Märkte / Aktien

«Wir mögen Qualitätsaktien, auch von Schweizer KMU»

Nervosität an den Börsen, die Zinsen steigen. Wie geht es weiter? Teil 2 von fünf Fragen an fünf Banker: Anastassios Frangulidis, Chefstratege von Pictet Asset Management.

Die Investoren müssen sich derzeit der Kernfrage stellen, ob das Fundament des seit über zwölf Jahren andauernden Superzyklus an den Finanzmärkten am Bröckeln ist. Die Befürchtungen eines «Lehman-Moments» für China und den Rest der Welt aufgrund der Misere des Immobilienkonzerns Evergrande haben sich zwar etwas gelegt. Doch Fragezeichen hinsichtlich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung im Land der Mitte bleiben bestehen.

Immer wieder erschüttert der Regierungsapparat in Peking die Märkte mit Regulierungsmassnahmen in einer Reihe von Sektoren. Die Abschwächung der Wirtschaftsdynamik ist in den Daten bereits offensichtlich.

Doch auch andernorts signalisieren die Einkaufsmanagerindizes, dass die initiale Phase der Erholung nach dem pandemiebedingten Einbruch abgeschlossen ist. Dem nicht genug: Das von den Notenbanken in Aussicht gestellte Nachlassen des Inflationsdrucks will sich einfach nicht einstellen. Dies wiederum lässt einige Experten ein Schreckensgespenst zum Leben erwecken: die Stagflation.

Schwaches Wirtschaftswachstum gepaart mit hoher Teuerung brächte die Währungshüter in eine Zwickmühle. Und selbst wenn sich die Stagnation des Wachstums nicht einstellt, haben die Notfallmassnahmen, die während der Pandemie rasch Einzug in den Massnahmenkatalog der Währungshüter genommen haben, keine Berechtigung mehr.

Die Preise steigen vielerorts auf breiter Front. Der Winter könnte in Sachen Teuerung heisser werden als ursprünglich gedacht. Der Mangel an Energieträgern lässt wiederum vielerorts Kälte und Mangelwirtschaft befürchten.

Einzelne Notenbanken haben den Leitzins bereits erhöht, andere machen sich daran, ihre Wertpapierkäufe zu reduzieren. Eine neue Phase für Wirtschaft und Finanzmärkte ist angebrochen. Wie werden Aktien und Obligationen darauf reagieren, und wie können Anleger ihr Portfolio fit machen für potenzielle neue Entwicklungen? Wo bietet der Finanzmarkt noch ansprechende Rendite für das eingegangene Risiko?

Diesen und weiteren Fragen wird im Rahmen des FuW-Forums «Opportunities 2022» nachgegangen. Der hier in einer Serie präsentierte Fragenkatalog an fünf Banker, die an der Veranstaltung konkrete Ideen auf dem Podium präsentieren werden, bietet nur einen kleinen Vorgeschmack auf die Themen des Anlasses.

Herr Frangulidis, die Börsen sind nervös und die Bewertungen hoch. Kommt der Superzyklus, der 2009 begann, bald zu einem Ende?
Solange die Realzinsen tief bleiben und die globale Konjunkturerholung weitergeht, bleibt der Bullenmarkt am Leben. Die beste Phase an den Aktienmärkten haben wir aber wahrscheinlich bereits hinter uns. Das heisst nicht, dass weitere Kurssteigerungen nicht möglich wären, doch das Potenzial wird zunehmend kleiner.

Wo kann im Aktienmarkt noch Überrendite erzielt werden?
Nach der starken Konjunkturerholung in der ersten Jahreshälfte lässt die Wachstumsdynamik in den USA etwas nach, während sie in Europa vorerst stark bleibt. Deshalb finden wir Qualitätsaktien spannend – dazu gehören nicht nur die grossen, sondern auch die mittleren und kleiner kapitalisierten Schweizer Unternehmen mit ­Fokus Europa. Ebenfalls attraktiv sind Unternehmen, welche die aktuellen Umweltherausforderungen in den Vordergrund stellen und Lösungen bieten.

Finger weg von Anleihen oder gibt es bei festverzinslichen Werten noch Opportunitäten?
Der Schweizer Anleihenmarkt ist in der Tat wenig attraktiv. Staatsanleihenmärkte mit einer steileren Zinskurve wie in den USA oder mit einer höheren Realverzinsung wie in China bleiben attraktiv.

Was muss geschehen, dass die ­Langfristzinsen nachhaltig steigen?
Dazu müssten sich die Konjunkturerwartungen deutlich verbessern und damit auch die Erwartungen bezüglich der Ausgestaltung der künftigen Geldpolitik nach oben revidiert werden. Ein Anstieg der Inflationserwartungen kann diesen Prozess zusätzlich verstärken.

Die SNB äussert warnende Worte ­angesichts der Immobilien­preisentwicklung in der Schweiz. ­Befindet sich der hiesige Häusermarkt in einer Blase?
Die Coronakrise hat zu sinkenden Zinsen und höheren Haushaltsersparnissen geführt, was zu einem Anstieg der Wohneigentumspreise geführt hat. Dagegen ist der kommerzielle Bereich negativ von der Krise getroffen. Insgesamt nehmen die Ungleichgewichte im Schweizer Immobi­lienmarkt klar zu, von einer Blase zu ­reden, wäre aber übertrieben.