Unternehmen / Gesundheit

«Wir prüfen weitere Akquisitionen»

Stefano Pessina, Executive Chairman von Alliance Boots und Galenica-Grossaktionär, äussert sich im Interview mit der «Finanz und Wirtschaft» zu Opportunitäten im Apothekengeschäft.

Alliance Boots, der in Zug ansässige grösste europäische Betreiber von Apotheken und Drogerien, spürt die Konsumschwäche und den wachsenden Einfluss von Generika. Im zurückliegenden Geschäftsjahr (per Ende März) fiel der Umsatz 2,6% auf 22,4 Mrd. £ (32,9 Mrd. Fr.). Im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» betont Grossaktionär und Exe­cutive Chairman Stefano Pessina, kleinere Wettbewerber seien stärker unter Druck, was Alliance Boots für Akquisitionen nutzen wolle. Einen Kauf des Schweizer ­Wettbewerbers Galenica (GALE 66.45 -2.42%), an dem Pessina mit der amerikanischen Private-­Equity-Gesellschaft KKR 25,5% des Kapitals hält, schliesst Pessina aus. Allerdings prüfe KKR derzeit, was sie mit ihrem Anteil machen wolle. Der 71-jährige Milliardär äussert sich zudem zur Frage, ob der US-Apothekenriese Walgreens (WBA 45.35 2.6%), der letzten August 45% der Aktien von Alliance Boots erworben hat, nach Abschluss der für 2015 geplanten vollständigen Übernahme auch in der Schweiz Sitz nehmen werde.

Herr Pessina, das Branchenschwergewicht Alliance Boots ist im vergangenen Geschäftsjahr umsatzmässig geschrumpft. Was haben Sie falsch gemacht?
Nichts. Wir bewegen uns in einem Markt, der bis auf weiteres nicht wächst. Hinzu kommen strukturelle Veränderungen: Die Bedeutung von Generika im Handel mit Pharmaprodukten nimmt laufend zu. Generika werden zu einem Bruchteil des Preises von Originalpräparaten verkauft.

Auffallend ist, dass Alliance Boots trotz eines 2,6% tieferen Umsatzes den bereinigten Betriebsgewinn 6,1% auf 1,3 Mrd.  £ ­erhöht hat. Wie passt das zusammen?
Es gibt auch Veränderungen im Distributionsmodell. Pharmaunternehmen beliefern uns zunehmend direkt mit Medikamenten. Der Umsatz auf den Produkten verbleibt bei den Herstellern, doch wir erhalten Gebühren. Das begünstigt – trotz verschlechterter Topline – unsere Marge.

Der Generikaanteil liegt in Europa meist deutlich unter dem US-Niveau von rund 80% der verschriebenen Medikamente. Holt Europa nach, was der amerikanische Markt vorgemacht hat?
Davon bin ich hundertprozentig überzeugt. In Ländern wie Grossbritannien und den Niederlanden sind Generika schon beinahe gleich stark verbreitet wie in den USA. Andererseits ist festzustellen, dass der Retailmarkt in unserer Branche seit fünf Jahren nicht mehr wächst.

Wann ist die Flaute beendet?
In den nächsten zwei bis drei Jahren sicher nicht. Das gesamtwirtschaftliche Umfeld und die strukturellen Veränderungen in unserer Branche lassen vorläufig keine Trendwende zu.

Kleinere Anbieter leiden unter schwachen Absatzmärkten naturgemäss mehr. Prüfen Sie verstärkt Akquisitionen?
Wir erwarten kein substanzielles Wachstum, ausser durch Zukäufe. Letztes Jahr waren wir stark mit der Veräusserung des 45%-Anteils an die amerikanische Apothekenkette Walgreens und mit der Vorbereitung der Beteiligung am US-Pharmagrossisten AmerisourceBergen beschäftigt. Jetzt können wir uns wieder unserer Pipeline zuwenden und nach geeigneten Kaufobjekten Ausschau halten.

Planen Sie, extern primär in Schwellenländern oder auch in Europa zu wachsen?
Wir haben auch europäische Märkte auf dem Radar. Viele Wettbewerber kämpfen, weil sie für das veränderte Umfeld noch kein Geschäftsmodell gefunden haben.

Sind Sie bereit, für Galenica zu bieten, falls sich die Gelegenheit dazu ergibt?
Nein, zumal Alliance Boots den an Gale­nica gehaltenen Anteil seit einer Woche nicht mehr in der Bilanz führt. Die Beteiligung wird jetzt durch die angestammten Alliance-Boots-Aktionäre KKR und Alliance Santé Participations (die private Investmentholding von Pessina und seiner Geschäfts- und Lebenspartnerin Ornella Barra, Anm. d. Red.) gehalten. Hintergrund des Transfers ist, dass Galenica nicht Teil der zwischen Walgreens und Boots geschlossenen Übereinkunft ist.

Sie haben schon früher erklärt, keine ­Verkaufsabsichten für das Galenica-Paket zu hegen. Welche Haltung nimmt der ­Miteigentümer KKR ein?
KKR prüft derzeit, welche Optionen sich bieten. Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass KKR sich entscheidet, auf lange Sicht an der Galenica-Beteiligung festzuhalten.

Welche Vorteile versprechen Sie sich von dem Zusammengehen mit Walgreens?
Die Vorteile liegen vor allem auf der Einkaufsseite. Zusammen erhalten wir deutlich bessere Konditionen. Wir erkennen das bereits im gemeinsamen Einkauf von Generika, den wir von Bern aus steuern.

Das Team in Bern ist im selben Gebäude untergebracht wie die Galenica-Zentrale. Besteht für Galenica zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit, im Einkauf an Walgreens und Boots anzudocken?
Wir tauschen seit Jahren Erfahrungen aus. Galenica ist willkommen, von unserem Know-how zu profitieren.

Welche Chancen bieten sich Alliance Boots und Walgreens im gegenseitigen Verkauf von Eigenmarken?
Wir beliefern gegenwärtig in den USA ­Geschäfte des Einzelhändlers Target mit Boots-Produkten und erzielen damit pro Jahr einen Umsatz von 100 Mio. $. Dank der gut 8000 Filialen von Walgreens ­können wir deutlich höhere Einnahmen generieren. Allerdings werden wir keine Verkäufe zulasten der Marge forcieren.

Wie verhalten sich Supermarktketten dies- und jenseits des Atlantiks? Machen sie Alliance Boots im Geschäft mit Drogerie- und Schönheitsartikeln durch verstärkte Rabattaktionen das Leben schwer?
Supermarktketten können nicht noch aggressiver auftreten als im vergangenen Jahr. Das ist unmöglich. In Grossbritannien mussten einige Anbieter teils substanzielle Margenverluste hinnehmen.

Walgreens und Alliance Boots betreten mit ihrem Zusammenschluss Neuland. Werden sich weitere Pharmahändler zu globalen Konzernen verschmelzen?
Die Konkurrenz ist gezwungen, unserem Beispiel zu folgen. In fünf Jahren wird es zwei oder drei globale Anbieter geben.

Alliance Boots ist in der Schweiz domiziliert. Wird auch die fusionierte Walgreens hier Sitz nehmen?
Das ist schwer vorstellbar. Walgreens ist dermassen gross in den USA. Aber das internationale Geschäft könnte durchaus von der Schweiz aus geführt werden.