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Wie funktioniert eigentlich die US-Notenbank?

Ein Gremium von neunzehn Köpfen befindet über die US-Geldpolitik. Die Struktur des Federal Reserve Systems vereinigt staatliche und dezentrale Elemente.

Kaum ein Ereignis sorgt an den Finanzmärkten derzeit für so viel Aufmerksamkeit wie die Zinssitzungen der Notenbanken. Mitte Juni wird US-Notenbankchefin Janet Yellen erneut vor die Presse treten und ihre Einschätzung der Geldpolitik erläutern – jedes ihrer Worte kann  dann für Bewegung an den Finanzmärkten sorgen. Umso ratsamer ist es für Anleger, einen Blick hinter die Kulissen des Federal Reserve (Fed) zu werfen, um herauszufinden, wie die geldpolitischen Entscheidungen eigentlich getroffen werden.

Das Federal Reserve System besteht aus dem Board of Governors, zwölf Distriktnotenbanken, rund 3000 Banken – dazu zählen etwa alle national tätigen Finanzinstitute – sowie weiteren Institutionen, die Bankgeschäfte anbieten und abwickeln.

 

Das Führungsgremium

Das weitaus wichtigste Fed-Gremium ist der Offenmarktausschuss (FOMC, Federal Open Market Committee), der acht Mal jährlich tagt und die Parameter der Geldpolitik bestimmt. Dazu gehört die Festlegung des Zinssatzes, zu dem sich die Banken über Nacht Geld leihen, der sogenannten Federal Funds Rate. Der Zielwert liegt derzeit bei einer Spanne von 0 bis 0,25%. Auch die unkonventionellen Stimulusprogramme (QE, Quantitative Easing) wurden im FOMC beschlossen. Im Visier hat das Fed bei den Entscheidungen die Erfüllung seines dualen Mandats, das seit 1978 gilt: Die Wahrung der Preisstabilität und die Vollbeschäftigung.

Das FOMC besteht aus neunzehn Mitgliedern, dem siebenköpfigen Board of Governors und den zwölf Präsidenten der regionalen Notenbanken. Das gesamte Gremium ist an den geldpolitischen Sitzungen anwesend und alle geben ihre Einschätzung zur Wirtschaftslage und Geldpolitik ab. An der formalen Abstimmung nehmen jedoch nur zwölf Mitglieder teil, darunter alle Gouverneure, die mit sieben Stimmen die Mehrheit stellen. Die Distriktnotenbanken sind mit vier Stimmen vertreten: Die Präsidenten wechseln sich im Jahresrhythmus ab und sind für jeweils ein Kalenderjahr stimmberechtigt (vgl. Textbox unten). Einzige Ausnahme ist die Distriktnotenbank New York, sie verfügt über ein ständiges Stimmrecht. Die Sonderstellung erklärt sich dadurch, dass  sie für die Umsetzung des vom FOMC beschlossenen Zinsziels verantwortlich ist.

Die heutige Struktur des Offenmarktausschusses besteht seit 1942. Die Distriktnotenbanken stellen sicher, dass die regionalen Gegebenheiten berücksichtigt werden, während das Board eine nationale Sichtweise einnimmt und die Koordination übernimmt. Damit ermöglicht das System eine zentralisierte Geldpolitik, gleichzeitig fliesst eine Vielzahl von Sichtweisen in den Entscheid ein.

Die Leitung der US-Notenbank obliegt dem siebenköpfigen Board of Governors, das seinen Sitz in Washington D.C. hat. Neben der Teilnahme am FOMC hat das Board eine Aufsichtsfunktion im Bankensystem, indem es etwa die Distriktnotenbanken überwacht. Die Mitglieder werden vom US-Präsidenten nominiert und müssen vom Senat bestätigt werden. Eine Amtsperiode dauert vierzehn Jahre – damit wird die Stabilität und Kontinuität im Ausschuss gewährt.

 

Alle Landesteile vertreten

Das Board stellt auch den Chef der Notenbank: Mit Janet Yellen steht erstmals in der hundertjährigen Fed-Geschichte ein Frau an der Spitze. Yellen ist die Vorsitzende des FOMC und muss zweimal jährlich vor dem Kongress erscheinen, um Auskunft über die Geldpolitik geben. Sie übt das Amt für vier Jahre aus und kann danach wiedergewählt werden. Ihr steht ein Vize-Präsident zur Seite, der ebenfalls für einen Turnus von vier Jahren gewählt wird. Die Position ist derzeit allerdings vakant. Nominiert ist Stanley Fischer, der vergangen Woche vom Senat als Mitglied des Boards bestätigt wurde. Seine Wahl dürfte eine reine Formsache sein.

Die Distriktnotenbanken sind in vier Gruppen unterteilt, jeweils ein Präsident von jeder Gruppe ist im FOMC stimmberechtigt. Damit wird sichergestellt, dass verschiedene Landesteile bei der Abstimmung vertreten sind. Die Distriktnotenbanken stellen vor dem Treffen des Offenmarktausschusses einen Bericht zur Wirtschaftslage in ihrer Region zusammen, dazu holen sie Stimmen aus verschiedensten Branchen ein. Während etwa die Region San Francisco Einblick in die Entwicklung im Silicon Valley geben kann, ist die Wirtschaft im Raum Chicago stark geprägt von der Automobilindustrie. Das Fed publiziert die gesammelten Informationen der Distriktnotenbanken zwei Wochen vor der Zinssitzung, bekannt ist der Bericht als «Beige Book».

Das Treffen streckt sich über zwei Tage. Basierend auf den Diskussionen formuliert die Vorsitzende einen Vorschlag für die weitere Geldpolitik. In einer formalen Abstimmung geben die zwölf Stimmberechtigten schliesslich ihr Votum ab. Ein Entscheid muss nicht einstimmig gefällt werden. Das Protokoll (Minutes), das seit 2007 drei Wochen nach jedem FOMC publiziert wird, zeigt, dass es immer wieder abweichende Meinungen gibt. Sie kommen häufig von den Präsidenten der Distriktnotenbanken.

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