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Wie könnte der digitale Franken aussehen?

Siebzehn Zentralbanken beschäftigen sich mit eigenen digitalen Währungen. Dafür gibt es verschiedene Modelle, erklärt die BIZ.

Alexander Trentin

Die Zentralbanken geben zwar Banknoten heraus. Doch digitales Geld haben sie an die Privatwirtschaft abgegeben: Guthaben auf den Konten sind Forderungen an eine Geschäftsbank – können also bei einem Bankkonkurs ausfallen. Und Zahlungen über Kreditkarten, Handy-Apps oder Bankkarten laufen über diese privaten Konten. Dazu kommt seit mehreren Jahren die Konkurrenz durch Kryptowährungen, allen voran Bitcoin. Daher arbeiten Zentralbanken an Projekten, um ihr eigenes digitales Geld für jeden Bürger ausgeben zu können.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel koordiniert die Bemühungen der Zentralbanken, mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten. Dazu hat sie Mitte vergangenen Jahres einen Innovation Hub gegründet, der über Teams in Hongkong, Singapur und der Schweiz verfügt. In ihrem neuen Quartalsbericht gibt sie eine Übersicht, wie eine Zentralbank-Digitalwährung (Central Bank Digital Currency, CBDC) aussehen könnte und welche Notenbanken schon daran arbeiten.

Für die Effektivität der Geldpolitik hätte solch eine digitale Währung grosse Vorteile. Langfristig könnte man etwa Bargeld abschaffen und so Negativzinsen weit unter null einführen. Die Digitalwährung könnte mit solch einem Negativzins belastet werden. Eine Möglichkeit zur Flucht in Bargeld würde es dann nicht mehr geben.

Viele Projekte, aber auch Zweifel

Der BIZ-Bericht nennt Projekte von siebzehn Zentralbanken, die sich mit der digitalen Währung beschäftigen, und fasst erste Zwischenergebnisse zusammen. Die Europäische Zentralbank (EZB) verspricht sich von der Digitalwährung einiges: «Eine CBDC als gesetzliche Währung könnte allen Nutzern prinzipiell Zugang zu einem günstigen und einfachen Zahlungsweg bieten.» Die schwedische Reichsbank sieht die Herausforderung darin, dass das Bargeld immer weiter verdrängt wird: «Wenn sich der jetzige Trend fortsetzt, wird in einigen Jahren Bargeld als allgemeines Zahlungsmittel nicht mehr akzeptiert werden.»

Die dänische Notenbank zeigt sich in einem Bericht skeptisch: «Die potenziellen Vorteile der Zentralbank-Digitalwährung entsprechen nicht den grossen Herausforderungen einer Einführung.» Die SNB wird vom BIZ-Bericht zu einem möglichen E-Franken zitiert mit: «Die zusätzlichen Vorteile sind momentan niedrig, die Risiken überwiegen.» Ecuador hat seinen Dinero Electrónico nach einem Pilotprojekt gar eingestampft. Das Land war aber ein Sonderfall, da es keine eigene Währung mehr verwendet, sondern der US-Dollar offizielles Zahlungsmittel ist.

Drei Modelle zur Auswahl

«Es steht eine vielfältige Auswahl an technischen Designs in Diskussion», fassen die BIZ-Experten zusammen. Daher brauche es internationale Koordination, um Erfahrungen auszutauschen.

Es gibt drei Möglichkeiten, wie so eine CBDC gestaltet werden kann.

Indirektes Modell: Hier gibt die Zentralbank das Geld nicht direkt heraus. Ähnlich wie im heutigen Modell gibt ein Intermediär, oder eine Bank, die Währung heraus. Er muss die ausgegebene digitale Währung aber eins zu eins als Reserven bei der Zentralbank halten. Wie im heutigen System würden Zahlungen und die Kommunikation mit den Privatkunden über den Intermediär ablaufen.

Direktes Modell: Die Zentralbank könnte ihre Währung ohne Umwege an Privatkunden herausgeben. Damit werden elektronische Zahlungen von der Notenbank auch organisiert: entweder als digitale Banknoten, als Konten von Bürgern bei der Notenbank oder eine von der Zentralbank entwickelte Kryptowährung.

