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Wie sich die Schweiz in der inflationären Welt behauptet

Erstmals seit Monaten steigt die Inflationsrate nicht mehr. Dahinter verbergen sich unterschiedliche Aspekte.

Die Inflation hat ein Einsehen. Nach dem starken Anstieg der vergangenen Monate ist die Bewegung für einmal zum Stillstand gekommen. Im Juli beträgt in der Schweiz die Jahresteuerung 3,4%, genauso viel wie im Juni.

Die Nullrunde im Vormonatsvergleich ist unterschiedlichen Entwicklungen zu verdanken. Die Gaspreise sind 9,1% gestiegen. Damit zeigt sich, dass das befürchtete Gasembargo Russlands gegenüber der EU auch der Schweiz wirtschaftlich schaden würde. Ausserdem nahmen pünktlich mit dem Beginn der Ferienzeit die Preise in der Parahotellerie markant zu (+17,6%).

Im Gegenzug schwächten sich die Preise wichtiger Güter im Warenkorb ab, der dem Landesindex der Konsumentenpreise (Lik) zugrunde liegt. Heizöl wurde 3,3% billiger, Benzin stagnierte (–0,3%). Auch der Sommerschlussverkauf für Bekleidung und Schuhe drückte das Gesamtergebnis nach unten.

Auf Kurs mit der Nationalbank

Damit liegt die Inflation zu Beginn des dritten Quartals nur leicht über der Schätzung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die für Juli bis September von 3,2% ausgeht. Danach, so die Währungshüter, werde die Teuerungsrate von Quartal zu Quartal etwas tiefer ausfallen. Die Juliwerte des Lik unterstützen diese Vorhersage. Die Teuerungsdynamik in der Schweiz scheint tatsächlich nachzulassen.

Nicht nur sind zum ersten Mal dieses Jahr die Konsumentenpreise im Monatsvergleich nicht mehr gestiegen. Auch sinkt erstmals seit Januar die Kernteuerung gegenüber dem Vormonat: Ohne Energie und Treibstoffe (sowie frische und saisonale Produkte) haben sich die Konsumentenpreise im Juli 0,2% abgeschwächt. Das lässt darauf hoffen, dass sich die Lage im zweiten Halbjahr allmählich entspannt. Die SNB geht davon aus, dass die Teuerungsrate im ersten Quartal 2023 unter 3% sinken wird.

Andere Länder würden die Schweiz um diese Inflation beneiden. Fast überall fällt sie im Ausland viel höher aus. Der weltweite Inflationsschub hat die Staaten unterschiedlich stark erfasst. Allein unter den vier Nachbarländern der Schweiz reicht die Teuerung von 6% in Frankreich bis 9% in Österreich.

Nach wie vor eine Hochpreisinsel

In der Schweiz steigen die Konsumentenpreise unter anderem auch deshalb weniger als im Ausland, weil das Preisniveau hierzulande schon überdurchschnittlich hoch ist. Insgesamt mussten Schweizer für Konsumgüter letztes Jahr 35% mehr bezahlen als EU-Verbraucher, kalkulieren die Ökonomen von Raffeisen Schweiz.

Vor allem Nahrungsmittel seien wegen der hohen Einfuhrbarrieren viel teurer, angeführt von Fleischprodukten mit einem Aufschlag von nahezu 250%. Fast nur Haushaltselektronikprodukte sind etwas günstiger als im europäischen Ausland, wegen des intensiven Wettbewerbs und der geringeren Mehrwertsteuer. Nicht viel kostspieliger als in der EU sind darüber hinaus Autos und Möbel.

Der Effekt der Hochpreisinsel führt dazu, dass Anbieter versuchen, die Preise zu senken, um konkurrenzfähiger zu werden. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts war das im Lebensmittelsektor zu beobachten. Das Preisniveau ging deutlich zurück, korrigierte allerdings später nach oben. Ein permanenter Abwärtsdruck auf das Schweizer Preisniveau geht hingegen seit über zehn Jahren vom Pharma- und Gesundheitssektor aus.

Warten auf den Zweitrundeneffekt

Alle Augen sind auf den sogenannten Zweitrundeneffekt gerichtet. Natürlich werden die hohen Energie- und Materialpreise an Käufer und Konsumenten weitergereicht. Offen ist noch, wie sehr auch die Löhne anziehen werden. Eine Kompensation des realen Kaufkraftverlusts der Privathaushalte ist angezeigt, um zu verhindern, dass der Konsum einbricht. Allein im ersten Quartal ist die reale Kaufkraft pro Kopf im OECD-Raum um 1,1% geschrumpft. Steigen die Löhne allerdings zu sehr, dürfte sich die Wirtschaft noch länger vom Preisstabilitätsziel der Notenbanken wegbewegen. Es liegt in den meisten Ländern bei 2%.

Der weitverbreitete Personalmangel in vielen Ländern spricht eher für substanzielle Lohnerhöhungen. Die ersten Daten liefern unterschiedliche Ergebnisse. In Deutschland ziehen die Löhne bereits deutlich an.

Dagegen ist im Nachbarland Niederlande davon nichts zu sehen. Auch in Italien verläuft die Lohnentwicklung weitgehend seitwärts, obwohl die Konsumentenpreise nach oben geschossen sind.

Auch die Konjunkturumfragen der ETH/Kof legen zurzeit nahe, dass hierzulande die Lohnentwicklung massvoll bleiben dürfte. Die Ökonomen von Swiss Life Asset Management prognostizieren für 2023 eine Inflationsrate von durchschnittlich 1,5%.

Franken wertet sich real auf

Die Tatsache, dass in der Schweiz die Preise weniger steigen als im Ausland, wirkt sich günstig für den Frankenwechselkurs aus. Denn real – also bereinigt um die Inflationsdifferenz – dämpft das die Aufwertung. In der Vergangenheit hat sich der reale Frankenaussenwert tatsächlich seitwärts bewegt. Die SNB betont dieses Phänomen, auch um zu rechtfertigen, dass sie nicht mehr gegen einen steigenden Franken interveniert.

Seit der Euro gegenüber dem Franken unter die Parität gerutscht ist, gilt dieses Argument nicht mehr. Die Bewegung war so gross, dass sich der effektive Frankenindex nicht nur nominal, sondern erstmals seit Jahren auch real aufgewertet hat.