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Willkommen in der postviralen Welt

Wir haben einen langen Weg vor uns. Wie sollten anerkennen, dass die Rückkehr zur «Normalität» keine Option ist. Ein Kommentar von Simon Johnson.

Simon Johnson, Washington
«Wir werden einen Vorsprung auf Covid-19 erlangen, und anschliessend können wir mit dem Aufbau robusterer Informations-, Entscheidungs- und Gesundheitssysteme beginnen.»

Wir leben jetzt in der postviralen Welt. Die Welt, wie wir sie vor der Ankunft von Covid-19 kannten, ist nicht mehr. Sie wird auch nicht zurückkommen.

Hat man sich mit dieser Realität abgefunden, wird einem vieles klarer. Hierzu gehört, wie man sich vor dem aktuellen Angriff schützt, wie man sich gegen die dunkleren Tage wappnet, die vor uns liegen, und wie man die Wirtschaft verantwortungsvoll wieder öffnet. Mit dem richtigen Verständnis ist ein angemessener Wiederaufbau mit grösserer Widerstandsfähigkeit und Fairness möglich.

Zu Jahresbeginn glaubten wir noch, dass es auf der Erde kein willkürliches Massensterben mehr gebe. Während des grössten Teils der Menschheitsgeschichte waren Infektionskrankheiten eine ständige Bedrohung, und der Kampf dagegen war ein wesentliches Element menschlicher Zivilisation. Mitte des 19. Jahrhunderts dann begann die Wissenschaft, gegenüber Krankheiten wie der Cholera die Oberhand zu gewinnen.

Wissenschaft war dominant

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts lernten die Europäer, wie sich – zumindest für sie selbst – der Schaden durch Malaria und Gelbfieber begrenzen liess. In den Vierzigerjahren wurden dann massiv Penicillin und Streptomycin eingesetzt. Bald darauf folgten Impfungen von Kindern gegen Pocken, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken.

Im Verlauf von zwei Jahrhunderten, etwa von der Erfindung der Pockenimpfung bis zur Ausrottung der Krankheit, erlangte die Wissenschaft die Dominanz über die Umwelt. Natürlich traten neue Krankheiten auf den Plan; so verheerte etwa seit den Achtzigerjahren Aids einige Bevölkerungen und Länder. Doch die vorherrschende Sicht war, dass derartige gesundheitliche Notfälle – obwohl sie Ressourcen banden und Aufmerksamkeit verlangten – für die Ordnung unserer Volkswirtschaften, unserer Gesellschaften und unseres Lebens keine zentrale Rolle spielten.

Durch die weltweiten Auswirkungen von Covid-19 hat sich diese Sicht überholt. Das willkürliche Massensterben ist zurück, und diese Realität wird nun alles beherrschen. Dies hat zwei Gründe.

Nicht das erste Coronavirus

Erstens – und dies ist der allgemeinere Punkt – ist dies nicht das erste Coronavirus, sondern eine von mehreren tödlichen Varianten, die seit der Jahrtausendwende in Erscheinung getreten sind, darunter Sars und Mers. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass es das letzte sein wird.

Zweitens zieht dieses konkrete Coronavirus seine Tödlichkeit aus seinem besonderen Profil: Es ist hoch ansteckend und kann sogar von Personen übertragen werden, die symptomfrei sind. Während viele, die sich mit Covid-19 anstecken, nur eine milde Form erleiden, scheint es für Senioren und Personen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettleibigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich zu sein.

Doch warum sollte ein künftiges Coronavirus zwangsläufig ein ähnliches Profil aufweisen? Andere Coronaviren – von denen, die eine normale Erkältung verursachen, bis hin zu den tödlichen, die Sars und Mers hervorrufen – tun das nicht. Es ist angesichts unserer bisher noch geringen wissenschaftlichen Erkenntnisse völlig plausibel, dass ein künftiges Coronavirus ein anderes Profil aufweisen könnte: dass es sich etwa statt für alte für junge Leute als besonders tödlich erweist. Oder dass es womöglich unsere Kinder ins Visier nimmt.

Es fehlt nicht an Technologien

Hat man diesen Gedanken erst einmal gehabt, ist die Vorstellung einer Rückkehr in die Welt vor dem Auftreten des Virus unmöglich. Alles, was wir tun, alle unsere Investitionen und die Art und Weise, wie wir unser Leben organisieren, werden nun von Überlegungen beeinflusst sein, ob wir dadurch vor Covid-19 und seinen Nachfolgern geschützt sind oder anfälliger für sie werden.

Angesichts dieser Erkenntnis werden einem mehrere Punkte klar. Womöglich sind sie in einer schwierigen und tragischen Zeit sogar potenziell beruhigend.

Die USA und Europa haben offensichtlich viel zu wenig in Vorsorge investiert – darunter in die einschlägige Wissenschaft und die Anwendung von deren Erkenntnissen –, und Covid-19 wird sich im Westen vermutlich als verheerend erweisen. Doch der Grund hierfür ist weniger ein Mangel an verfügbaren Technologien. Schliesslich hat es China letztlich geschafft, seinen Ausbruch – nach zweimonatigem Lockdown – einzudämmen, während Taiwan und Singapur nie ins Hintertreffen gerieten und Südkorea sich einer sehr gefährlichen Situation in erstaunlicher Weise entziehen konnte.

Führungsfrage

Es ist nicht unser Mangel an Technologien, der den Westen verwundbar gemacht hat; es ist vielmehr das Zusammenspiel zwischen Covid-19 und unserer Sozialstruktur und Gesundheitsversorgung. Besonders in den USA nutzt das Virus die gesellschaftliche Ungleichheit und die Zersplitterung des Gesundheitssystems aus.

Wir haben mehr als genug Waffen, um zurückzuschlagen. Doch zu viele von ihnen weisen in die falsche Richtung: Sie sind präzise auf frühere und viel kleinere Krisen wie Hurrikane ausgerichtet. Leistungsstarke Organisationen mit umfangreichen Kapazitäten werden durch Führungen ausgebremst, die es versäumen, die nötigen Informationen zu erheben, ausreichend zu koordinieren oder auch nur die Daten in schlüssiger Weise für ihre Entscheidungen zu nutzen.

Vor einem Neuaufbau

Diese Phase wird nicht lange dauern. Wir werden sehr schnell lernen, wie wir zurückschlagen können, und zwar massiv. Wir werden einen Vorsprung auf Covid-19 erlangen, und anschliessend können wir mit dem Aufbau robusterer Informations-, Entscheidungs- und Gesundheitssysteme beginnen. Dabei müssen wir uns in beispielloser Weise engagieren, um jede wissenschaftliche und organisatorische Idee voranzutreiben und nutzbar zu machen, die die Überlebenschancen unserer Kinder und unserer Nachbarn erhöht.

Letztlich werden wir uns in der postviralen Welt durchsetzen. Doch wird es ein langer Weg. Die beste Art und Weise, ihn abzukürzen, besteht darin, anzuerkennen, dass die Rückkehr zur «Normalität» keine Option ist.

Copyright: Project Syndicate.