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Wie gesund ist das globale Finanzsystem?

Mohamed A. El-Erian, London
«Die Finanzrisiken greifen weiterhin auf bankenexterne Aktivitäten über.»
Eine neuerliche Finanzkrise dürfte kaum vom Bankensystem ausgehen. Aber es wäre verfrüht zu behaupten, alle Risiken in der Finanzwelt seien bewältigt. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

In den letzten Wochen haben politische Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks die Solidität und Stabilität des Finanzsystems bestätigt. Das US Federal Reserve hat im Juni bekanntgegeben, dass alle US-Banken den jüngsten jährlichen Stresstest bestanden hätten. Und jetzt hat Notenbankchefin Janet Yellen suggeriert, dass wir «zu unseren Lebzeiten» möglicherweise keine weitere Finanzkrise mehr erleben werden.

Zugleich hat das Financial Stability Board (FSB) – das weltweit die Regulierungspraxis überwacht, um sicherzustellen, dass sie die global vereinbarten Standards einhält – in einem Schreiben an die Staats- und Regierungschefs der G-20 erklärt, dass derzeit «toxische Formen des Schattenbankwesens» unterbunden würden.

Kurz gesagt: Die laufenden Massnahmen zur Stützung des globalen Finanzsystems haben sich unzweifelhaft ausgezahlt, besonders was die Verstärkung von Kapitalpolstern und die Säuberung der Bilanzen in wichtigen Teilen des Bankensystems angeht. Die jüngsten Zusicherungen der Entscheidungsträger sind beruhigend für diejenigen unter uns, die sich sorgen, dass bisher nicht genug passiert, um die systemischen Finanzrisiken zu mindern und sicherzustellen, dass die Banken der Realwirtschaft dienen, statt deren Wohl zu bedrohen.

Viele Fortschritte gemacht

Allerdings ist es noch zu früh, dem Finanzsystem als Ganzem eine gute Gesundheit zu bescheinigen. Die Bemühungen zur Stützung des Bankensektors hinken in einigen Teilen Europas den Anforderungen noch immer deutlich hinterher. Was noch wichtiger ist: Die Finanzrisiken greifen weiterhin auf bankenexterne Aktivitäten über.

Nachdem die Übernahme unverantwortlicher Risiken die Weltwirtschaft 2007/2008 beinahe in eine mehrjährige Depression gestürzt hatte, haben Regulierungsbehörden und Notenbanken in den hoch entwickelten Volkswirtschaften umfassende Anstrengungen unternommen, um ihre Finanzsysteme zu stärken. Zu diesem Zweck konzentrierten sie sich zunächst auf die Banken, die seitdem ihre risikoabsorbierenden Kapitalpolster verstärkt, ihre undurchsichtigen Bilanzen aufgeräumt, ihre Liquidität erhöht, die Transparenz gesteigert, den Umfang ihrer stark risikobehafteten Aktivitäten zurückgefahren und teilweise zur Abschreckung gegen unverantwortliches Verhalten ihre internen Anreize neu abgestimmt haben. Zudem wurde das Verfahren zur Abwicklung scheiternder und gescheiterter Banken verbessert.

Zusätzlich zur Stärkung des Bankensektors haben die Entscheidungsträger Fortschritte auf dem Weg zu einer Standardisierung der Derivatmärkte und in der Erhöhung von deren Robustheit und Transparenz gemacht. Dies verringert zudem die Gefahr künftiger Rettungsaktionen für unverantwortliche Finanzinstitute durch den Steuerzahler. Ausserdem wurde die Sicherheit des Zahlungs- und Abrechnungssystems erhöht und so die Gefahr eines plötzlichen Einbruchs der Wirtschaftsaktivität, wie er im vierten Quartal 2008 eingetreten war, verringert.

