Meinungen English Version English Version »

Wie umgehen mit China?

Der Westen sollte versuchen, den Dialog und die politische Zusammenarbeit mit Peking auf einer Grundlage konkreter gemeinsamer Interessen aufzubauen. Ein Kommentar von Paola Subacchi.

Paola Subacchi, London
«Eine Weltwirtschaft, in der China und die G7 getrennte Wege gehen, wird beide Seiten schlechter dastehen lassen.»

Die Weltordnung droht auf Dauer gespalten zu werden, mit den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten auf der einen Seite und China und seinen Partnern auf der anderen. Wie US-Finanzministerin Janet Yellen auf einer Veranstaltung des Atlantic Council neulich feststellte, ist dieses Ergebnis alles andere als wünschenswert, und die USA müssen mit China zusammenarbeiten, um es zu verhindern. Doch fast im nächsten Atemzug sprach sich Yellen für Massnahmen aus, die ein solches Vorhaben vereiteln könnten.

Yellen ist der Auffassung, dass die USA ihre Beziehungen zu Ländern vertiefen sollten, die sich «stark an gemeinsame Normen und Werte halten, wie man in der Weltwirtschaft agiert und wie das globale Wirtschaftssystem funktioniert». Sie ist der Ansicht, dass der Schlüssel zu einer effektiven Zusammenarbeit in wichtigen Fragen in der Auswahl von Partnern liegt, die sich «einer Reihe von Grundwerten und Prinzipien verpflichtet fühlen».

Aber wo bleiben dann Länder mit unterschiedlichen Werten und Prinzipien? Wie kann das globale institutionelle Gefüge überleben, wenn die Länder ein offenes Engagement nur auf diejenigen beschränken, die die Welt genauso sehen wie sie selbst? Wenn der Westen eine Macht wie China von seinen multilateralen Vereinbarungen ausschliesst, was kann China dann tun, ausser Alternativen anzuführen?

Kein Multilateralismus ohne China

Ein besserer Umgang mit China würde auf drei zentralen Überlegungen beruhen. Die erste ist, dass Multilateralismus ohne China unmöglich ist. China ist nicht nur die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt, sondern verfügt auch über eines der grössten Finanzsysteme der Welt mit Vermögenswerten in Höhe von fast 470% seines BIP. Chinas Bruttonationalersparnis, die etwa 45% des BIP entspricht, ist ebenfalls enorm.

Darüber hinaus ist China der grösste bilaterale Kreditgeber der Welt und leistet einen erheblichen Beitrag zu den multilateralen Finanzinstitutionen – und zwar nicht nur zu denen, die vom Westen aufgebaut und geleitet werden. Tatsächlich – und dies ist die zweite Überlegung – hat China eine wichtige Rolle in der internationalen Finanzarchitektur übernommen, sowohl als Mitglied als auch als Erbauer von Institutionen.

In den letzten Jahren hat China bei der Gründung von zwei neuen regionalen multilateralen Entwicklungsbanken Pionierarbeit geleistet. Sowohl die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) als auch die Neue Entwicklungsbank (NDB) sollen die internationale Finanzarchitektur ergänzen und beweisen, dass China in der Lage ist, Institutionen zu leiten, als wichtiger Geber von Entwicklungsgeldern aufzutreten und ein «verantwortungsvoller Akteur» in einem von den USA und ihren Verbündeten geschaffenen System zu sein.

Systemische Risiken

In gewisser Weise lässt dieses System jedoch China im Stich. Im Internationalen Währungsfonds liegt Chinas Stimmrechtsanteil bei 6,1%, etwas niedriger als Japans 6,2% und deutlich unter dem Anteil der USA von 16,5%. In der Weltbank liegt der Anteil Chinas bei 5,4% (Japan 7,28, USA 15,5%). Obwohl dies eindeutig nicht dem wirtschaftlichen Gewicht Chinas entspricht, ist das Reformtempo langsam, nicht zuletzt wegen der amerikanischen Blockade – ein Punkt, den Yellen beiseiteschob, als sie über die Notwendigkeit der Modernisierung von IWF und Weltbank sprach.

