Märkte / Aktien

Rogers: «Wir stehen erst am Beginn einer Preisblase»

Jim Rogers, Investorenlegende und Weltenbummler, erwartet grössere Turbulenzen, investiert aber trotzdem in chinesische, japanische und russische Aktien, wie er im Interview mit der FuW erläutert.

Gregor Mast und Philippe Béguelin

Auch professionelle Anleger hören Jim Rogers gerne zu. Das war zumindest der Eindruck, der diese Woche am «FuW Fund Experts Forum» entstehen konnte. Die Investoren füllten den Vortragssaal bis auf den letzten Platz, als der ehemalige Geschäftspartner von George Soros auf die Bühne trat. «Finanz und Wirtschaft» traf Rogers im Anschluss an seinen Vortrag zum Gespräch.

Herr Rogers, finden Sie noch attraktive ­Anlagen?
Ich mag Märkte, die weit unter ihrem Höchst notieren. Der Nikkei handelt nach 25 Jahren immer noch 50% unter seinem Allzeithöchst. Japan hat demnach noch viel Potenzial. Premier Shinzo Abe wird das Land zwar ruinieren, doch zuvor wird die japanische Börse kräftig steigen – unter anderem, weil Abe die Pensionskassen zwingt, Aktien zu kaufen. Wenn Abe die Bevölkerung in Aktien drängt, möchte ich mich ebenfalls beteiligen.

China mögen Sie auch, obwohl die Börse kräftig gestiegen ist?
Der chinesische Aktienmarkt steht am Beginn einer Preisblase. Der Shanghai Composite wird in den nächsten ein bis zwei Jahren neue Höchst markieren. Nervös werde ich erst, wenn sich die Zahnarztgehilfin nach chinesischen Aktien erkundigt.

China leidet aber unter hohen Schulden.
China verfügt jedoch im Gegensatz zu den USA über gigantische Reserven. Auch in China wird es zu Verwerfungen kommen. Die USA durchliefen auf ihrem Weg zur Weltmacht fünfzehn Depressionen.

Der Immobilienmarkt macht Ihnen kein Bauchweh?
Die chinesische Regierung will fallende Immobilienpreise. Eine Investition ist deshalb kaum sinnvoll, denn ich möchte nicht gegen Peking ankämpfen. Dieser Plan der Regierung ist auch der Grund, warum der Aktienmarkt haussiert. Die Chinesen investieren ihr Geld nicht in Immobilien, sondern in Aktien.

Werden notleidende Kredite zum Problem für chinesische Banken?
In den nächsten zwei bis drei Jahren werden viele Immobiliengesellschaften Bankrott gehen.

Kaufen Sie chinesische Bankaktien?
Gerade jetzt beteilige ich mich an einer Bezugsrechtsemission einer chinesischen Bank. Finanztitel, vor allem Broker und Investmentgesellschaften, sind die grösste Position in meinem China-Portfolio.

Welche anderen Segmente sind attraktiv?
Ich investiere mein Geld dort, wo es auch die chinesische Regierung tut. Gemäss der letzten Vollversammlung von 2013 sind das Bereiche wie Finanz, Tourismus, Gesundheit, Umweltschutz, Energie, Öl, Landwirtschaft und Verteidigung.

Mögen Sie westliche Unternehmen, die in China tätig sind?
Walmart (WMT 142.95 -1.22%), McDonald’s (MCD 226 -1.47%) und Coca-Cola (KO 49.62 -0.82%) sind zwar in China aktiv, doch der Anteil des Chinageschäfts ist zu gering. Ich ziehe deshalb lokale Aktien vor. Normalerweise mache ich nicht mit, wenn sich eine ­Spekulationsblase bildet, aber in China möchte ich dies mal erleben.

Mit diesem Argument könnten Sie auch in US-Aktien investieren.
Die US-Börse handelt schon auf einem Allzeithoch, während chinesische Aktien noch 35% darunter notieren. China bietet also mehr Potenzial.

Europäische Aktien scheinen ebenfalls günstig.
Wenn Sie damit Russland meinen: ja.

Gemeint waren eher die Peripherieländer.
In China, Russland oder Japan sind die Fundamentaldaten besser als in der europäischen Peripherie. Das sind alles überschuldete Länder ohne Reserven. Japan ist zwar auch hoch verschuldet, verfügt aber über immense Reserven.

Was gefällt Ihnen an Russland?
Russland ist der am meisten gehasste Aktienmarkt der Welt. Als ich Russland 1966 erstmals bereiste, war ich pessimistisch, in den letzten Jahren habe ich aber meine Meinung geändert. Russland wandelt sich zum Besseren, ist nicht massiv verschuldet und verfügt über eine konvertierbare Währung. Zudem notiert der Markt 65% unter seinem Allzeithoch.

Russland ist jedoch seit langem günstig.
Die Ukrainekrise hat auf russischen Aktien gelastet, doch das Schlimmste dürfte vorbei sein.

Was wäre der Auslöser für eine Erholung der russischen Börse?
Ein Ende der Sanktionen. Europa leidet darunter, und Putin hat kein Interesse an der Ukraine. Er hat die Krim zurück, die während Dekaden russisch war. Europa und Putin werden deshalb eine Lösung finden. Falls die Ölpreise einen Boden finden, würde Russland ebenfalls profitieren.

Welche Aktien mögen Sie?
Ich halte unter anderen den Düngemittelproduzenten Phosagro und Aktien der Moskauer Börse. Letztere notiert im Gegensatz zum russischen Aktienmarkt nahe ihrem Allzeithoch. Irgendwer glaubt also, russische Aktien werden sich erholen.