Kontinentaleuropa holt auf

Es war ermutigend zu sehen, wie die nationalen Behörden ihre Anstrengungen unter der Federführung des FSB koordiniert haben. Diese bessere Koordination hat das Risiko der Aufsichtsarbitrage verringert und wirkt der Gefahr entgegen, dass die Banken, wie es der ehemalige Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, so schön gesagt hat, «im Leben international, aber im Tode national» sind.

Die USA und Grossbritannien waren die Vorreiter in diesen Reformen, und Kontinentaleuropa ist bemüht, zu ihnen aufzuschliessen. Falls das gelingt, wird Yellens Zusicherung, dass das Bankensystem in den USA inzwischen «viel stärker» sei, auch für andere Länder in der entwickelten Welt mit systemisch wichtigen Banken gelten. Die zuversichtliche Behauptung des FSB, dass die Reformen den «Schwachstellen des globalen Finanzsystems, die die globale Finanzkrise verursacht haben», Rechnung tragen, wird dann zusätzliche Unterstützung erhalten.

Aber noch ist es zu früh, den Sieg zu verkünden. Obwohl das FSB das Finanzsystem als «sicherer, einfacher und fairer» beschreibt, erkennt es zugleich «sich abzeichnende Risiken, die, wenn man ihnen nicht entgegenwirkt, das G-20-Ziel eines starken, nachhaltigen und ausgewogenen Wachstums untergraben könnten».

Drei Risiken

Als Beobachter und Teilnehmer an den globalen Kapitalmärkten sehe ich besonders drei derartige Risiken.

Erstens wurden vorsichtiger regulierte Banken, als sie freiwillig oder unfreiwillig bestimmte Aktivitäten einstellten, durch bankenexterne Einrichtungen ersetzt, die nicht denselben Aufsichts- und Regulierungsstandards unterliegen.

Zweitens unterliegen bestimmte Segmente des bankenexternen Systems inzwischen einer «Liquiditätstäuschung», bei der einige Produkte Gefahr laufen, Kunden, die in gewissen, besonders schwankungsanfälligen Bereichen, wie hochrentierenden Anleihen und Unternehmensanleihen aus Schwellenmärkten, engagiert sind, mehr Liquidität zu versprechen, als sie gewährleisten können. Zugleich hat sich die Zahl börsengehandelter Fonds deutlich erhöht, während die Finanzintermediäre im Vergleich zu grösseren und komplexeren Endnutzern geschrumpft sind.

Fokus ausweiten

Drittens spürt das Finanzsystem die vollständigen Auswirkungen des technologischen Umbruchs, der durch Fortschritte in den Bereichen Big Data, künstliche Intelligenz und Mobilität herbeigeführt wurde und dabei ist, eine wachsende Zahl von Branchen auf den Kopf zu stellen, bisher noch gar nicht richtig. Die sich ausweitenden Aktivitäten im Bereich der Finanztechnologie (Fintech) werden bisher nur unzureichend reguliert und mussten auch den Test eines kompletten Marktzyklus noch nicht bestehen.

Sicherlich dürfte eine neuerliche systemische Finanzkrise, die das Wachstum und den wirtschaftlichen Wohlstand weltweit bedroht, eher nicht vom Bankensystem ausgehen. Aber es wäre verfrüht zu behaupten, dass wir bereits alle Risiken bewältigt haben, denen das Finanzsystem ausgesetzt ist.

Weil die Risiken ihre Gestalt verändert und sich aus dem Bankensystem heraus verlagert haben, werden Regulierungsbehörden und Aufsichtsstellen ihre Bemühungen verstärken und ihren Fokus über die Banken hinaus ausweiten müssen. Denn, um es mit den Worten von Greg Ip vom «Wall Street Journal» aus dem Jahr 2015 zu sagen: «Die Risiken aus einer Volkswirtschaft hinauszupressen, kann so ähnlich sein, wie auf ein Wasserbett zu drücken: Das Risiko tritt dann häufig an anderer Stelle wieder auf. So ist das auch mit den Bemühungen seit der Finanzkrise, das Finanzsystem sicherer zu machen.»

Copyright: Project Syndicate.