Hybrides Modell: In diesem Modell werden die Digitalwährungseinheiten zwar von der Zentralbank ausgegeben, sie sind also eine Forderung von Bürgern an die Notenbank. Aber Sofortzahlungen und die Überprüfungen zur Einhaltung von Know-Your-Customer-Regeln (KYC) werden durch Intermediäre abgewickelt. Bei einem technischen Problem könnten die bei einem Intermediär gehaltenen Guthaben auf einen anderen übertragen werden, da die Notenbank immer den Überblick über alle Vermögensbestände hat.

Kein neuer Bitcoin

Die technische Umsetzung muss nicht nur die Frage beantworten, ob die gehaltene Digitalwährung der Bürger eine direkte Forderung an die Notenbank darstellt. Im zweiten Schritt geht es um die Frage, wie dezentral die Transaktionen ablaufen sollen. Die Zentralbank kann sich ein Vorbild nehmen an einer dezentralen Technologie wie Bitcoin. Oder sie kann alles völlig zentralisieren und Transaktionen einfach über Konten auf ihrer Bilanz abwickeln.

Die BIZ-Experten haben dazu untenstehenden Entscheidungsbaum aufgestellt:

Es steht dabei immer fest, dass die Notenbank auf jeden Fall den Wert der Währung garantieren muss. Sonst handelt es sich nicht um eine CBDC.

Im zweiten Schritt geht es um die Validierung von Transaktionen – zentral oder über eine Distributed Ledger Technology (DLT), ein verteiltes Kassenbuch. Eine zentrale Validierung würde wie bei einem klassischen Bankkonto funktionieren: Die Notenbank würde darüber entscheiden, ob eine Transaktion ausgeführt wird oder nicht.

Ein verteiltes Validierungssystem wird dagegen bei Kryptowährungen angewendet, bei Bitcoin steckt dahinter die Blockchain-Technologie.

Aber auch bei einem verteilten Ledger dürfte gelten: Die Zentralbank wird wohl nur verifizierte Partner in solch ein Netzwerk zulassen. Das nennt man Permissioned Distributed Ledger. Bei Bitcoin kann jeder mit einem Server an der Validierung von Transaktionen teilnehmen, es ist «permissionless».

Als Drittes muss darüber entschieden werden, wer Zugang zu dem System hat. Ob zentral oder verteilt. Entweder man muss sich persönlich identifizieren, hat also eine Art Konto. Oder ein Guthaben wird mit Verschlüsselungstechnologie geschützt. Man muss sich nicht identifizieren. Wie bei einer Banknote kann sie von jedermann verwendet werden. Nur dass die digitale Banknote entweder mit einem verteilten System validiert wird oder sie den Schlüssel zu Guthaben darstellt, der zentral von der Notenbank verwaltet wird.

Privatsphäre versus Geldwäsche

Eine zentrale Frage ist, wie stark die Privatsphäre geschützt werden soll. Es wäre aus Geldwäscheüberlegungen für eine Zentralbank wohl nicht vorstellbar, ein Kontensystem ohne jegliche Identifikationsvorgaben zuzulassen.

Selbst wenn keine persönliche Identifizierung notwendig wäre, hätte man bei einem digitalen System viel mehr Möglichkeiten, Transaktionen nachzuverfolgen, als bei Banknoten. Dadurch kann man Transaktionen wohl relativ einfach «deanonymisieren», also einer Person zurechnen.

Auch die Sicherheit der digitalen Vermögenswerte muss gewährleistet werden. Ist keine Identifizierung notwendig, könnte mit dem Verlust des Zugangsschlüssels alles Geld gestohlen werden.

Es gibt also viele Optionen und offene Fragen bei der Gestaltung einer neuartigen digitalen Zentralbankwährung. Kein Wunder, dass viele Notenbanker davor zurückschrecken. Mit dem Schwund an Bargeld in vielen Industrieländern und in Schwellenländern wie China drängt aber die Zeit, endlich von der Notenbank garantierte digitale Geldvermögen zu ermöglichen.