Die Schweiz zählt zu den wohlhabendsten Ländern auf Erden. Seit hundert Jahren hat sich zudem die Einkommensungleichheit erstaunlich stabil entwickelt, wie eine neue Datenbank des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern zeigt. Die soziale Gleichheit ist grösser als vermutet, besonders bevor der Staat umverteilt. In der OECD ist die soziale Ungleichheit vor Steuern einzig in Südkorea weniger ausgeprägt als in der Schweiz. Nicht überraschend liegen auch die skandinavischen Staaten deutlich unter dem OECD-Schnitt eines Gini-Koeffizienten von 0,45. Dieser misst Ungleichheit: je niedriger, desto egalitärer ein Land. Warum ist die vergleichsweise liberale und «kapitalistische» Schweiz entgegen den Behauptungen von Gewerkschaften und linken Parteien recht egalitär in der Einkommensverteilung vor Steuern? Das IWP führt den liberalen, flexiblen Arbeitsmarkt ins Feld, der zusammen mit dem dualen Ausbildungssystem samt einer Berufslehre mit hohem Praxisbezug zu einer vergleichsweise niedrigen Arbeitslosigkeit führt. Zudem kommt ein breites Weiterbildungsangebot, dank dem Berufstätige in eine höhere Lohnklasse aufsteigen können. Nach dem steuerlichen Eingriff des Staats ändert sich das Bild etwas zu Ungunsten der Schweiz, doch bleibt das Land unter dem OECD-Durchschnitt. Gefühlt sowieso, denn ein grösserer Teil des verfügbaren Einkommens ist selbst erwirtschaftet.