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«Wir beabsichtigen nicht, zu verkaufen»

Peter Sanderson, CEO von GAM, muss den taumelnden Asset-Manager zurück zum Erfolg führen. Ein Verkauf der Gesellschaft steht nicht mehr zur Debatte.

Wir erreichen Peter Sanderson via Videoanruf in seinem Zuhause in London. Seit September ist er Chef von GAM (GAM 1.75 -2.07%), hat dem kriselnden Asset-Manager ein straffes Sparprogramm und ein ambitioniertes Gewinnziel verpasst. In der Coronakrise musste der Brite die Massnahmen dann verschärfen, denn seine Ziele stehen in Zweifel.

Herr Sanderson, GAM schien Anfang des Jahres in ruhigeres Fahrwasser einzubiegen. Dann kam die Coronakrise. Wie schwer hat sie das Unternehmen getroffen?
Im ersten Quartal, besonders im März, hatten wir es mit extrem turbulenten Märkten zu tun. Seither haben sich Märkte und Kundenaktivität stabil entwickelt. Wir versuchen alle immer noch abzuschätzen, wo es in der Coronakrise hingehen soll.

Nachdem 2018 der prominente Fonds­manager Tim Haywood entlassen worden war, mussten seine Fonds liquidiert werden. Bis Ende 2019 flossen so 40% der Kundengelder in der wichtigen Division Investment Management ab. Wie ­haben sich die Gelder danach entwickelt?
Ein signifikanter Teil ist durch die Liquidation der angesprochenen Fonds abgeflossen, was sowohl für die Kunden als auch für GAM eine schwierige Zeit war. Das liegt aber schon länger hinter uns. Dann haben wir diesen März fast 13 Mrd. Fr. ­verloren – zur Hälfte wegen des Markt­einbruchs, zur andern Hälfte aufgrund von Umschichtungen, die unsere Kunden in ihren Portfolios vorgenommen haben. Danach haben sich die Dinge stabilisiert, ein Teil der abgeflossenen Gelder ist bereits zurückgekehrt, und wir konnten auch Neuvermögen anziehen. Die Kunden zeigen grundsätzlich Vertrauen in unsere Strategien und Produkte.

Das heisst, die Zuflüsse sind grösser als die Abflüsse?
Die Abflüsse haben sich vor langem normalisiert. Die Liquidation der betroffenen Fonds hat dazu geführt, dass es länger gedauert hat, bis die Zuflüsse wieder volle Stärke erreicht haben. Es braucht nach so einem Ereignis Zeit, um das Vertrauen der Kunden wiederzugewinnen. Die Coronakrise hat zu einer weiteren unschönen Störung geführt, aber die grundsätzliche Richtung stimmt für GAM wieder.

Rechnen Sie aufgrund der Liquidation der Haywood-Fonds noch mit recht­lichen Schritten von Kunden oder von Herrn Haywood?
Die Liquidation lief streng nach Vorschrift ab. Die Kunden haben durchschnittlich mindestens 100% ihrer Anlagen zurückerhalten. Ich würde keine detaillierten Aussagen zu juristischen Massnahmen machen, aber die Antwort ist Nein.

Letztes Jahr hat ein Mitglied des britischen Oberhauses eine Untersuchung des GAM Greensill Supply Chain Finance Fund gefordert, der unter der Leitung von Tim Haywood stand. Greensill ist eine  kontroverse Gesellschaft, die in kurzfristige Unternehmensschulden mit teilweise hohem Risiko und verbesserungswürdiger Transparenz investiert. Läuft oder lief eine Untersuchung zu diesem Fonds?
Wir kommentieren keine allfälligen laufenden Diskussionen mit Regulatoren. Aber ich mache mir um den Fonds und die lange, gute Zusammenarbeit mit Greensill keinerlei Sorgen. Der Fonds läuft weiter. Supply Chain Finance, die Finanzierung der Lieferströme von Unternehmen, ist eine attraktive und wachsende Anlageklasse, die von Investoren nachgefragt wird.

Sind durch die Marktverwerfungen der ­vergangenen Wochen Fonds von GAM in Schieflage geraten?
Nein, alle unsere Produkte und ihre Manager haben gut performt in dieser Zeit. Kein Fonds kam deswegen in Gefahr. Wir achten sehr darauf, dass die Risiken insbesondere in solchen extremen Marktsituationen unter Kontrolle sind.

