Meinungen English Version English Version »

Wie man einen Handelskrieg verliert

In den Dreissigerjahren wurden Zölle eingeführt, die die Weltordnung destabilisierten. Diese Lektion ist in Vergessenheit geraten. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Da es den USA an Inlandersparnissen mangelt, müssen sie überschüssiges Geld importieren und dazu massive Handels- und Leistungsbilanzdefizite in Kauf nehmen.»

Seit ihrem Amtsantritt ist die Regierung von US-Präsident Donald Trump protektionistisch eingestellt. Jetzt hat sie ihren Worten Taten folgen lassen und versucht, heimische Arbeiter vor dem zu schützen, was Trump ein «Blutbad schrecklicher Handelsabkommen» nennt. Leider ist dieser Ansatz bestenfalls rückschrittlich. Schlimmstenfalls könnte er zu Vergeltungsmassnahmen führen, die das Los der geschundenen amerikanischen Mittelklasse nur noch verschärfen. Genau auf diese Art beginnen normalerweise Handelskriege.

Das Ziel dieser Aktionen ist eindeutig China. Am 23. Januar wurden auf Basis des US-Handelsgesetzes von 1974 sogenannte Schutzzölle auf den Import von Solarmodulen und Waschmaschinen eingeführt, was sich hauptsächlich gegen China und Südkorea richtet. Dies könnte die Eröffnungssalve für eine ganze Serie von Massnahmen sein.

Im August letzten Jahres hat der US-Handelsbeauftragte Untersuchungen gegen China veranlasst, die sich über drei grosse Bereiche erstrecken: geistiges Eigentum, Innovationen und technologische Entwicklung. Dies hat wahrscheinlich weitere Sanktionen zur Folge. Auch eine Untersuchung über die Bedrohung der nationalen Sicherheit durch unfaire Stahlimporte richtet sich gegen China, den grössten Stahlproduzenten der Welt.

Nicht zeitgemäss, nicht sachgemäss

Von einem Präsidenten, der in seiner Antrittsrede vor einem Jahr versprach, Amerikas Grenzen «vor den Verwüstungen durch andere Länder zu schützen, die unsere Produkte herstellen, unsere Unternehmen stehlen und unsere Arbeitsplätze vernichten», kommen diese Massnahmen kaum überraschend. Doch das ist genau das Problem. Trotz Trumps Cri de coeur des «America first» könnte es passieren, dass sich die USA in diesem Handelskrieg auf der Verliererseite wiederfinden.

Zunächst einmal sind Zölle auf Solarmodule und Waschmaschinen völlig unzeitgemäss, da sich die globalen Lieferketten beider Industriebereiche momentan stark verändern: Seit einiger Zeit verlagert sich die Produktion von Solarmodulen aus China in Länder wie Malaysia, Südkorea und Vietnam, die heute gemeinsam für zwei Drittel der gesamten amerikanischen Solarimporte verantwortlich sind. Samsung, ein führender ausländischer Hersteller von Waschmaschinen, hat kürzlich eine neue Gerätefabrik in South Carolina eröffnet.

Darüber hinaus ignoriert die Trump-Regierung durch ihre enge Fixierung auf das grosse bilaterale Handelsdefizit gegenüber China immer noch die viel umfassenderen makroökonomischen Kräfte, die zu einem multilateralen Handelsdefizit der USA gegenüber 101 Ländern geführt haben. Da es den USA bei allen Konsum- und Wachstumswünschen an Inlandersparnissen mangelt, muss das Land überschüssiges Geld aus dem Ausland importieren und dazu massive Handels- und Leistungsbilanzdefizite in Kauf nehmen.

Zulasten der amerikanischen Konsumenten

Nimmt man also China oder andere Länder ins Visier, ohne das Hauptproblem der zu niedrigen Ersparnisse zu lösen, ist das, als würde man ein Ende eines mit Wasser gefüllten Ballons zusammendrücken: Das Wasser fliesst einfach ans andere Ende. Weil wegen der jüngsten Steuererleichterungen die US-Haushaltsdefizite in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich um mindestens 1 Bio. $ steigen werden, wird der Druck auf die inländischen Ersparnisse nur noch stärker. In diesem Umfeld stellen protektionistische Massnahmen für die bereits jetzt angespannte externe Finanzierungslage der USA eine ernste Bedrohung dar, weil sie sich negativ auf die Zinsen und den Wechselkurs des Dollars auswirken könnten.

