Aus der Ferne ist ein Gemurmel zu hören. Je näher man dem Loch Nr. 1 kommt, desto mehr schwillt das Stimmengewirr an. Es ist noch früh, trotzdem stehen die Menschen am 28. September 2018 bereits dicht gedrängt hinter den Abschrankungen um die Startzone des Golf National bei Paris. Sie warten auf den Startschuss zum drittgrössten Sportanlass der Welt.

Gemessen an den TV-Zuschauern wird er nur von Olympischen Spielen und der Fussball-WM übertroffen. Um 8 Uhr morgens warten 7000 Zuschauer in der Arena auf ihre Champions: Tiger Woods, Tommy Fleetwood, Ian Poulter, Francesco Molinari, Phil Mickelson, Rory McIlroy, Justin Johnson und Sergio Garcia. Insgesamt kämpfen 24 Superstars – zwölf aus Europa und zwölf aus Amerika – um Ehre und Prestige.

Zugelassen sind nur die Bestklassierten der PGA-Touren. Am Ryder Cup verwandeln die Zuschauer das sonst totenstille Green in einen Hexenkessel. Um die Bräuche, die den Sport sonst regieren, schert sich niemand. Johlend und brüllend fiebern die Fans mit ihren Lieblingsspielern mit und schmettern patriotische Lieder.

Die «American Marshals» und die gelb-blau gekleideten Europäer versuchen sich gegenseitig mit ihren Hymnen zu übertönen. Es geht zu und her wie an einem Champions-League-Final.

Die vielen Grossleinwände erinnern an ein Rockstarkonzert im Stadion, aber schliesslich sind ja auch hier Weltstars am Werk: Die besten Golfspieler Europas treten gegen die amerikanischen Champions an. Für das Gastland ist der Ryder Cup ein einträgliches Geschäft.

Dieses Jahr hatten die Spieler des alten Kontinents auf dem Albatros Course des Golf National in Saint-Quentin-en-Yvelines bei Paris Rache geschworen. Sie wollten die Schmach der 11:17-Niederlage in Amerika vergessen machen.

Gegründet wurde der Ryder Cup 1927 vom britischen Geschäftsmann Samuel Ryder. Der vermögende Saatguthändler wollte damit die informellen Duelle zwischen Amerikanern und Engländern nach dem Ersten Weltkrieg institutionalisieren. Der Erfolg gab ihm recht.

Schon bei der von den Amerikanern gewonnenen Erstausgabe in Rochester lockte das Turnier Zuschauer in Massen an. Zwei Jahre später fanden sich 30’000 Golfliebhaber ein, um die Briten auf englischem Boden zum Sieg zu tragen. Bis 1971 wurde der Cup ausschliesslich von Amerikanern und Briten gespielt, seit 1979 können auch Golfer aus dem übrigen Europa antreten.

Seither wurde das im Zweijahresrhythmus abwechselnd von der PGA of America und dem Ryder Cup Europa ausgerichtete Turnier elf Mal von Europa und acht Mal von Amerika gewonnen. Rolex hat massgeblich zum Erfolg des Wettkampfs beigetragen.

Die seit 50 Jahren den Golfsport unterstützende Schweizer Uhrenmarke ist seit 2014 Turnierpartner bei Austragungen in Europa und seit 1995 Sponsor des europäischen Ryder-Cup-Teams. Heute profitiert sie von 300’000 Zuschauern, die das Turnier über eine Woche verteilt anlockt. Die Revanche ist geglückt.

Ende September wehte die sonst an vielen Fronten arg gebeutelte blaue Flagge mit den zwölf Sternen der Europäer vor dem Pariser Himmel, um den Sieg zu verkünden. Angeführt von «Moliwood Love», dem Traumpaar des Turniers bestehend aus dem Italiener Francesco Molinari und dem Engländer Tommy Fleetwod, ging die europäische Mannschaft mit 17,5 zu 10,5 als deutlicher Sieger der 42. Ausgabe hervor.

Gewonnen hat sie das Turnier bei den Fourballs und den Foursome. Beim ersten Format treten zwei Zweierteams gegeneinander an, wobei jeder Spieler seinen eigenen Ball spielt. Beim zweiten Format spielen ebenfalls zwei gegen zwei, sie schlagen jedoch abwechslungsweise denselben Ball.

Nach einem starken Auftakt der Amerikaner drehten die Europäer auf und setzten sich dank konstanter Leistungen relativ schnell ab. Den sonst eher eigenbrötlerischen Golfcracks ist es gelungen, ihr Ego zu überwinden und als Team aufzutreten. Sie wurden dabei von den vielen Fans an den 18 Löchern unterstützt und liefen unter deren Anfeuerungsrufen zur Höchstform auf.

Vielleicht kann diese Begeisterung für den Ryder Cup, der wie ein NBA oder ein Fussball-WM-Finalspiel als Sportspektakel dargeboten wird, dazu beitragen, dem Sport ein zeitgemässeres Image zu verpassen. Damit auch mehr junge Leute und Spieler aus allen sozialen Schichten, die bisher mit diesem als elitär geltenden Sport wenige anzufangen wissen, Interesse daran finden.