Nach dem Markteinbruch im März ­haben Sie das Sparprogramm intensiviert. ­Zuvor wollten Sie rund 30 Mio. Fr. im Jahr 2020 und 10 Mio. 2021 streichen. Jetzt ­sollen es 65 Mio. allein dieses Jahr sein. Wie wollen Sie das schaffen?
Die Coronakrise hat uns hier zu einem klareren Denken und Handeln verholfen. Den Plan, den wir vor März vorgelegt hatten, liess sich relativ einfach intensivieren. Natürlich bauen wir Stellen ab und reduzieren Kosten. Aber grundsätzlich geht es darum, die Gesellschaft in eine Position zu bringen, aus der heraus wir wachsen können. Wir investieren viel ins Geschäft, in Technologien, in Prozesse und in unsere Mitarbeiter. Zentral ist dabei, auf die ­einheitliche IT-Plattform des Anbieters SimCorp zu migrieren. Das erlaubt uns erstmals, über die ganze Gesellschaft mit einer gemeinsamen Brille auf unsere Portfolios zu schauen, was uns ein viel effektiveres Arbeiten ermöglichen wird.

Sie wollen rund 20% der Arbeitsplätze streichen. Am  Ende werden es noch rund 680 Stellen sein. Wo bauen Sie genau ab?
Der Stellenabbau konzentriert sich nicht auf bestimmte Teile im Unternehmen. Es geht grundsätzlich darum, Doppelspurigkeiten abzubauen und Funktionen zu zentralisieren. Zusätzlich sind wir heute disziplinierter bei den Neueinstellungen.

Sie haben 2019 bereits 42 Mio. Fr. ­eingespart. Schneiden Sie mittlerweile nicht ins Lebendige?
Wir reduzieren nicht Kosten und gleichzeitig Leistungsvermögen. GAM wird am Ende stärker aus dieser Restrukturierung hervorgehen. Wir haben tolle Leute, aber eine Gesellschaft baut im Laufe ihrer Geschichte unvermeidbar Komplexität auf. Die Art von Komplexität, die keinen Mehrwert mehr für unsere Kunden schafft, ­lösen wir jetzt auf.

Ein Unternehmen kann sich aber nicht einfach zum Erfolg sparen. Sie haben das Ziel eines Vorsteuergewinns von 100 Mio. Fr. im Jahr 2022 ausgegeben. Ist das angesichts der Krise überhaupt noch realistisch?
Es ist zwar noch zu früh, um sagen zu ­können, wie die Märkte sich erholen werden. Unsere finanziellen Ziele müssen ausserdem im Zusammenhang mit unseren geplanten Kosteneinsparungen gesehen werden. Entlang dieser Massnahmen kommen wir dem Ziel aber nahe. Es ist weiterhin in Reichweite.

Mit welchen Produkten und in welchen Märkten wollen Sie in Zukunft wachsen?
Wir wollen das, was wir tun, noch besser machen. Wir sind ein aktiver Manager mit starken Überzeugungen und einer un­abhängigen Sicht. Aus Investement-Management-Perspektive wird GAM immer führen und nicht folgen. Deswegen schätzen uns die Kunden. Wir haben starke Kundenbeziehungen in Kontinentaleuropa und sind vor allem bekannt für unsere Fonds auf Anleihen von Schwellenländern und Unternehmen sowie Portfolios für alternative Risikoprämien mit geringer Korrelation zu traditionellen Anlagen. Diese Produkte werden sich in der Zukunft erholen und weiter wachsen.

2019 standen der Verkauf von GAM oder die Beteiligung eines Grossinvestors zur Diskussion. Sind das immer noch Optionen?
Wir haben diese Optionen angeschaut, glauben momentan aber, dass die vor­gelegte Strategie die beste ist, um Mehrwert zu schaffen. Dafür haben wir aus dem Aktionariat mehrheitlich auch positive Rückmeldungen bekommen. Darüber hinaus haben der Verwaltungsrat und ich natürlich die Pflicht, zusammen mit den Aktionären ernst gemeinte Vorschläge zu prüfen, die langfristigen Mehrwert schaffen könnten.  

