allmorgend­lichen Sitzung. Rund zwanzig Produkt­spezialisten tauschen sich über die wichtigsten Handelsbewegungen und Kundenaktivitäten des Vortages aus, schätzen den Einfluss der letzten Nachrichten auf das Marktgeschehen ab und disku­tieren Produktalternativen. So wurde zum Beispiel der drohende Zahlungsausfall der USA thematisiert und versucht, die Implikationen für Aktien, Zinsen, Anleihen, Währungen und Rohstoffe zu bestimmen. Welche Entwicklungen werden grundsätzlich für das Börsengeschehen unmittelbar und in naher Zukunft von ­Bedeutung sein? Szenarien werden ent­wickelt und diskutiert.

9 Uhr

Die nächste Sitzung: Das Ziel ist, die ­Diskussion und die Erkenntnisse aus dem ersten Meeting in konkrete Produktvorschläge umzumünzen. In einem kleinen Gremium, bestehend aus Produkt­strukturierern, Händlern, Advisors und Verkauf, werden verschiedene Produkt­alternativen diskutiert. Im Zentrum steht dabei immer der Kunde. Soll die Bank ein kapitalgeschütztes Produkt anbieten, das es Investoren erlaubt, am Aufwärtstrend der Börsen zu partizipieren, und mit dem für den schlimmsten Fall zumindest ein Teil des eingesetzten Kapitals trotzdem geschützt ist? Erlaubt es das Marktumfeld, attraktive Konditionen bereitzustellen, und welcher oder welche Basiswerte sollen herangezogen werden? Eine delikate Angelegenheit, denn es steht eine Fülle von Auszahlungsprofilen zur Verfügung. Mit dieser Palette kann praktisch jedem Kundenwunsch in jedem Szenario entsprochen werden – genau das ist der spannendste Bereich im Geschäft mit strukturierten Produkten. Nach dem Produktmeeting werden verschiedene Strukturen konkretisiert.

Die Strukturierungsabteilung macht sich im Anschluss ans Meeting daran, die Strukturen zu «pricen», also den Ausgabepreis festzulegen und darzulegen, wie die Produktbedingungen konkret aus­sehen werden. In der Zwischenzeit beginnt das nächste Meeting. Zusammen mit der Rechtsabteilung werden verschiedene Regulierungsansätze und die Implikationen für den Markt für struk­turierte Produkte diskutiert. Es handelt sich um eine zentrale Frage, denn jederzeit muss der rechtliche Rahmen ein­gehalten werden. Verschiedene Änderungen in der Produktdokumentation werden besprochen und zur vertieften Abklärung weitergeleitet.

10 Uhr

Am Desk sind die besprochenen Produktpricings eingetroffen. Nach kurzer Prüfung werden die Konstrukte mit potenziellen Kunden diskutiert, wobei: Die wertvollsten Inputs kommen häufig direkt von den Kunden, diese haben ihrerseits den Markt analysiert und sich eine eigene Meinung dazu gebildet.

10.20 Uhr

Es ist so weit, ein Kunde stellt eine Produktanfrage. Er will von der Bank einen Preis für ein 95%iges kapitalgeschütztes Produkt auf drei Blue-Chip-Aktien – konkret auf den Worst Performer der drei ­grossen SMI-Titel Nestlé (NESN 116.58 +2.05%), Novartis (NOVN 87.12 -0.80%) und Roche –, Laufzeit ein Jahr in Franken, gestellt bekommen. Die Händler prüfen die Anfrage und kommen in kurzer Zeit mit einem handelbaren Preis zurück. Dieser wird mit dem Kunden diskutiert. Die Konditionen gefallen ihm, und er entschliesst sich, das Produkt zu kaufen. Dazu wird ein indikatives Termsheet (Faktenblatt) erstellt, damit der Kunde die genauen Produktspezifikationen kennt.

