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Raiffeisen-Präsident: Wir behalten uns vor, Schadenersatz zu fordern

Guy Lachappelle, Präsident von Raiffeisen Schweiz, über die neue Strategie, das Verfahren gegen Pierin Vincenz, die Konkurrentin PostFinance und die Auswirkung von Corona.

Raiffeisen steht in ihrem Kerngeschäft unter Druck und will dem mit einer neuen Strategie entgegenwirken. Im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» sagt Guy Lachappelle, Präsident von Raiffeisen Schweiz, was die Gruppe jetzt vorhat und dass es bald sechs neue Genossenschaftsbanken geben könnte.

Herr Lachappelle, Sie wollen 550 Mio. Fr. investieren, um Raiffeisens Ertrag zu erhöhen und zu verbreitern. Ex-CEO Pierin Vincenz hat einst mit 1 Mrd. Fr. genau das Gleiche versucht und ist gescheitert. Wie wollen Sie es jetzt mit der Hälfte dieser Summe schaffen?
Früher wurde versucht, Raiffeisen Schweiz über Beteiligungen zu diversifizieren, was, wie die Übernahme der Privatbank Notenstein, nichts gebracht hat. Wir wollen mit unserer neuen Strategie das Geschäftsmodell unserer 229 Banken diversifizieren, mit denen wir diese Strategie ausgearbeitet haben.

Laut Medienberichten soll die Staatsanwaltschaft bald Anklage gegen Pierin Vincenz wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung erheben. Raiffeisen hatte ebenfalls Anzeige erstattet. Was erwarten Sie vom Verfahren?
Wir wollen sehen, was alles passiert ist, ausserhalb der Raiffeisenwelt. Wurde Raiffeisen Schweiz getäuscht? Sind illegale Aktivitäten vorgefallen? Wir behalten uns vor, je nach den Ergebnissen in Zukunft Schadenersatzansprüche zu stellen.

98% der Raiffeisenbanken tragen die neue Strategie mit. Was kritisiert die Minderheit?
Von wenigen wurde die Frage aufgeworfen, ob wir so viel investieren sollen und wie die Ausgabe der Mittel nun kontrolliert wird. Mit der neuen Governance-Struktur stehen wir ja aber gerade im direkten Austausch mit den Banken, die so die Kontrolle über die Investitionen haben. Die neue Struktur wird sich jetzt bewähren.

Sie wollen in fünf Jahren 500 Mio. Fr. an Effizienzgewinnen und Zusatzertrag jährlich generieren. Wie sieht der Mix dabei aus? Werden es am Ende 100 Mio. Zusatzertrag sein, und der Rest sind Kosteneinsparungen durch Massenentlassungen?
Wir rechnen mit rund 135 Mio. an Effizienzgewinnen. Der Rest soll Mehrertrag aus auszubauenden Dienstleistungen sein. Wir werden keine Mitarbeiter entlassen. Wenn es zu Personalabbau kommt, dann über natürliche Fluktuation. Effizienzgewinne können auch durch Standardisierung und Digitalisierung von Prozessen geschehen, was unseren Beratern mehr Zeit für ihre effektive Kundenarbeit einräumt.

Bietet nicht auch der weitere Zusammenschluss einzelner Banken die Gelegenheit, Doppelspurigkeiten abzubauen oder Standorte zu schliessen?
Früher hat Raiffeisen Schweiz Zusammenschlüsse von kleinen Häusern forciert. Heute liegt diese Entscheidung darüber und über etwaige Effizienzgewinne allein bei den einzelnen Banken. Wir respektieren ihre Autonomie.

Sie befinden sich immer noch in Diskussion mit den Raiffeisenbanken, welche Dienstleistungen zu welchen Preisen die Zentrale ihnen in Zukunft noch bieten soll. Sind Sie hier einer Einigung nahe?
Es gibt noch keine Lösung, die Arbeiten laufen hier noch. Am Ende könnte ein individuelles Menu an Leistungen stehen, aus denen die Banken auswählen können, oder es könnte verschiedene Paketlösungen geben. Grundsätzlich wollen wir Transparenz in die Dienstleitungen bringen und sie zu marktgerechten Preisen anbieten oder vielleicht am Ende teilweise auslagern.

