Meinungen

Wie wird es enden mit der Krypto-Regulierung?

Man muss nicht alle Blockchain-Anwendungen beschränken. Aber es sollte einen einfachen rechtlichen Mechanismus geben, um bei Bedarf die Identität des Nutzers zu ermitteln. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Einer der grössten Reize privater Kryptowährungen ist die Möglichkeit, sich staatlichem Einfluss zu entziehen.»

Bedingt durch die steil fallenden Preise für Kryptowährungen fragen sich viele, ob dies der Anfang vom Ende der Blase ist. Womöglich noch nicht. Doch treiben höhere Opportunitätskosten des Geldes die Preise für Vermögenswerte, deren hauptsächliche Verwendung in der Zukunft liegt, überproportional stark nach unten. Die ultraniedrigen Zinsen begünstigten die Kryptowährungen. Junge Anleger erhalten nun einen Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn die Zinsen nach oben gehen.

Eine interessantere Frage ist, was passiert, wenn die Regierungen endlich Ernst machen mit der Regulierung von Bitcoin und Co. Von den wichtigen Volkswirtschaften hat bisher nur China damit angefangen. Die meisten politischen Entscheidungsträger haben stattdessen versucht, das Thema auf digitales Notenbankgeld zu verlagern.

Aber das ist ein etwas unlogischer Gedankensprung. Obwohl digitales Notenbankgeld voraussichtlich Datenschutzfunktionen für kleinere Transaktionen umfassen wird: In grösseren Transaktionen wird von den Beteiligten fast mit Sicherheit verlangt werden, ihre Identität offenzulegen.

Sich dem staatlichen Einfluss entziehen

Im Gegensatz dazu ist einer der grössten Reize privater Kryptowährungen die Möglichkeit, sich staatlichem Einfluss zu entziehen. Zwar stimmt es, dass Kryptotransaktionen über das Blockchain-Ledger komplett nachvollziehbar sind. Doch richten die Nutzer ihre Konten normalerweise unter einem Pseudonym ein und sind daher ohne zusätzliche Informationen, deren Beschaffung kostspielig ist, schwer identifizierbar.

Einige Ökonomen argumentieren in naiver Weise, dass die Regulierung von Bitcoin und Co. nicht sonderlich dringend sei, weil der Einsatz von Kryptowährungen zu Transaktionszwecken schwierig und teuer sei. Erzählen Sie das den Politikern in den Entwicklungsländern, wo sich Kryptowährungen zu einem wichtigen Instrument entwickelt haben, um Steuern zu vermeiden und um Regulierung und Kapitalkontrollen auszuweichen.

Für ärmere Länder mit begrenzten staatlichen Kapazitäten sind Kryptowährungen ein wachsendes Problem. Die Bürger müssen keine Computer-Genies sein, um behördliche Vorgaben zu umgehen. Sie müssen nur auf eine der verschiedenen simplen «Off-Chain-Börsen» zugreifen. Obwohl durch Dritte vermittelte Kryptotransaktionen im Prinzip nachverfolgbar sind, haben diese Börsen ihren Sitz in den hochentwickelten Ländern. In der Praxis macht dies die Informationen für die Behörden armer Länder unter den meisten Umständen unerreichbar.

Aber bedeutet das nicht bloss, dass die Kryptowährungen ihr Versprechen erfüllen, den Bürgern zu helfen, sich dem Einfluss korrupter, ineffizienter und nicht vertrauenswürdiger Regierungen zu entziehen? Mag sein. Doch wie 100-Dollar-Scheine werden Kryptowährungen in den Entwicklungsländern genauso von böswilligen Akteuren wie von normalen Bürgern genutzt.

Kryptowährungen als Fluchtort

So ist etwa Venezuela heute ein bedeutender Akteur auf den Kryptomärkten. Das liegt zum Teil daran, dass Expatriates diese Märkte nutzen, Geld hin und her zu schicken, ohne dass es vom korrupten Regime des Landes beschlagnahmt wird.