Was halten Sie von russischen ­Unternehmensanleihen?
Dort schlummern bestimmt gigantische Opportunitäten, doch ich bin zu faul, sie zu analysieren. Zudem sind die Renditen auf russischen Staatsanleihen hoch genug – deshalb habe ich diese Woche zugegriffen. Wenn die Ölpreise steigen, profitieren sowohl Staatsanleihen als auch der Rubel.

Haben die Ölpreise wirklich einen Boden gefunden?
Trotz schlechter Neuigkeiten wie überquellender Vorratslager fällt der Ölpreis nicht weiter. Das ist normalerweise ein Signal für eine Trendwende. Die traditionellen Reserven schwinden weltweit – ohne Fracking wurde in den letzten Jahren mehr Öl konsumiert als gefördert. Wenn sich Fracking als weniger ergiebig erweisen sollte als erwartet, werden wir bald einen Angebotsengpass erleben.

Das heisst, der Superzyklus in Rohstoffen ist noch nicht vorbei?
In jedem Bullenzyklus kommt es zu grösseren Korrekturen. Aktien sind von 1982 bis 2000 gestiegen. 1987 brachen die Kurse rund um den Globus zwischen 40 und 80% ein. Danach folgten weitere Korrekturen. Jedes Mal dachten die Anleger, der Zyklus sei vorbei. Das geschieht jetzt bei den Rohstoffen. Bis auf Eisenerz, wo die Kapazitäten ausgeweitet werden, wird der Rohstoffzyklus weitergehen.

Welche Rohstoffe ziehen Sie vor?
Besonders positiv bin ich für Agrargüter, die über die letzten Jahre 30% verloren haben, während fast alle Anlageklassen an Wert gewonnen haben. Aber auch Basismetalle sind attraktiv, denn die Wirtschaft in den Schwellenländern wird weiter wachsen. Doch zuerst wird wohl noch ein finaler Kurssturz folgen.

Gilt das auch für Gold (Gold 1906.66 0.38%)?
Gold ist elf Jahre in Folge gestiegen und hatte nie eine Korrektur von 50% oder mehr. Beides ist aussergewöhnlich. Gold könnte deshalb unter 1000 $ fallen. Wenn die Goldbugs das Handtuch werfen, ist die Zeit reif, mehr Gold zu kaufen.

Wie geht es mit dem Dollar weiter?
Der Dollar ist meine grösste Währungs­position, gefolgt vom Renminbi. Die US-Valuta ist zwar auch faul, doch sie wird als sicherer Hafen betrachtet. Weil in den nächsten zwei bis drei Jahren massive Verwerfungen drohen, wird viel Geld in den Dollar fliessen und vielleicht sogar eine Blase aufpumpen. Enden wird das allerdings böse, denn die USA sind der grösste Schuldner der Welt.

Was löst diese Verwerfungen aus?
In den USA kommt es alle fünf bis sieben Jahre zu einer Konjunkturabkühlung. Irgendwann wird es also trotz der ganzen Gelddruckerei wieder zu einer Verlangsamung kommen, die sich zu einer riesigen Krise auswachsen kann, weil die Verschuldung so viel höher liegt als 2007.

Was würde ein massiv stärkerer Dollar für China bedeuten?
Bis dahin dürfte der Peg aufgelöst worden sein. Der Renminbi wird in den nächsten ein bis zwei Jahren konvertierbar sein.

Wird der starke Dollar auch den Franken mit sich ziehen?
Der Franken wird immer noch als sicherer Hafen betrachtet. Doch auch Schweizer Politiker und die Nationalbank haben gelernt, Dummheiten zu machen. Das war früher unvorstellbar. Weil der Franken ­weniger liquid ist als der Dollar, könnte es durchaus zur Blasenbildung kommen, wenn das Geld in die Schweiz strömt.

Sie denken, die Schweiz sei trotz der niedrigen Verschuldung kein sicherer Hafen?
Sicherer als Portugal, doch wenn der Franken zu sehr hochschiesst, leidet die Wirtschaft – vor allem die Banken.

Mit den Dummheiten meinen Sie die ­Eurountergrenze?
Ja – das musste einfach schief gehen.

Was hätte die SNB (SNBN 4720 -0.42%) denn tun sollen?
Man hätte die Aufwertung zulassen sollen. Das beste Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise. Wegen der Untergrenze häufte die SNB massenweise Anleihen in Euro an, der vielleicht nicht einmal überleben wird. Irgendwer wird für den Schaden aufkommen müssen.

Das Leerverkaufen haben Sie aufgeben?
Ich habe aufgehört, Staatsanleihen leer zu verkaufen, weil ich jedes Mal Geld verloren habe. Auch auf Aktien halte ich keine Leerverkaufspositionen. Obwohl der US-Markt teuer ist, befindet er sich noch nicht in einer Blase und kann deshalb noch viel höher klettern. Leer verkauft habe ich Junk Bonds, weil die Kreditrisikoprämien so niedrig sind. Sollte sich der Spread normalisieren, verdiene ich bereits Geld. Sollten aber Kreditrisikoprämien und Zinsen steigen, verdiene ich viel Geld.

Wie geht es an der US-Börse weiter?
Der US-Markt hat über die letzten Jahre nie mehr als 10% korrigiert. Wenn es dazu kommt, wird die Notenbank einschreiten, was ein letztes Hurra auslösen und in einigen Segmenten Spekulationsblasen aufpumpen könnte. Danach ist die Party aber vorbei – irgendwann 2016, 2017 oder vielleicht schon Ende 2015.