Unternehmen / Finanz

«Wir wollen Zürich auf die Fintech-Weltkarte bringen»

Die Schweizer Fintech-Szene entwickelt sich. Es brauche jedoch eine Bündelung der Kräfte, sagt Thomas Puschmann vom Business Engineering Institute St. Gallen.

Herr Puschmann, Sie wollen mit dem Swiss Fintech Innovation Lab

der Szene ein gemeinsames Dach geben. Wieso?
Die Idee hierzu entstand 2013 im Rahmen eines Forschungsaufenthalts am Massachusetts Institute of Technology in den USA. Dort entstehen Innovationen durch sehr enge Kooperation, insbesondere auch physische Nähe von Wissenschaft und Praxis, die aktuell durch eine Innovationsinitiative noch intensiviert wird. Auch das Silicon Valley basiert auf dieser Vernetzung zwischen Industrie und den Universitäten. Parallel dazu initiierte die Schweiz das Projekt des Nationalen Innovationsparks, und es stellte sich die Frage, ob es für den Fintech-Bereich nicht auch einen Innovations-Hub geben könnte.

Wer ist bei dem Projekt mit an Bord?
Entscheidend für den Erfolg des Swiss Fintech Innovation Lab ist das Zusammenwirken eines Netzwerks relevanter Akteure. Dazu gehören neben den Banken wie zum Beispiel UBS (UBSG 12.505 -0.79%), Credit Suisse (CSGN 11.2 -0.97%), Julius Bär (BAER 37.12 -2.06%), Vontobel (VONN 54.95 -0.81%) und Zürcher Kantonalbank natürlich auch Technologieprovider, Start-ups, Venture-Capital-Unternehmen sowie die Universitäten. Darüber hinaus hat die Schweiz auch einen starken Fokus in der Versicherungsindustrie. Unterstützend wirken zudem die Zürcher Handelskammer und der Zürcher Bankenverband sowie das Amt für Wirtschaft und Arbeit.

Und wie soll das Lab nun konkret konzipiert sein?
Es gibt verschiedene Ansätze. Ein erster ist, dass einzelne Banken oder Provider wie beispielsweise UBS oder SIX eigene Inkubatoren initiieren, welche die Zusammenarbeit mit Start-ups intensivieren sollen. Zweitens gibt es bilaterale Ansätze wie die Startupbootcamp-Initiative von MasterCard, Lloyds Banking Group und Rabobank, bei der sich mehrere Banken gemeinsam engagieren. Ein dritter Ansatz sind institutionalisierte Fintech Labs, die in London oder in New York entstanden sind und aktuell in Sydney und Singapur am Entstehen sind. Der letztgenannte Ansatz ist auch die favorisierte Idee für Zürich.

Das heisst, Sie kopieren einfach die Benchmark?
Einige Konzepte der bereits etablierten Fintech Labs, wie die übergreifende Koordination oder das Schaffen eines physischen Innovationsplatzes, lassen sich sicher übernehmen. Aber in Zürich möchten wir einen entscheidenden Schritt weiter gehen. Dies lässt sich anhand der Innovationswertschöpfungskette gut aufzeigen. Sie reicht typischerweise von der Erforschung neuer Ideen und Konzepte über die Produktentwicklung bis hin zur Kommerzialisierung. Die bestehenden Fintech Labs in London, New York oder Singapur konzentrieren sich vor allem auf die beiden letztgenannten Phasen der (Weiter-)Entwicklung und der Kommerzialisierung von Produkten.

Was genau planen Sie?
Unsere Idee ist es, den ganzen Forschungsstandort einzubinden und diese Wertschöpfungskette über alle drei Phasen hinweg zu integrieren. Damit soll ein komplettes Netzwerk entwickelt werden, das Innovation im Fintech-Bereich auch langfristig zutage fördert und damit der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Schweiz dient. Da die zukünftigen Anforderungen der Finanzindustrie durch Fintech aktuell nur teilweise über die Hochschulen abgedeckt sind, möchte Zürich ein internationales Hochschulzentrum für Finanz- und Bankwissenschaften in Zürich etablieren.

Worauf wollen Sie den Fokus legen?
Der Fintech-Sektor differenziert sich aktuell weiter aus. Anfänglich war er sehr stark im Retail Banking positioniert, derzeit ist eine Weiterentwicklung in die Bereiche Wealth Management und Corporate Banking zu beobachten. Weitere Trends sind etwa die Verschiebung von B2C in Richtung B2B sowie vom Zahlungsbereich in den Anlage- und Finanzierungsbereich sowie die Kundenberatung. Die Schweiz benötigt daher eine klare Positionierung und hat als grösster Offshore-Finanzplatz der Welt sicher ihre Stärken im Bereich des Wealth Management. Aber auch das Thema (Daten-)Sicherheit könnte ein interessanter Schwerpunkt sein, wie jüngst ein Start-up-Wechsel in die Schweiz belegt.

