Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Meinungen

Wie Israel den Terrorismus abwehrt

Mauro Mantovani
«Der taktische Fokus geht tendenziell zu Lasten der strategischen Ebene.»
Israels Umgang mit der islamistischen Bedrohung stösst in Europa auf viel Kritik. Doch er hat teilweise Vorbildcharakter. Ein Kommentar von Mauro Mantovani.

Drei Jahre nach der Ausrufung des Kalifats durch den «Islamischen Staat» (IS) im Juni 2014 gab es in Europa und Nordamerika insgesamt 51 islamistische Terrorattacken mit 395 Toten. Im selben Zeitraum wurden in Israel und den besetzten Gebieten 756 solche Anschläge mit 322 Toten gezählt, zumeist durch unter Verwendung von Messern und Fahrzeugen. Berücksichtigt man überdies die Grössenverhältnisse, so wird deutlich, um wie viel mehr Israel dem Terrorismus ausgesetzt ist. Dies hat viel mit den islamistischen Organisationen zu tun, die in seiner Nachbarschaft ihre Basis haben: der Hisbollah im Libanon, der Islamische Jihad und der IS in Syrien, die Hamas im Gazastreifen. Zudem sieht sich Israel – dessen Bevölkerung fast zu 20% aus Arabern besteht – auch im Inland Untergrundorganisationen wie der unlängst verbotenen Islamischen Bewegung gegenüber.

Im Zuge der islamistischen Anschlagswelle im Westen hat sich das Experteninteresse an Israel markant erhöht. Offenkundig hat das Land einen jahrzehntelangen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit Terrorismus und Guerillaaktionen, und sein Sicherheitsapparat gilt als hocheffizient. So bewirkte etwa die israelische Operation «Defensive Shield» während des zweiten Palästinenseraufstands (Intifada, 2000–2005) einen Rückgang der erfolgreichen Attacken von rund 25% auf 10%.

Dieser Erfolg wird vor allem organisatorischen Reformen zugeschrieben: So wurde der für Israel und das Westjordanland zuständige Nachrichtendienst Shin Bet zur Kommandozentrale des Sicherheitsapparats umstrukturiert und die israelische Armee (IDF) schuf das Israeli Intelligence Corps. Beide Institutionen erheben dezentral Informationen und machen diese den Einsatzverbänden an Ort in Echtzeit zugänglich. Grundsätzlich sind Polizei, Nachrichtendienste und IDF (und dessen Nachrichtendienste Aman und die Einheit 8200) personell eng verschränkt.

Defensive und offensive Massnahmen

Letztlich wird der Erfolg der israelischen Terrorismusabwehr jedoch durch ein probates Massnahmenbündel herbeigeführt: Neben der taktischen Nutzung von Informationen sind es die Unterbindung von Waffenschieberei und Geldversorgung, hermetische Grenzsicherung (durch Pufferzonen, Mauern und Sicherheitszäune), Raumsicherung (durch Checkpoints) und die Zugangssicherung speziell zu öffentlichen Gebäuden: Vor Einkaufscentern, Bahnhöfen oder Verwaltungsgebäuden werden konsequent mitgeführte Taschen kontrolliert, biometrische Ausweise verlangt und Metalldetektoren eingesetzt. Besonders sensible kritische Infrastruktur, wie z.B. der Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv, ist durch einen mehrstufigen Sicherheitsperimeter gesichert.

Vor Flügen nach Israel kommen bekanntlich gezielte Befragungen zum Einsatz. Bei alldem wird stets ein Augenmerk auf junge, allein reisende Männer und Araber im Speziellen geworfen. Verkehrsknotenpunkte oder auch Busstationen werden zudem mit robusten Pollern gegen Fahrzeuganschläge geschützt. Die Bewegungs- und Operationsfreiheit von «Gefährdern» wird schliesslich durch Präventivhaft oder Ausgangssperren eingeschränkt.

Diese defensiven werden durch präventive Methoden ergänzt, die auch der Abschreckung dienen: militärische Kommandoaktionen und gezielte Tötungen, Vergeltungsmassnahmen gegen «Terrorhelfer» bis hin zur Zerstörung von Wohnhäusern von Attentätern und ihren Familien. Schliesslich besitzt Israel ein taktisches Raketenabwehrsystem, das gegen periodischen Beschuss aus der Nachbarschaft eine Wirksamkeit von angeblich 90% aufweist.

