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Wie der Westen die Japan-Falle vermeiden kann

Der stärkste Schutz gegen Japanisierung besteht aus einer Kombination von Massnahmen auf nationaler, regionaler und globaler Ebene. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian, New York
«Unkonventionelle geldpolitische Massnahmen mögen zwar nötig sein, sind aber keinesfalls ausreichend. »

Es ist noch gar nicht so lange her, dass alle dachten, eine Japanisierung der westlichen Volkswirtschaften könnte nie geschehen. Führende amerikanische Ökonomen argumentierten, dass die Politiker, wenn sich die Risikofaktoren schwaches Wachstum, Deflation und dauerhaft niedrige Zinsen jemals materialisieren sollten, die Mittel haben würden, damit umzugehen. Auch hatten sie kein Problem damit, die Japaner über die Notwendigkeit mutiger Massnahmen zu belehren, mit denen sie ihr Land aus dem jahrzehntelangen Sumpf ziehen könnten. Die Japanisierung wurde nicht als zwangsläufig betrachtet, sondern als vermeidbare Folge schlechter Politik.

Trotzdem lauert das Schreckgespenst der Japanisierung nun auch über dem Westen. Nach der Finanzkrise von 2008 war die Erholung sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten langsamer und weniger inklusiv, als die Mehrheit von Politikern, Behörden und Ökonomen erwartet hatte. Dann zerschlug sich auch die Hoffnung auf eine «Fluchtgeschwindigkeit» weg von der «neuen Normalität» schwachen Wachstums und dauerhaften Deflationsdrucks in Europa und Japan – und es gibt Befürchtungen, dass sie auch in den USA auf dem Rückzug ist.

Besonders Europa ist erneut im Griff eines besorgniserregenden überregionalen Abschwungs. Die Wachstumsprojektionen wurden fortlaufend nach unten korrigiert, und die Europäische Zentralbank hat zugegeben, dass ihr bisheriger Optimismus, ihr Inflationsziel zu erreichen, unangebracht war. Angesichts sinkender Renditen der Staatsanleihen hat der Welthandel mit Negativzins-Wertpapieren ein Volumen von etwa 10 Bio. $ erreicht.

Strukturelle Deflationskräfte

Unterdessen steht Japan vor dem vierten Jahrzehnt dauerhaft niedrigen Wachstums, niedriger Inflation und niedriger Zinsen. In den USA sorgen sich immer mehr Ökonomen um einen bevorstehenden Abschwung. Einige von ihnen drängen die Notenbank Federal Reserve dazu, die Zinsen zu senken, andere rufen sie auf, ein höheres Inflationsziel zu setzen, um die Gefahr übermässiger Deflation zu bekämpfen.

Hatten all die westlichen Ökonomen, die die Gefahr der Japanisierung bisher ignorierten, keine Ahnung? Ja und nein.

Der Grund für die heutige Angst vor einer Japanisierung sind strukturelle Deflationskräfte, die – sowohl direkt als auch indirekt – zu geringerem, weniger inklusivem Wachstum führen könnten. Zu diesen Kräften gehören gesellschaftliche Alterung, steigende Ungleichheit (bei Einkommen, Wohlstand und Chancen), soziale und wirtschaftliche Unsicherheit in grossen Teilen der Bevölkerung und der Verlust von Vertrauen in Institutionen und Expertenmeinungen.

Alternde Bevölkerung als entscheidender Faktor

Gemeinsam mit der Zombifizierung von Unternehmen nach der letzten Anlageblase haben diese strukturellen Faktoren zu geringerer Nachfrage, höherer Risikoscheu und Selbstbezogenheit geführt – statt zu wachstumsfördernder Bündelung von Risiken im Grenzbereich. Ein weiterer Faktor sind Innovationen, besonders in künstlicher Intelligenz, Datenverarbeitung und Mobilität. Obwohl der wirtschaftliche Effekt dieser Technologien nicht eindeutig ist, besteht kein Zweifel, dass sie die Eintrittsbarrieren für eine wachsende Anzahl wirtschaftlicher Aktivitäten herabsetzen und – zumindest kurzfristig – einen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben («Amazon-Effekt») wird. Trotzdem bleiben die Langfristeffekte auf das Wachstum und die Produktivität abzuwarten.