Doch mit Sicherheit wird das Kryptogeld auch vom venezolanischen Militär beim Drogenschmuggel genutzt – von reichen, politisch vernetzten Personen, die Finanzsanktionen unterliegen, gar nicht zu reden. Da die USA derzeit mehr als ein Dutzend Länder mit derartigen Sanktionen belegt haben, sind Kryptowährungen eine logische Zuflucht.

Ein Grund, warum die Regulierungsbehörden der hochentwickelten Länder so langsam reagiert haben, ist die Ansicht, dass sie sich mit kryptobedingten Problemen nicht befassen müssen, solange diese Probleme primär die übrige Welt betreffen. Die Regulierungsbehörden machen sich anscheinend die Idee zu eigen, dass Kryptowährungen im Wesentlichen Anlageobjekte sind, und sie sorgen sich mehr über den Schutz inländischer Anleger und die Finanzstabilität.

Weniger Liquidität, fallende Preise

Doch hat die Wirtschaftstheorie schon vor langer Zeit gezeigt, dass der Wert einer Währung letztlich von ihren potenziellen Verwendungszwecken abhängig ist. Die grössten Anleger in Kryptowährungen mögen in den hochentwickelten Ländern sitzen, doch den Zweck – und die angerichteten Schäden – betrafen bisher überwiegend die Schwellen- und Entwicklungsländer.

Die Regierungen der hochentwickelten Länder werden höchstwahrscheinlich feststellen, dass die Probleme mit Kryptowährungen letztlich auf sie zurückschlagen werden. Wenn das geschieht, werden sie gezwungen sein, ein umfassendes Verbot digitaler Währungen zu erlassen, die keine problemlose Rückverfolgung der Nutzeridentität zulassen. Dieses Verbot würde mit Sicherheit für Finanzinstitute und Unternehmen gelten und voraussichtlich auch gewisse Beschränkungen für Privatpersonen umfassen.

Ein derartiger Schritt würde durch Verringerung der Liquidität die heutigen Kryptopreise steil untergraben. Natürlich werden die Beschränkungen umso wirksamer sein, je mehr Länder diese anwenden, doch ist eine universelle Umsetzung nicht erforderlich, damit sie lokal eine deutliche Wirkung entfalten.

Kryptokrise eher früher als später

Lässt sich irgendeine Version eines Verbots umsetzen? Wie China gezeigt hat, ist es relativ einfach, die Kryptobörsen dichtzumachen, die die grosse Mehrheit der Menschen für den Handel mit digitalen Währungen nutzt. Schwieriger ist es, «On-Chain-Transaktionen» zu verhindern, da die an diesen beteiligten Personen schwieriger zu ermitteln sind.

Ironischerweise könnte ein wirksames Verbot der Kryptowährungen des 21. Jahrhunderts die allmähliche Abschaffung (oder zumindest Begrenzung) des viel älteren Instruments des Papiergeldes erfordern, weil Bargeld klar die praktischste Methode ist, um Geld auf digitale «Wallets» einzuzahlen, ohne dabei ohne weiteres erkannt zu werden.

Ich will hier nicht suggerieren, dass man alle Blockchain-Anwendungen beschränken sollte. So können regulierte Stablecoins, die über die Bilanz der Notenbanken abgesichert sind, weiterhin erfolgreich Verwendung finden. Aber es muss einen einfachen rechtlichen Mechanismus geben, um bei Bedarf die Identität des Nutzers zu ermitteln.

Wann könnte es tatsächlich zu einer strengeren Regulierung der Kryptowährungen kommen? Sofern keine Krise eintritt, könnte das viele Jahrzehnte dauern, vor allem da die wichtigen Kryptoakteure – ähnlich wie der Finanzsektor im Vorfeld der globalen Finanzkrise von 2008 – enorme Summen für Lobbyismus ausgeben. Vermutlich jedoch wird es nicht annähernd so lange dauern. Unglücklicherweise dürfte eine Kryptokrise eher früher als später eintreten.

Copyright: Project Syndicate.