Ursprünglich gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Florentiner Fachmesse für Herrenmode und -Accessoires eines Tages zum unverzichtbaren Mega-Fashion-Event werden sollte. Anlässlich des ersten Salone im Jahr 1972 besuchten nur gerade 526 Personen die wenigen 45 Aussteller.

Neunzig Auflagen später (der Anlass findet zweimal jährlich statt) sieht die Lage ganz anders aus: Letzten Juni gaben sich 1219 Aussteller und 36’000 Besucher aus aller Welt die Ehre. Das Medieninteresse für die Edition SS17 (Spring/Summer 2017) war mit 927 akkreditierten Journalisten gewaltig.

Fortan mietet die Organisatorin Pitti Imagine in der ganzen Stadt Florenz verstreut 60’000 m2 Ausstellungsfläche. Um diesen Erfolg zu verstehen, genügt der Blick auf die jüngere Vergangenheit.

Vor ein paar Jahren kamen die Street-Style-Blogs auf, die über die weltweit besten Strassenlooks berichteten. Auf der Suche nach Stoff für ihre Online-Journale reisen Starblogger wie Tommy Ton oder Scott «The Sartorialist» Schuman auch nach Florenz, um elegant gekleidete Italiener abzulichten.

Ihre Aufnahmen werden überall publiziert und bieten so Pitti Uomo eine optimale Plattform, was wiederum neue Blogger, Trendsetter und andere bekanntheitssüchtige Wannabes anzieht. Alle bemühen sich um einen noch originelleren Auftritt und buhlen um die Aufmerksamkeit der versammelten Fotografen.

Gleichzeitig ist die allgemeine Stimmung in der Modewelt wenig euphorisch. Angesichts der schwächelnden Weltwirtschaft und dem Ballett der künstlerischen Direktoren beschliessen renommierte Modehäuser, ihre Shows für Männer und Frauen in einem einzigen Anlass zusammenzufassen oder gar überhaupt darauf zu verzichten. Was natürlich das Interesse für die Fashion Weeks erheblich dämpft.

Im Gegenzug erkennen diese Labels schnell die Vorzüge von Pitti Uomo und sind glücklich, quasi zwei Fliegen mit einem Streich zu schlagen. Erstens sind die wichtigen Einkäufer vor Ort, zweitens erhalten sie dank Blogs und sozialen Netzwerken gratis weltweite Aufmerksamkeit.

Unter den Ausstellern zu erwähnen sind etwa Victorinox. Nach dem Engagement des britischen Kreativdirektors Christopher Rayburn dringt der berühmte Hersteller des Schweizer Sackmessers in Riesenschritten in die Modewelt vor.

Jason Gallen, CEO der Division «Victorinox Global Apparel» mit Sitz in New York, hat sich schon vor fünf Jahren für die Stadt am Arno entschieden. Eine nachweislich kluge Wahl. «Wir sind mit dem Mix der Aussteller sehr glücklich, denn in Florenz sind kleine und grosse Akteure der Herrenmode gleichzeitig präsent. Ausserdem nimmt die Zahl der Einkäufer aus Asien und Amerika markant zu. An Pitti Uomo realisieren wir 25% des Jahresumsatzes.»

Eine Vitrine, auf die selbst die Grössten der Branche nicht verzichten möchten. An der letzten Ausgabe im Juni zeigte Karl Lagerfeld im prachtvollen Palazzo Pitti sein jüngstes fotografisches Oeuvre. Raf Simons, vormals künstlerischer Direktor von Dior, präsentierte seine Herrenkollektion im ehemaligen Güterbahnhof Stazione Leopolda, und Cartier lud Hunderte Gäste in den Palazzo Gondi zur Premiere der neuen Herrenuhr «Drive».

Dank Pitti Uomo herrscht in der Herrenmode heute Umbruchstimmung.