Es laufen zurzeit einige Initiativen, verzettelt man sich da nicht?
Aktuell läuft in der Tat eine ganze Reihe an Initiativen. Die ETH bietet heute beispielweise schon ein Start-up-Programm, das aber nicht speziell auf den Fintech-Bereich ausgerichtet ist. Daneben existiert eine ganze Reihe an Fintech-Konferenzen und Meet-ups. Unsere Idee ist es, mit dem Swiss Fintech Innovation Lab all diese Kräfte zu bündeln. Das, was schon vorhanden ist, soll weiterbestehen, aber in einem organisierten Rahmen. Gemeinsam wollen wir Zürich auf die Fintech-Weltkarte bringen.

Gibt es dafür schon einen Fahrplan?
Wir wollen dieses Jahr noch die Rahmenbedingungen abstecken, um spätestens 2016 starten zu können. Dafür veranstalten wir am 18. Juni einen grossen Workshop, an dem alle relevanten Akteure mit am Tisch sind und wir alle wichtigen noch offenen Fragen beantworten wollen. Das Ergebnis ist ein Masterplan, um das Lab möglichst rasch zum Leben erwecken zu können.

Als Standort des Lab war einst Dübendorf, sprich der Nationale Innovationspark, im Gespräch. Dort ist momentan aber noch eine grüne Wiese.
Der Standort ist gar nicht so entscheidend. Vielmehr muss das Lab thematisch und organisatorisch konkretisiert werden. Der Standort ist im bisherigen Prozess immer mehr in den Hintergrund gerückt, weil noch gar nicht klar ist, wann der Nationale Innovationspark in Dübendorf starten soll. Die am Fintech Lab beteiligten Akteure wollen aber ziemlich schnell loslegen. Ob dies in Dübendorf sein wird, ist ein Entscheid, der am Workshop fallen soll.

Wer soll das Lab betreiben?
Auch das wird der Workshops zutage fördern. Die Integration der Innovationswertschöpfungskette könnte aber eine zwischen Universitäten und Unternehmen angesiedelte Instanz mit Hochschulverbindung nahelegen, die sowohl über das Fachwissen als auch die notwendige Neutralität verfügt, den Gesamtprozess zu orchestrieren.

Ist denn schon klar, wer das Projekt finanzieren soll?
Auch diese Frage muss noch geklärt werden und hängt mit der Organisationsform des Lab zusammen. Am naheliegendsten wäre es, die Finanzierung unter den beteiligten Akteuren aufzuteilen. Ob auch die öffentliche Hand wie in London oder New York sich beteiligt, ist noch unklar, aber in diesen Dimensionen eher unwahrscheinlicher, da dies nicht unbedingt die Kultur der Schweiz spiegeln würde. Aber die Initiative des Innovationsparks und das damit verbundene Budget zeigen auch, als wie relevant das Thema auf politischer Ebene angesehen wird.

Ist das ein Grund, warum die Fintech-Szene hierzulande im internationalen Vergleich hinterherhinkt?
Ich denke, diese Frage ist differenziert zu betrachten. In London und New York beispielsweise hat die Finanzkrise einerseits zu grossen Entlassungswellen geführt. Viele ehemalige Bankmitarbeiter sind daraufhin in Fintech-Start-ups gerutscht. In der Schweiz war der Druck bislang nicht so gross. Andererseits ist das Angebot an Venture Capital im angelsächsischen Raum traditionell viel grösser als bei uns. Dies führt dazu, dass Entrepreneure ein Umfeld vorfinden, das sie sehr schnell mit Kapital und Infrastruktur ausstattet, um ihre Ideen realisieren zu können. Jetzt ist die Zeit allerdings reif, und die Akteure des Schweizer Finanzplatzes haben das ebenfalls erkannt.

Wie geht es weiter?
Die Finanzindustrie verändert sich derzeit in rasantem Tempo und wird, ähnlich wie etwa die Musik- oder die Reiseindustrie, in den kommenden Jahren transformiert. Die Schweiz kann daher als wichtigstes Land der Welt im Bereich der Vermögensverwaltung nicht länger auf der Fintech-Weltkarte fehlen. Und Zürich hat gegenüber anderen internationalen Finanzzentren gewichtige Standortvorteile wie etwa die physische Nähe von Industrie und Hochschulen.

Leser-Kommentare