Dies gibt der chinesischen Führung gute Gründe, andere Optionen in Betracht zu ziehen, einschliesslich der Abkopplung der von ihr geführten Institutionen vom bestehenden multilateralen System und der Schaffung neuer Institutionen. Das Ergebnis wäre eine Zersplitterung des globalen finanziellen Sicherheitsnetzes, das weniger reaktionsfähig, vorhersehbar und integrativ wäre und einige Länder unweigerlich systemischen Risiken aussetzen würde.

Die dritte Überlegung, die das Vorgehen des Westens gegenüber China bestimmen muss, ist die heikelste: Die wirtschaftlichen und politischen Systeme – und damit auch Chinas Ziele und Anreize – unterscheiden sich deutlich von denen der G7-Länder. Dies ist eine der Hauptursachen für die Spannungen zwischen dem Westen und China und ein Hauptgrund, warum Politiker wie Yellen für ein leichteres Engagement plädieren, das mit «gleichgesinnten» Ländern möglich ist.

Klimawandel als Beispiel

Sicherlich ist es eine Herausforderung, gegensätzliche Perspektiven, Ideologien und Interessen miteinander in Einklang zu bringen. Das hat sich während der Verurteilung von Russlands Krieg gegen die Ukraine durch die G7-Staaten gezeigt, als sich China enthielt. Aber so frustrierend Chinas Zurückhaltung auch ist, eine Konfrontation mit der Führung des Landes wird der Sache nicht helfen. Auch der Ausschluss Chinas von multilateralen Vereinbarungen wird nicht helfen.

Stattdessen sollten sich die G-7-Länder darauf konzentrieren, Bereiche von gemeinsamem Interesse zu identifizieren, in denen das Risiko von Missverständnissen und Meinungsverschiedenheiten gering ist, und die sich bietenden Gelegenheiten zur Zusammenarbeit zu nutzen. Der Klimawandel – besonders die Klimafinanzierung – ist ein offensichtliches Beispiel, aber kaum das einzige. Während westliche Medien die chinesische Führung oft als unnachgiebig oder gar hinterlistig dargestellt haben, hat China in einer Vielzahl von Wirtschafts- und Finanzfragen weiterhin konstruktiv mit dem Westen zusammengearbeitet.

Ein Beispiel ist das Schuldenmanagement. Unlängst trat China dem Gläubigerausschuss Sambias bei und verpflichtete sich zur Einhaltung des gemeinsamen Rahmens der G20 für die Umschuldung. Dies ist ein gutes Zeichen nicht nur für Sambia – dessen Schuldenlast sich derzeit auf fast 32 Mrd. $ oder rund 120% des BIP beläuft –, sondern auch für andere hochverschuldete afrikanische Länder.

Praktische Erwägungen sind wirkungsvoll

Auch in Bezug auf Russlands Krieg in der Ukraine gibt es eine gewisse Annäherung zwischen den westlichen und chinesischen Positionen, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen. Anfang März fror die AIIB unter Hinweis auf die finanziellen Risiken alle Geschäfte mit Russland und Belarus ein, und die NDB gab bekannt, dass sie «neue Transaktionen in Russland auf Eis gelegt» habe.

Dies zeigt, dass die Berufung auf gemeinsame Werte bei weitem nicht der einzige Weg ist, um Länder davon zu überzeugen, sich für gemeinsame Ziele einzusetzen; auch praktische Erwägungen sind sehr wirkungsvoll. Im Umgang mit China sollte der Westen versuchen, den internationalen Dialog und die politische Zusammenarbeit auf einer Grundlage konkreter gemeinsamer Interessen aufzubauen.

Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung im Westen ist die Zusammenarbeit mit China seit Jahrzehnten die Norm. Wenn die Staats- und Regierungschefs der G7 jedoch beschliessen, «Grundwerte» zur Grundlage der internationalen Zusammenarbeit zu machen, könnte sich dies durchaus ändern. Eine Weltwirtschaft, in der China und die G7 getrennte Wege gehen, wird beide Seiten schlechter dastehen lassen.

Copyright: Project Syndicate.