Gibt er das Okay für den Abschluss, wird der Händler aktiv und fixiert die Konditionen. Der Händler nimmt also keinesfalls die Gegenposition zum Kunden ein, sondern repliziert das Auszahlungsprofil der Option. Im geschilderten Fall kauft er – deltaadjustiert – zuerst die zugrundeliegenden Aktien. Nachdem das Produkt erstmals gehandelt worden ist, wird erneut die Rechtsabteilung involviert. Sie zeichnet für die korrekte finale Produktdokumentation verantwortlich.

10.35 Uhr

Jetzt wird das Midoffice aktiv. Es sorgt ­dafür, dass der Trade korrekt in den Handelssystemen der Bank erfasst wird, ruft bei der Börse die Valorennummer ab und stellt gleichzeitig sicher, dass das ­Produkt auf der Internetseite und im ­internen Zeichnungssystem erscheint. Auch das  Treasury wird involviert, fliesst ihm doch am Emissionstag das «Funding» aus der Emission zu. Bereits jetzt muss sich das Treasury Gedanken machen, wie das Geld angelegt werden soll. Das Backoffice wiederum sorgt dafür, dass das Produkt am Emissionstag «gesettled» wird, das heisst, dass das Produkt gegen Zahlung ins Depot des Kunden gebucht wird. Entscheidet sich die Bank dafür, das Produkt zu bewerben und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird die Marketingabteilung auf den Plan gerufen und werden die Druckvorlagen erstellt.

Wenn das Produkt gehandelt wird, die Produktkonditionen also fixiert sind, endet die Primärmarktphase. Von da an stellt der Händler An- und Verkaufskurse im ­Sekundärmarkt. Der Kunde kann das ­Produkt also jederzeit auch vor Verfall ­veräussern.  Das Emissionshaus ist dementsprechend über den gesamten Lebenszyklus des Produkts gefordert. Auch Corporate Actions der Unternehmen, wie zum Beispiel Aktiensplits, müssen erfasst und in den Produktkonditionen adjustiert werden. Hinter den Kulissen wird so von verschiedenen Abteilungen der Bank sichergestellt, dass das Produkt von der Idee bis zum Verfall und zur Rückzahlung einwandfrei funktioniert.

11 Uhr

Das erste Produkt wurde gehandelt. Viele weitere werden folgen. Inzwischen hat eine Partnerbank angerufen und ein spezifisches Pricing angefragt. Da das Produkt eine Standardstruktur ist, wird diese heutzutage fast vollautomatisch durch­ge­han­ delt. Der Trend zur Automatisierung über «Customized Product Tools» verändert die Arbeit der Spezialisten. Sie haben wieder vermehrt Zeit, um die Märkte zu analysieren und mit Kunden zusammen Ideen zu entwickeln. Da viele administrative Funktionen wegfallen respektive die Arbeit automatisiert wird, können Kundenkontakt und Marktbezug intensiver gestaltet werden. Das ist gut so, denn die regulatorischen Anforderungen steigen und fordern Kunden wie Produkt­anbieter gleichermassen.

11.30 Uhr

Zeit zum Durchatmen gibt es kaum. Ein Management-Meeting wurde einberufen. Der Leiter strukturierte Produkte wird von den Fachverantwortlichen auf den neusten Stand gebracht und gibt seinerseits die notwendigen Informationen und Anregungen weiter. Das Gremium hat die Aufgabe, das Geschäft mit strukturierten Produkten laufend weiterzuentwickeln und die wichtigsten Entwick­lungen zu antizipieren – denn die Kon­kurrenz schläft nicht.

12.30 Uhr

Die erste Tageshälfte ist im Nu vorüber­gegangen.  Der Produktspezialist rennt, ein Sandwich in der Tasche, aufs Tram. Sonst riskiert er, zu spät zum Kunden­termin zu erscheinen. Um den Kunden dreht sich das tägliches Geschäft.

15.30 Uhr

Zurück im Büro, warten weitere Pricings und Kundenanfragen. Bis Börsenschluss um 17.30 Uhr wird in der Abteilung durchgearbeitet.