Ebenfalls ist in der Diskussion, ob die Niederlassungen von Raiffeisen Schweiz in den grossen Städte entweder in die umliegenden Genossenschaften eingegliedert oder zu eigenständigen Genossenschaften werden sollen. Gibt es hier eine Lösung?
Schon bei der Gründung der Niederlassungen hat Raiffeisen Schweiz den Raiffeisenbanken versprochen, sie in die Unabhängigkeit zu entlassen. Jetzt lösen wir das Versprechen ein. Noch ist nichts formell entschieden, aber der Weg ist klar: Wir wollen die Niederlassungen zu sechs eigenständigen Genossenschaften umwandeln.

Sie wollen Ihre Leistungen für die Kunden rund um Wohnen und Unternehmen ausbauen. Was heisst das genau?
Wir werden über Kooperationen mit externen Partnern die gesamten Bedürfnisse unserer Kunden um diese Themen abdecken, sei es bei Kauf, Verkauf, Finanzierung, Versicherung, Beratung, Renovation, Handwerkerdienstleistungen und vielem mehr. Wir werden bald unseren konkreten Plan zum Thema Wohnen präsentieren und dazu einen entsprechenden Partner, den ich Ihnen aber noch nicht verraten kann.

Im Versicherungsbereich haben Sie die Kooperation mit Helvetia (HELN 102.90 -0.39%) aufgelöst, jetzt ist Mobiliar im Gespräch. Aber müssen Sie nicht mehrere Versicherer auf Ihre Plattform bringen, um den Kunden Auswahl und Preisvergleich zu bieten?
Wir legen grundsätzlich Wert auf einen offenen Ansatz, werden aber in einzelnen Bereichen Exklusivität schaffen.

Neu besorgt für Raiffeisen nicht mehr Vontobel (VONN 75.45 -1.11%) die Wertschriftenabwicklung und -verwahrung, sondern UBS (UBSG 16.14 -0.77%). In der Strategie heisst es, Raiffeisen wird nicht als Vermögensverwaltungsbank wahrgenommen. Kann UBS da vielleicht auch weiterhelfen?
Im Moment ist das nicht angedacht. Vontobel unterstützt uns übrigens weiter mit Anlageprodukten oder ihrer Private-Banking-App Volt. Raiffeisen verwaltet zwar insgesamt viel Vermögen, aber individuell sind es jeweils kleine Beträge, anders als bei UBS oder Vontobel. Für die kleineren Vermögen werden wir in Zukunft mit einer neuen Palette an Dienstleistungen und nachhaltigen Produkten bessere Lösungen anbieten. Dafür werden wir auch nochmal in die Kompetenz unserer Berater investieren.

Der Bund will PostFinance den Einstieg in den Hypothekarmarkt ermöglichen. Die Kantonalbanken haben bereits ausgerufen, stimmen Sie mit ein?
Eine staatliche PostFinance im Kreditgeschäft, was ein reiner Verdrängungswettbewerb ist, braucht es nicht. Wenn der Bund das will, sollte er die Bank komplett privatisieren.

Wie schlägt sich Raiffeisen operativ in der Coronakrise? Mussten Sie Rückstellungen für ausfallgefährdete Kredite bilden?
Wir werden wohl zum Halbjahr noch keine Rückstellungen bilden müssen. Unsere Unternehmenskunden, die Schweizer KMU, sind stabil auch dank des Covid-Kreditprogamms mit Bundesbürgschaft, von dem über die Hälfte ja gar nicht beansprucht werden musste. Aber es wäre naiv zu denken, dass die Krise keine Spuren bei uns hinterlassen wird. 2021, spätestens 2022 werden wir das in unseren Abschlüssen sehen.