Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Finanzkrise: 10 Jahre danach
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«Wir haben eine wichtige Chance verpasst»

Anat Admati, Finanzprofessorin an der Stanford University, warnt, dass die Too-big-to-fail-Problematik nicht gelöst ist und das Finanzsystem krisenanfällig bleibt.

Christoph Gisiger, Los Angeles

Nie wieder sollen die Steuerzahler für den Schaden aufkommen, wenn eine Grossbank kollabiert. Unter diesem Vorsatz sollte die Finanzaufsicht nach der Krise grundlegend reformiert werden. Ein Jahrzehnt später fällt das Ergebnis ernüchternd aus. «Das System ist heute nicht viel sicherer», sagt Anat Admati. Die weltweit anerkannte Topexpertin zur Bankenregulierung kritisiert, dass systemrelevante Finanzinstitute noch immer ungenügend gegen Marktverwerfungen gewappnet sind und eine Gefahr für die Wirtschaft bleiben. Das gelte auch in der Schweiz, wo man sich bei der Kapitalausstattung der Grossbanken zu sehr auf Spezialinstrumente wie Coco-Anleihen verlasse.

Frau Professor Admati, zehn Jahre nach dem Crash von Lehman Brothers scheint das Trauma der Finanzkrise allmählich überwunden. Doch wie sicher ist das globale Bankensystem heute?
Es ist kaum viel sicherer. Manche systemrelevanten Banken sind heute sogar bedeutend grösser als vor der Krise. Zudem bleibt das System ausgesprochen intransparent und die Regulierung international stark fragmentiert. Das erschwert die Kooperation in der Finanzaufsicht.

Was ist falsch gelaufen?
Die Grundprobleme in der Debatte über die Bankenregulierung sind verzerrte Anreize, Unwissen und Konfusion. So werden strengere Auflagen für Banken oft mit höheren Kosten für die Allgemeinheit gleichgesetzt. Vergessen geht dabei aber, dass der Zusammenbruch einer Grossbank Kollateralschäden für die ganze Wirtschaft nach sich zieht. Hätten wir seriöser darüber diskutiert, wie und warum es zur Finanzkrise gekommen ist, wäre das System jetzt stabiler. Leider hat sich in vielen Fragen jedoch Desinformation durchgesetzt. Das ist sehr enttäuschend und besorgniserregend. Wir haben eine wichtige Chance verpasst.

Was meinen Sie damit?
Der Fokus richtet sich in erster Linie darauf, die Auswirkungen zu dämpfen, wenn eine neue Krise ausbricht. Solange aber die Gewissheit besteht, dass der Staat beim Kollaps eines Finanzinstituts zu Hilfe eilen wird, setzt das falsche Anreize für die involvierten Verantwortungs­träger und führt zu Fehlentwicklungen an den Märkten. Die Bankenregulierung beschränkt sich vorab auf Massnahmen, wenn es zu einer Krise kommt. Entscheidend ist jedoch, einem Crash wie im Herbst 2008 vorzubeugen. Dass es auch anders geht, zeigt sich etwa im Strassenverkehr. Wir schützen uns beim Auto­fahren mit Sicherheitsgurten und Airbags gegen einen Unfall. Auch sind Rettungsdienste alarmbereit, wenn etwas passiert. Grundsätzlich sollen aber Geschwindigkeitslimiten helfen, Unfälle überhaupt zu ­verhindern. Dieser Aspekt fehlt bei der Bankenregulierung weitgehend.

Was müsste also unternommen werden?
Es gibt nach wie vor zu hohe Schulden. Das gilt nicht nur für Banken, sondern für Unternehmen generell. Dass Schulden fast überall mit Steuervergünstigungen subventioniert werden, ist daher umso problematischer. Zudem ermutigen tiefe Zinsen die Aufnahme von Fremdmitteln, weil die Gewinne dadurch stimuliert werden, solange alles gut läuft. In keiner Branche werden Eigenmittel jedoch derart verabscheut wie im Bankensektor. Für mich ist das ein Symptom, dass die meisten ­Institute noch immer Probleme haben und manche de facto insolvent sind.

Die Banken behaupten aber, dass sie im Zug des Regelwerks Basel III genügend Eigenkapital aufgebaut haben, um Verluste in einer Krise absorbieren zu können.
Hier wird oft auf den Anstieg der geforderten Eigenkapitalquoten verwiesen. Wenn die Quote vor der Krise aber hauchdünn war, dann ist sie auch nach einer Ver­dopplung nicht viel solider. Fraglich ist ebenso, wie die Anforderungen berechnet werden und in welchem Verhältnis sie zu den Risiken stehen. Das gilt speziell für Finanz­derivate, die niemand richtig versteht. Wie stabil ein Institut tatsächlich ist, können die Regulatoren daher kaum ­abschätzen. Damit fragt sich, warum wir uns auf die Resultate von Stresstests und anderen Kontrollen verlassen sollten.