Nach Meinung von Insidern zeichnet sich der israelische Sicherheitsapparat durch flexiblere Strukturen und flachere Hierarchien aus sowie dadurch, dass Kaderpositionen aufgrund von Fachexpertise und Einsatzerfahrung (statt Managementkompetenzen und politischer Vernetzung) besetzt werden. Auch ist oft zu hören, dass der Sicherheitsapparat resolut nach taktischem Erfolg strebe – was tendenziell allerdings zu Lasten der strategischen Ebene geht: So wird anti-israelischer Propaganda kaum entgegengetreten oder Imagepflege für Israel betrieben, mit Folgen natürlich für die Rekrutierung von Terroristen. Auch wird Israel wohl nicht zu Unrecht vorgeworfen, es verzichte darauf, die Ursachen des Terrorismus anzugehen, nämlich das Fehlen eines politischen Ausgleichs mit den Palästinensern und deren Mangel an bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten, geschweige denn dieses endemische Defizit in der islamischen Welt.

Das israelische Sicherheitssystem profitiert von verschiedenen landestypischen Faktoren. Zum einen wird den Israelis ein überdurchschnittlicher Patriotismus nachgesagt, zum anderen trägt die allgemeine Wehrpflicht (auch für Frauen) zu einer erhöhten Selbstverteidigungskompetenz bei. Beides äussert sich bei Terroranschlägen in einem hohen Mass an Zivilcourage. So werden 30% der verhinderten Attentate auf das beherzte Eingreifen von Passanten zurückgeführt, nicht immer unter Einsatz von Waffen, denn die restriktive israelische Gesetzgebung bewirkt, dass auf 100 Einwohner nur 4.17 Waffen entfallen. Alternativ erfolgt die Intervention gegen Attentäter auch etwa mit Stühlen, Selfie-Sticks oder gar Musikinstrumenten. Immer wieder wird auch auf einen ausgeprägten, historisch bedingten Selbstbehauptungswillen hingewiesen. Dieser israelische «Spirit» soll auch die Ergebnisse psychologischer Studien erklären, die den Israelis hohe Widerstandskraft und Optimismus attestieren.

Zum Rückgrat der israelischen Terrorismusabwehr zählt zweitens die Durchlässigkeit von Sicherheitsapparat, Rüstungsindustrie und ziviler Wirtschaft, wie beispielsweise der florierenden Informatik- und Überwachungsindustrie. Davon profitiert nicht nur Israel selbst, sondern auch das Ausland: Das auf Videoüberwachung spezialisierte Unternehmen Ioimage etwa hält einen globalen Marktanteil von 37%. Der Verkauf von Technologie durch die Firma Allot Communication an Iran oder eines Social-Media-Algorithmus durch die Firma IntuView an Saudi-Arabien belegen, dass die Nachfrage ideologische Barrieren zu überwinden vermag.

Die Kehrseite der Medaille

Der hohe Wirkungsgrad der israelischen Terrorismusabwehr hat indessen seinen Preis: Den höchsten bezahlen wohl die Palästinenser, deren Bewegungsfreiheit und Wirtschaftsleben dadurch erheblich eingeschränkt werden. Der Terrorismus und seine Abwehr verursachen jedoch allgemein hohe Kosten: Schätzungen zufolge wäre das Pro-Kopf-Einkommen in Israel 2004, also gegen Ende der zweiten Intifada, rund 10% höher ausgefallen, hätte es die Gewalteskalation zuvor nicht gegeben. Zum anderen machen die Rüstungsausgaben in Israel 5,8% des Bruttoinlandprodukts aus, rund das Vierfache des europäischen Durchschnitts. Niemand wünscht sich natürlich solche Kosten für die Sicherheit; aber auch niemand eine Bedrohungsexposition, wie sie Israel hat.

In manchen Fällen muss sich die israelische Terrorismusabwehr vorwerfen lassen, unverhältnismässig oder gar kontraproduktiv zu sein. Auch verdient die Vernachlässigung der Wurzeln des Übels aus europäischer Sicht gewiss keine Zustimmung. Solche Schwächen und der hohe Preis sollten jedoch nicht daran hindern, einige Instrumente des Dispositivs zu prüfen: Dazu gehören eine flache, flexible Hierarchie des Sicherheitsapparats, eine durchlässige Nachrichtengewinnung und -auswertung, sodann Flugsicherheitsmassnahmen, die um die Befragung der Passagiere und den Schutz der Flugzeuge (z.B. gegen Boden-Luft-Raketen) erweitert sind. Und gewiss darf auch die Widerstandsfähigkeit der israelischen Bevölkerung als grundsätzlich erstrebenswert gelten.