Zum Thema: Dem BIP ist nicht blind zu trauen 17:01 - 22.07.2016

Wie Irlands Wirtschaft um ein Viertel gewachsen ist

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BIP
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
BNE
Entspricht dem BIP zuzüglich des ausländischen Nettoeinkommens aus Vermögen und Arbeitnehmertätigkeit. Es hat in der Statistik den früher verwendeten Begriff des Bruttosozialprodukts ersetzt.
Bilanz
Periodische Gegenüberstellung sämtlicher Aktiven und Passiven an einem Stichtag. Die Aktivseite gibt Aufschluss über die Verwendung der Mittel, während die Passivseite über die Beschaffung der Mittel (Finanzierung) orientiert. Teil des Geschäftsberichts .
Boom
Wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung, Hochkonjunktur. Gegenteil: Rezession .
Bruttoinlandprodukt
Wertschöpfung einer Volkswirtschaft . Die Entwicklung des BIP ist eine wichtige Einflussgrösse für die Gewinne der Unternehmen sowie das Zinsniveau und dadurch indirekt für Aktien und Obligationen .
Bruttonationaleinkommen
Entspricht dem BIP zuzüglich des ausländischen Nettoeinkommens aus Vermögen und Arbeitnehmertätigkeit. Es hat in der Statistik den früher verwendeten Begriff des Bruttosozialprodukts ersetzt.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .

Es ist kein gutes Zeichen, wenn sich eine Statistikbehörde rechtfertigen muss. «Das Statistikamt muss wirtschaftliche Schlüsselindikatoren gemäss internationalen Regeln berechnen», wird Jennifer Banim vom zentralen Statistikamt Irlands in einer Pressemitteilung zitiert. Das rapportierte BIP-Wachstum von 26,3% für 2015 würde «korrekt das globalisierte Wesen der irischen Volkswirtschaft wiedergeben.»

zoomDas sprunghaft gestiegene BIP lässt die Staatsverschuldung des Eurokrisenlandes Irland um einen Schlag von rund 100 auf nur noch 80% der Wirtschaftsleistung sinken. Doch wie wenig diese Zahl mit dem Wohlstand der Iren zu tun hat, zeigt sich im privaten Konsum. Der ist im vergangenen Jahr nur um 5% gestiegen.

Das hohe Wachstum ist auf internationale Konzerne zurückzuführen, die Irland aus Steuergründen als Standort gewählt haben. In die irische Niederlassung werden Patente, Lizenzen und andere immaterielle Vermögenswerte verschoben. Die Tochtergesellschaften des Unternehmens in anderen Ländern überweisen dann Lizenzgebühren an die irische Gesellschaft. Dadurch werden die Gewinne in den Ländern mit höheren Steuerraten gedrückt. Der Profit im steuergünstigen Irland steigt an.

Dadurch erwirtschaftet die Inselrepublik Jahr für Jahr einen hohen Handelsüberschuss. Doch gleichzeitig fliessen die Exporteinnahmen nicht ins Land, sondern werden an Ausländer abgeführt. Die Statistiker kennen einen Weg, um dieses Problem zu umgehen. Man schaut auf das Bruttonationaleinkommen (BNE) statt auf das Bruttoinlandprodukt. In dieser Grösse wird nur die Wertschöpfung durch Inländer berücksichtigt. So werden die Einkommen, die ins Ausland bezahlt werden, im BNE nicht berücksichtigt. Irland hatte vergangenes Jahr ein BIP von 255 Mrd. €, das BNE betrug dagegen nur 202 Mrd. €.

Doch auch das BNE ist im vergangenen Jahr um fast 20% gewachsen. Das ist auf die amerikanischen Steuergesetze zurückzuführen. Unternehmen mit Hauptsitz in den USA müssen dort ihren weltweiten Profit deklarieren. Daher verlagerten etwa Pharmaunternehmen ihren Konzernsitz nach Irland – und werden so zu Inländern, die ihre Profite und Wertschöpfung dort deklarieren, was die Wirtschaftsleistung auch gemäss Nationaleinkommen nach oben treibt.

Da in Irland meist nur der Verwaltungssitz besteht, laufen viele statistisch gemeldete Exporte physisch gar nicht durch das Land. Auf der Insel müssen für gute BIP-Zahlen nicht einmal Lagerhallen gebaut werden.

Vergangenes Jahr sorgte die Bilanzverlagerung für einen einmaligen Schub, der den massiven Anstieg des BIP erklärt. Denn die Verlagerung von Unternehmenssitzen liess die Investitionen in immaterielle Vermögenswerte nach oben springen. Für Einnahmen aus Lizenzen oder Patenten müssen keine Fabriken gebaut werden. Rein durch die Verlagerung der Bilanz erhöhte sich der Kapitalstock der Inselrepublik. Und auch eine zweite grosse Investitionsquelle ist rein virtuell. Unternehmen, die Flugzeuge verleasen, nutzen die niedrigen Steuersätze. Keines der dort registrierten Flugzeuge muss die Insel sehen, um fürs BIP gezählt zu werden.

Das kleine Irland ist ein Extrembeispiel. Es offenbart Schwächen der Wirtschaftsstatistik, die nicht einfach zu lösen sind. Eines ist aber klar: Gute BIP-Zahlen allein machen noch keinen Boom.

Dem BIP ist nicht blind zu trauenIrland will letztes Jahr 26% gewachsen sein. Das zeigt: Die Messung der Wirtschaftsleistung ist kompliziert und umstritten.
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