Was stimmt Sie so skeptisch?
Die komplizierten Modelle, mit denen uns die Banken vorrechnen, dass sie jetzt über wesentlich mehr Eigenkapital verfügen, unterscheiden sich kaum von denen, die sie vor dem Crash angewendet haben. Schaut man nur auf diese Zahlen, dann erkennt man gar nicht, wie es 2008/09 zur schlimmsten Finanzkrise seit Genera­tionen kommen konnte. Offensichtlich ist zudem, dass die Banken weiterhin grosse Risiken eingehen. Sie verhalten sich so, wie wenn man mit über 200 km/h auf der Strasse rast und einfach darauf hofft, die nächste Kurve zu kriegen. In Sachen ­Bankenregulierung leben wir also weiterhin nach dem Prinzip Hoffnung.

Hoffnung ist aber keine Strategie. Das gilt speziell für die Schweiz, wo der Sektor einen grossen Teil der Wirtschaft ausmacht.
Den Regulatoren in der Schweiz ist bewusst, wie wichtig die Stabilität des Finanzsystems ist. Ich zweifle aber, dass die Politiker all die Nuancen verstehen, wenn es um Instrumente wie Coco-Anleihen geht. Ähnliche Anlagen, die dem regulatorischen Eigenkapital angerechnet werden und Verluste absorbieren sollen, haben sich in der Krise nicht bewährt. Wie sich damals gezeigt hat, ist die Bereitschaft zu einem Schuldenschnitt gering, wenn es zu Problemen kommt. Es haben denn auch nur die Kreditgeber von Lehman Brothers Geld verloren. Alle anderen wurden mit Steuergeldern ausgezahlt. Selbst insolvente Banken mussten die Konsequenzen ihrer Zahlungsunfähigkeit nicht tragen. Es bleibt mir ein Rätsel, warum das beim nächsten Mal anders sein soll.

Immerhin geht die Schweizer Bankenregulierung mit dem Swiss Finish punkto Eigenmittelanforderungen über internationale Standards hinaus.
Relevant sind nicht nur Auflagen zum Eigenkapital. Problematisch kann ebenso das Fehlverhalten von Banken sein, etwa beim Thema Steuern. Hier sind Schweizer Banken in gravierende Schwierigkeiten geraten. Gerade Credit Suisse (CSGN 15.265 0.23%) hat das viel Geld gekostet. Bei Grossbanken wie Credit Suisse und UBS (UBSG 15.85 -0.16%) kommt die Too-big-to-fail-Problematik hinzu. Solche multinationalen Kolosse sind für das System so relevant, dass sie quasi eine Lizenz dazu haben, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. Das, weil ein Konkurs schwerwiegende Folgen hätte, wenn man ihnen eine zu hohe Busse erteilt. Auch können Unternehmen nicht zu Gefängnisstrafen verurteilt werden, was die Optionen limitiert, sie zur Rechenschaft zu ziehen.

UBS musste wie andere Institute in der Finanzkrise gerettet werden. Wie stabil ist die Bank heute?
Als Gedächtnisauffrischung sollten alle Schweizer den ungewöhnlich aufrichtigen Transparenzbericht vom Oktober 2010 lesen, in dem UBS die Vorgänge während der Krise gegenüber den Aktionären darlegt. Daraus geht klar hervor, wie die Bank dem Herdentrieb folgte, ohne genau zu wissen, was sie im amerikanischen Subprime-Markt machte. Ob UBS ihre Lektion daraus gelernt hat, bin ich mir allerdings nicht sicher.

Wo besteht denn heute das grösste Risiko im Finanzsektor?
Das kann ich nicht sagen. Ich beziehe meine Informationen aus den Nachrichten, wie alle anderen. Gefahren bestehen aber beispielsweise mit Blick auf Hackerangriffe, wo die Branche gefordert ist. Auch hat Europa bei seinen Banken nicht aufgeräumt, weshalb man von einem verlorenen Jahrzehnt sprechen muss. Es besteht weiterhin ein Mangel an politischer Integration, was die europäische Finanzregulierung betrifft. Viele Institute weisen nach wie vor eine schwache Bilanz auf und sitzen auf faulen Krediten. Diese Situation kann sich in einer Rezession rasch verschärfen, wie das bei den US-Hypotheken der Fall war. Diese Probleme betreffen zwar die Eurozone, die Schweiz befindet sich jedoch mittendrin.

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