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Wie gesund sind Chinas Banken?

Staatliche Kapitalspritzen sind wohl unvermeidbar. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Auch haben die weiterhin vom Staat kontrollierten Grossbanken in den vergangenen Jahren Geld vorwiegend an öffentliche Körperschaften ausgeliehen. »

Die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), das gemessen an der Bilanz weltweit grösste Geldhaus, spürt – wie die gesamte Branche – die Abkühlung der chinesischen Konjunktur. Sie musste für das dritte Quartal vor allem als Folge der fallenden Immobilienpreise eine Zunahme der Risikokredite von 9% melden. Am Donnerstag warnte die Zentralbank denn auch prompt vor den steigenden Risiken im Bankensystem. Damit ist einmal mehr die Frage nach dem Gesundheitszustand des gesamten chinesischen Finanzmarktes in den Vordergrund getreten.

Dabei beläuft sich der Anteil der offiziell erfassten faulen Kredite weiterhin gerade mal auf etwas mehr als 1%. Auch der im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im dritten Quartal 8% gestiegene Gewinn  zeugt zumindest vordergründig von einer stabilen Lage. Dennoch trauen die Investoren den chinesischen Banken nicht, wie das auch die Kursentwicklung der an der Börse Hongkong gehandelten ICBC-Aktien spiegelt.

Die Skepsis der Investoren ist begründet, drehten in der weltweit zweitgrössten Volkswirtschaft die Banken in den Jahren nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise den Kredithahn doch voll auf, gemäss Anordnung der Regierung.

Damit wurde zwar ein Einbruch des Wachstums vermieden, doch der offiziell ausgewiesene Verschuldungsgrad ist binnen sieben Jahren von unter 100% auf mittlerweile über 250% gestiegen. Darin sind die Zahlen des Schattenbankensystems,  die einen ähnlich hohen Stand erreichen dürften, nicht inbegriffen.

Derek Ovington, Chef Bankenanalyse des chinesischen Brokerhauses CLSA, spricht angesichts dieser rasanten Entwicklung von der grössten Kreditblase, die die Welt je gesehen hat. Dass die Kapitalallokation oft nicht sehr effizient war, ist u. a. an den vielen leerstehenden Wohnblocks, ins Nichts führenden neuen Strassen oder unterbenutzten Containerhäfen zu sehen. Ovington nimmt an, dass sich der Anteil der notleidenden Kredite in Wahrheit auf über 10% beläuft.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass China vor einer Bankenkrise steht, wie die USA und die Eurozone sie jüngst erlebt haben. Zum einen sind in China komplexe Finanzprodukte wie Derivate nach wie vor nicht weit verbreitet. Damit sind auch die Kreditportfolios der Banken relativ übersichtlich. Auch haben die weiterhin vom Staat kontrollierten Grossbanken in den vergangenen Jahren Geld vorwiegend an öffentliche Körperschaften ausgeliehen. Diese lagern jetzt ihre Darlehen beschleunigt in Anleihen um. Zudem ist das Zinssystem Chinas weiterhin nicht voll liberalisiert, womit die Banken dank einer garantierten Zinsmarge über eine sichere Einnahmequelle verfügen. Verluste können so abgefedert werden.

Schliesslich wird der Staat wohl aber nicht darum herumkommen, die Banken mit Kapitalspritzen zu sanieren, wie er das schon in den Neunzigerjahren getan hat. Dabei ist aber sicher, dass auch die Privatanleger ihren Teil zur Rettungsaktion beitragen müssen. Die schlechte Performance chinesischer Finanzwerte zeigt, dass der Markt das vorwegnimmt.

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