Das Wachstum wird auch auf weniger direkte Arten untergraben. Beispielsweise haben dauerhaft niedrige – und in einigen Fällen negative – Zinsen die Tendenz, die institutionelle Integrität und die operationale Effektivität des Finanzsystems zu schwächen. So wird die Kreditvergabe verringert und die Bandbreite an langfristigen Produkten begrenzt, die Versicherungs- oder Pensionsunternehmen den Haushalten anbieten können. Einen weiteren indirekten Effekt haben die Erwartungen: Je länger Wachstum und Inflation niedrig bleiben, desto mehr neigen Haushalte und Unternehmen dazu, Konsum und Investitionen zu verschieben, was wiederum das Wachstum und die Inflation niedrig hält.

Dass die westlichen Volkswirtschaften die Bedrohung durch die Japanisierung unterschätzt haben, liegt daran, dass sie diese direkten und indirekten Faktoren heruntergespielt oder schlichtweg ignoriert haben. Rückblickend sollten sie nicht überrascht sein, dass die Gesellschaften mit der am schnellsten alternden Bevölkerung und der geringsten Einwanderung nun gegen Japanisierung kämpfen.

Grosse Bandbreite an Massnahmen nötig

Trotzdem lagen diejenigen Ökonomen, die argumentierten, die Politik habe auf makroökonomische Ergebnisse einen entscheidenden Einfluss, nicht falsch – besonders wenn strukturelle Kräfte durch übermässige zyklische Kontraktion verstärkt werden, was in Japan 1989 der Fall war. Das Problem ist, dass sie sich zu sehr auf die Geldpolitik konzentriert und deren Effektivität überschätzt haben. Von Japanisierung bedrohte Länder brauchen eine viel grössere Bandbreite an Massnahmen – sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft.

Immerhin ist die Geldpolitik nahe der Nulllinie und in Szenarien, wo andere Liquiditätsfallen-Faktoren beteiligt sind, weniger effektiv. Grossformatige Bilanzoperationen wie die quantitative Lockerung (QE) können Zeit schinden, indem sie das System direkt mit Liquidität versorgen. Aber sie lösen nicht die zugrundeliegenden Probleme und haben ihre eigenen Nachteile, Kollateralschäden und unbeabsichtigten Folgen.

Der stärkste Schutz gegen Japanisierung besteht daher aus einer Kombination von Massnahmen für die Angebots- und die Nachfrageseite auf nationaler, regionaler (im Fall von Europa) und globaler Ebene. In Ländern mit genügend fiskalischem Spielraum könnte dies eine Lockerung des Staatshaushalts und mehr produktivitätsfördernde Investitionen (in Infrastruktur, Ausbildung oder Weiterbildung) bedeuten. In Ländern mit Unterqualifikation kann die Lücke durch mehr geregelte Einwanderung und bessere Massnahmen zur Förderung der Mobilität von Arbeitskräften geschlossen werden.

Hohe politische Hürden

Darüber hinaus müssen diese Massnahmen von einem besseren Schutz der verletzlichsten Bevölkerungsgruppen begleitet werden, besonders dann, wenn es um Gesundheit, Ausbildung und Umschulung geht. Nichts davon wird ohne bessere politische Führung und vernünftigere globale Interaktion geschehen.

Die Japanisierung bietet drei Lektionen, die die westlichen Politiker und Behörden erst noch richtig lernen müssen: Erstens wird es noch wichtiger, schnell gegen geringes Wachstum, niedrige Inflation und Niedrigzinsen vorzugehen, die durch strukturellen Druck verursacht werden. Zweitens mögen unkonventionelle geldpolitische Massnahmen zwar nötig sein, sind aber keinesfalls ausreichend. Drittens müssen wir bei der erforderlichen politischen Antwort berücksichtigen, dass die Hürden viel weniger technischer als vielmehr politischer Natur sind.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Jean Ackermann 23.04.2019 - 17:58
Inzwischen haben wir die reinste Saatswirtschaft! Politiker, Zentralbänker und andere Spezialisten wollen dauernd die Wirtschaft und Welt retten und was machen sie, sie verfeuern durch Negativzinsen das Vermögen der Sparer (Pensionskassen, Renten usw usw. Was kommt raus? Nach über zehn Jahren, Alles kein bisschen besser ausser, dass die Schuldenberge schon höher als der Mount Everest sind. Und gleich hat man… Weiterlesen »