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Wie sich Hungerkrisen entwickeln

Die Mechanismen, die zur Tortillakrise geführt hatten, sind nach wie vor da: Flächen werden für die Herstellung von Biokraftstoffen statt für die Nahrungsmittelproduktion eingesetzt. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
«Die Zahl der Toten aufgrund der humanitären Katastrophe, die droht, könnte alles in den Schatten stellen, was bislang in der Ukraine beobachtet wurde.»

Der Krieg in der Ukraine lässt die Nahrungsmittelpreise weltweit explodieren. Die Ukraine lieferte vor dem Krieg 10% der weltweiten Weizenexporte, 15% des Exports an Gerste, mehr als 50% des Exports an Sonnenblumenöl, 20% des Exports an Rapsöl und 11% des Exports an Mais. Diese Lieferungen sind nun durch den Krieg massiv gefährdet, denn einerseits hat Russland die ukrainischen Seehäfen blockiert, andererseits bombardiert es direkt die Getreidelager in dem Land.

Der Preisindex für die auf den Weltmärkten gehandelten Nahrungsmittel lag bereits im April um 30% über dem Wert des Vorjahresmonats und 62% über dem Wert des Jahres 2020. Mehr Preissteigerungen drohen, wenn erst der Effekt der im Herbst ausfallenden Ernten hinzukommt.

Diese Preissteigerungen treffen alle Konsumenten der Welt, doch gerade die Ärmsten, die den Löwenanteil ihres Einkommens für den Erwerb von Nahrungsmitteln aufwenden müssen, haben keine Möglichkeit, dem Preiswettbewerb mit anderen Ländern standzuhalten. Bittere Armut, Hungersnöte und soziale Proteste werden die Folge sein.

Wie in Mexiko 2007

Eine Vorahnung von dem, was der Welt droht, liefert die Tortillakrise von 2007. Tortillas sind Fladenbrote, die aus Mais hergestellt werden; sie sind die Nationalspeise der Mexikaner. Mit der staatlich subventionierten Ausweitung der Bioethanolproduktion in den USA und anderen Ländern hatte sich das Angebot an Mais für Speise- und Futtermittel auf den Weltmärkten in den Vorjahren sukzessive verringert. Die Folge war, dass der Maispreis vom Winter 2005/06 auf den darauffolgenden Winter auf das Doppelte stieg und die Tortillas 35% teurer wurden. Im Januar 2007 kam es daraufhin zu ersten Hungerprotesten in Mexiko City, weil sich die normale Bevölkerung die Tortillas nicht mehr leisten konnte.

Als Folge der Explosion der Maispreise widmeten die Bauern im Folgejahr Flächen, die vorher für die Weizenproduktion verwendet worden waren, in die Maisproduktion um. Das liess 2008 auch die Weizenpreise sehr stark stiegen, und als dann die Konsumenten auf die steigenden Weizenpreise mit einer Substitution des Weizens durch Reis reagierten, stiegen auch die Reispreise. Von 2006 bis 2008 verdreifachten sich die Preise dieser drei Grundnahrungsmittel.

Auf die Krise reagierte eine Reihe von Ländern wie Argentinien, Indien, Kasachstan, Pakistan, die Ukraine, Russland und Vietnam seinerzeit, indem sie Ausfuhrsperren für Getreide erliessen, um die heimische Bevölkerung vor dem Preisanstieg zu schützen. Das vergrösserte freilich die weltweite Verknappung und liess die Preise nur noch schneller steigen. Auch jetzt hat Indien wiederum schon Ausfuhrstopps verhängt, und andere Länder werden folgen.

Arabischer Frühling als Spätfolge

Die Hungerproteste, die 2007 in Mexiko angefangen hatten, weiteten sich im nachfolgenden Jahr auf viele andere Entwicklungs- und Schwellenländer aus. In nicht weniger als 37 Ländern kam es zu Hungerprotesten, die häufig auch in Gewalt ausarteten.

Auch der Arabische Frühling, der mit der Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunesien 2010 begann und sich dann nach der Ansteckung von Algerien und Ägypten zu einem Flächenbrand in der arabischen Welt ausweitete, kann als Spätfolge der Tortillakrise angesehen werden, denn die Nahrungsmittelpreise gingen 2009 nur temporär zurück und stiegen danach zum Teil auf noch höhere Werte als zuvor.

Tank statt Teller

Die Mechanismen, die zur Tortillakrise geführt hatten, sind nach wie vor intakt, denn noch immer werden Flächen, die einst für die Nahrungsmittelproduktion verwendet wurden, für die Herstellung von Biokraftstoffen eingesetzt. Bei der Entscheidung, ob man die Nahrungsmittel auf den Teller oder in den Tank liefern solle, obsiegte allzu häufig der Tank. Es wird geschätzt, dass weltweit 4% der Getreideproduktion und in den USA 40% der Maisproduktion für die Herstellung von Biotreibstoffen verwendet werden. Unter dem Einfluss anziehender Rohölpreise wird dieser Anteil weiter wachsen, denn Rohöl und Bioenergie stehen in einer unmittelbaren, einseitigen Substitutionsbeziehung, seitdem die Phase der Geschichte der Menschheit zu einem Ende kam, während deren die fossile Energie noch die billigere Alternative war.

Wenn jetzt die kriegsbedingten Preissteigerungen hinzukommen, weil auch noch die erheblichen Lieferausfälle der Ukraine die Lage erschweren, dann akkumulieren sich zwei Arten von preistreibenden Effekten. Im Herbst und im Winter, wenn sich die Auswirkungen des Ausbleibens von Ernten auf den Weltmärkten zeigen werden, wird die Weltgemeinschaft in eine neue kritische Phase eintreten, bei der es wiederum zu Hungerprotesten und einem zusätzlichen Risiko für den Weltfrieden kommt. Die Zahl der Toten aufgrund der humanitären Katastrophe, die droht, könnte alles in den Schatten stellen, was bislang in der Ukraine beobachtet wurde. Dies ist ein weiterer Grund dafür, dass man beide beteiligten Parteien auffordern sollte, nun einen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen zu vereinbaren. Es steht für beide und für die Menschheit zu viel auf dem Spiel, um weiterhin auf Sieg zu setzen.

Copyright: Project Syndicate.