Ebenfalls wurde darüber spekuliert, Sie könnten sich von der margenschwachen Division Private Labelling trennen.
Diese Division liefert gute Ergebnisse. Sie ist diversifiziert und hat starke Kunden­beziehungen. Das hilft uns über die ganze Gesellschaft hinweg. Ich mag, wie GAM heute geografisch und von den Produkten her aufgestellt ist. Zurzeit beabsichtigen wir nicht, substanzielle Teile unseres Geschäfts zu verkaufen. Im Gegenteil, ich kann mir vorstellen, wo sinnvoll punktuell Teams hinzuzufügen.

Wie ist die Stimmung im Aktionariat, was erwartet Ihr grösster Investor Silchester?
Wir machen normalerweise keine Aus­sagen zu einzelnen Investoren. Aber all­gemein kann man sagen, sie wollen, dass sich das Geschäft normalisiert und sich die Erfolgsgeschichte von GAM fortsetzt. Dann werden wir wieder eine Dividende zahlen können, und der Aktienkurs wird sich nachhaltig verbessern. Das schaffen wir, wenn wir uns voll und ganz auf unsere Kunden fokussieren und ihre Bedürfnisse ins Zentrum stellen.

Was sind Ihre Meilensteine bis Ende Jahr?
Wir werden die SimCorp-Migration zum Abschluss bringen und weiteres Vertrauen bei den Kunden schaffen. Wir werden eine starke Performance liefern und jede Gelegenheit ergreifen, die Gesellschaft in die Form zu bringen, die wir erreichen wollen. Ich will alle Mitarbeiter im Unternehmen dazu motivieren, das Beste herauszuholen, um unsere Ziele zu erreichen. Allein schon durch den Enthusiasmus, den ich heute im Unternehmen spüre, werden wir Ende des Jahres eine stärkere GAM sein.


Nach langer Leidenszeit sieht GAM Licht am Ende des Tunnels


Seit geraumer Zeit steckt GAM in der Krise. Dem geplanten Turnaround unter dem neuen CEO Peter Sanderson war die Coronakrise dabei nicht gerade hilfreich. Zu Jahresbeginn glaubte der Asset-Manager noch, den schmerzhaften Vermögensabfluss im so wichtigen Geschäftsbereich Investment ­Management endlich gestoppt zu haben. Doch am Ende des ersten Quartals fielen die Vermögenswerte in der Division auf ein neues Tief von 35,7 Mrd. Fr.

GAM schlitterte in die Krise, als die Gesellschaft im Juli 2018 ihren Top-Fondsmanager Tim Haywood mit dem Vorwurf des groben Fehlverhaltens suspendierte und später entliess. Er soll Risikomanagement- und Dokumen­tationspflichten nicht eingehalten haben. Nach Haywoods Entlassung zogen derart viele Anleger ihre Gelder aus den betroffenen Absolute-Return-Bond-Fonds ab, dass sich GAM gezwungen sah, die Vehikel in die Liquidation zu schicken.

So erlitt GAM 2018 einen Verlust von fast 930 Mio. Fr., die Dividende wurde ausgesetzt, CEO Alexander Friedman trat auf Ende des Jahres zurück. 11 Mrd. Fr. an Vermögen flossen in Folge der Liquidation ab, weitere 20 Mrd. Fr. wurden von Kunden aus weiteren Anlagevehikeln herausgezogen. Angesichts der empfindlich schrumpfenden Ertrags­basis wurde ein Sparprogramm aufgelegt. Mögliche Kaufinteressenten machten 2019 die Runde. Namen wie der des Versicherers Generali (G 11.8475 -0.65%), der Privatbanken UBP und Edmond de Rothschild sowie der Investmentbank Natixis wurden genannt. Doch niemand schlug zu.

An der Börse verlor GAM bis Ende 2019 rund 80% an Wert. Sie schrieb einen Verlust von 3,5 Mio. Fr. Mit Peter Sanderson hat die Gesellschaft im September wenigstens einen neuen CEO gefunden. Dieser intensivierte das Sparprogramm und hält am Gewinnziel fest. Die Massnahmen Sandersons könnten den Turnaround nun beschleunigen. Entscheidend ist dabei, wie rasch der Markt in den Normalzustand zurückfindet und wie stark GAM Neugeld von Kunden anziehen kann.

Geht die Rechnung auf, wird GAM wieder gesunde Zahlen und eine Dividende liefern. 2020 wird es aber noch nicht so weit sein. Die Aktien sind zumindest daran ihren Verlust aus dem Marktsturz von März wett zu gemacht. FuW traut den Titel weiterhin eine Entwicklung entlang des breiten Markts zu und stuft sie mit «Halten» ein.