Zusätzlich kann erwartet werden, dass Amerikas Handelspartner mit Gegenmassnahmen reagieren, was das exportorientierte US-Wirtschaftswachstum stark unter Druck setzen könnte. China etwa ist der drittgrösste und am schnellsten wachsende Exportmarkt der USA. Verhängt Peking seinerseits Strafzölle, wird dies die amerikanischen Exporte dorthin – Sojabohnen, Flugzeuge, Maschinen, Autoteile – empfindlich dämpfen, Natürlich könnte China jederzeit seine Käufe von US-Staatsanleihen drosseln, was ernste Auswirkungen auf Wertpapierpreise hätte.

Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass das Versiegen der bestehenden Handelsflüsse wahrscheinlich zu Preisanpassungen führen würde. Der Wettbewerbsdruck durch kostengünstige Auslandproduktion hat in den USA seit 2010 zu einer Senkung der Durchschnittskosten für Solaranlagen um 70% geführt. Durch die neuen Zölle werden sich die Preise für ausländische Solarmodule erhöhen – was letztlich einer Steuererhöhung für Energiekonsumenten entspricht und den Bemühungen um eine kohlenstofffreie Versorgung entgegenwirkt. Eine ähnliche Reaktion kann von den Produzenten importierter Waschmaschinen erwartet werden. LG Electronics, ein führender ausländischer Lieferant, hat als Reaktion auf die US-Zölle gerade eine Preiserhöhung von 50 $ pro Gerät angekündigt. Also befinden sich die amerikanischen Konsumenten nach dem ersten Geplänkel der Trump-Regierung bereits jetzt auf der Verliererseite.

Bewährte WTO-Verfahren

Entgegen Trumps grossspurigen Reden gibt es für Handelskriege keine Gewinnstrategie. Das bedeutet natürlich nicht, dass die US-Politiker davor zurückschrecken sollten, unfaire Handelspraktiken zu bekämpfen. Genau zu diesem Zweck wurde der Schlichtungsmechanismus der Welthandelsorganisation (WTO) eingeführt, der sich in den vergangenen Jahren für Amerika sehr vorteilhaft ausgewirkt hat. Seit der Gründung der WTO 1995 wurden 123 der 537 vorgebrachten Fälle von den USA eröffnet, darunter 21 gegen China. Auch wenn die Rechtsprechung der WTO Zeit und Mühe benötigt, hat sie doch meist im Sinne der USA entschieden.

Als Rechtsstaat können es sich die USA kaum leisten, ausserhalb eines regulierten globalen Handelssystems zu agieren. Besonders deutlich wird dies anhand der Tragödie des Rückzugs der Trump-Regierung aus der Transpazifischen Partnerschaft, da diese einen neuen und mächtigen Rahmen zum Umgang mit chinesischen Handelspraktiken mit sich gebracht hätte.

Bilaterales Abkommen mit China nötig

Gleichzeitig haben die USA alles Recht der Welt, auf einen fairen Zugang ihrer multinationalen Konzerne zu ausländischen Märkten zu bestehen. Im Laufe der Jahre wurden weltweit über 3000 bilaterale Investitionsabkommen geschlossen, um eine solche Gleichbehandlung zu garantieren. Dass es zwischen den USA und China kein solches Abkommen gibt, ist eine extreme Ausnahme. Folglich sind die Möglichkeiten für US-Unternehmen, an der schnellen Expansion des chinesischen Konsumgütermarktes teilzunehmen, stark eingeschränkt. Jetzt, angesichts der neuen Spannungen im Handelsbereich, gibt es auf ein solches Abkommen keinerlei Hoffnung mehr.

Handelskriege sind ein Tummelplatz für Verlierer. Mit einem Präsidenten, der versprach, Amerika werde endlich wieder «gewinnen», ist dies vielleicht die grösste Ironie überhaupt. 1930 machten der Senator Reed Smoot und der Abgeordnete Willis Hawley das gleiche leere Versprechen. Daraufhin wurden protektionistische Zölle eingeführt, die die Grosse Depression verschärften und die internationale Ordnung destabilisierten. Leider ist diese Lektion, eine der schmerzhaftesten der modernen Geschichte, heute in Vergessenheit geraten.

Copyright:  Project Syndicate.

Leser-Kommentare