Der Schweizerische Golfverband (ASG) zählte Ende 2017 insgesamt 98 Clubs und elf angeschlossene Vereinigungen mit 90’725 Golferinnen und Golfern, davon 5200 im Juniorenalter. Es führt nichts darum herum: Der Sport muss auf der ganzen Welt neu erfunden werden.

Keith Pelley hat sich dieser schwierigen Aufgabe angenommen, er steht der European Tour seit 2015 als CEO vor und hat mit den 2017 erstmals ausgetragenen Rolex Series die Entwicklung in diese Richtung angeschoben. Zudem hat er am Ryder Cup die Zuschauerbereiche und -einrichtungen deutlich vergrössert und die Popularität des Golfevents auf ein höheres Niveau gebracht.

Mehr Zuschauer, bessere Unterhaltung, eine neue Organisation – entsprechen die von Ihnen eingeführten Neuerungen im Ryder Cup dem Sinneswandel im Golfsport?
Golf ist ein Einzelsport. Der Golfer spielt das ganze Jahr hindurch für sich allein. Am Ryder Cup muss er dann plötzlich unter einer Flagge und für ein Team kämpfen. Das ist einmalig und übertrifft alles. Es wäre nicht realistisch, das Modell auf breiter Ebene einzuführen.

Trotzdem möchten Sie Golfturniere vermehrt zu einem Spektakel machen. Was müssen wir darunter verstehen?
Golf muss für den Zuschauer kurzweilig und unterhaltend sein. Die Leute mögen Golf, weil es sie ablenkt und interessiert. Bei vielen Zuschauern findet der Ryder Cup gerade deshalb so grossen Anklang. Golf ist Showbusiness: Das Erfolgsrezept sind die Spieler, der Garant für Beachtung die Zuschauer. Die European Tour und natürlich auch der Ryder Cup wollen diese Begeisterung weitervermitteln und so ein breiteres Publikum gewinnen.

Und wie wollen Sie dieses Ziel zu erreichen?
Den Ryder Cup in einer so symbolstarken Stadt wie Paris zu organisieren, war hochinteressant. Wir haben mehrere Anlässe beim Eiffelturm veranstaltet und mitten in Paris ein Ryder Cup Village aufgebaut. Vielleicht hätten wir die zeitgleich stattfindende Fashion Week stärker einbeziehen sollen, aber die Dynamik war auch so sehr gut. Besonders gelungen fand ich das Eröffnungsessen und die anderen Events im Château de Versailles – lauter starke, erinnerungswürde Anlässe, die weit über das hinausgehen, wofür der Golfsport steht.

Wie soll sich der Golfsport weiterentwickeln?
Die Sportbegeisterung ist nicht mehr dieselbe. Die Milliennials und die Generation Z kultivieren Multitasking, sie interessieren sich für vieles gleichzeitig und konsumieren auch entsprechend. Wir müssen darauf reagieren und den Golfsport überdenken, damit wir ihnen unterschiedlich lange Golferlebnisse bieten können. In Amerika wird bereits mit kürzeren Turnieren experimentiert. Eine andere Massnahme wäre die Lockerung der Kleidervorschriften. Das Erbe und die Traditionen sollen bleiben, einige Regeln lassen sich aber durchaus ändern. Momentan gibt es einige sehr grosse Nachwuchshoffnungen. Wir müssen daher bei den Jüngsten weiter für den Sport werben und ihnen zeigen, wie viel sie beim Golfen über ihre Fähigkeiten, über sich selbst und das Leben lernen können. Und wie der Sport ihnen hilft, ihre Gefühle zu verstehen und sie zu kontrollieren. Neue Studien zeigen, dass Golf die Gesundheit und die Konzentrationsfähigkeit verbessert.

Könnte neue Technologie dafür zielführend sein?
Natürlich spielt Technologie eine wichtige Rolle. Wir dürfen uns nicht davor fürchten, sie einzusetzen. Würden die Spieler mit Mini-Kameras ausgestattet, könnten die Zuschauer jeden Schlag der Spieler mitverfolgen. Jede Information, jede zusätzliche Angabe macht das Spiel interessanter.

An welcher anderen Sportart nehmen Sie sich ein Beispiel, um Golf im Sinne eines Sportspektakels attraktiver zu machen?
Der Super Bowl ist in Bezug auf seine Vermarktung und die Gestaltung des Anlasses ein echtes Vorbild. Sowohl vor als auch während der Wettkampfwoche finden Shows für sämtliche Zielgruppen statt. Der Super Bowl ist in erster Linie ein Footballmatch, bei dem zwei Mannschaften gegeneinander antreten, aber viele Zuschauer gehen wegen der Show hin. Am Ryder Cup waren am Mittwoch vor dem Turnierstart bereits 40’000 Interessierte vor Ort. Das ist bezeichnend dafür, dass er mehr ist als nur an Sportanlass.

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