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Wirecard meldet Insolvenz an

Nach einem gigantischen Bilanzskandal steht der Zahlungsanbieter Wirecard vor der Pleite. Die Aktien verlieren fast 80%.

(Reuters) Angesichts eines 1,9 Mrd. € schweren Lochs in der Bilanz meldete der Zahlungsverkehrs-Anbieter am Donnerstag Insolvenz an. «Der Vorstand der Wirecard AG hat entschieden, für die Wirecard (WDI 0.7911 -5.34%) beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen», teilte der Konzern mit.

Es werde geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Wirecard-Töchter gestellt werden müssen. Es ist das erste Mal in der mehr als 30-jährigen Geschichte des Leitindex Dax (DAX 12606.57 -0.29%), dass ein Dax-Mitglied kollabiert. Die Aktien stürzten nach einer vorübergehenden Aussetzung des Handels um fast 80% auf 2.50 € ab und schlossen am Donnerstag bei 3.53 €.

1,9 Mrd. € waren wohl eine Täuschung

Wirecard hatte in den vergangenen Jahren angeblich ein rasantes Wachstumstempo hingegelegt und im September 2018 die Commerzbank (CBK 4.09 -0.87%) aus dem Dax verdrängt. Zu Hochzeiten kostete die Aktie 200 €, doch die Geschichte vom erfolgreichen Fintech aus Deutschland erwies sich als Illusion. Vor einer Woche verweigerten die Wirtschaftsprüfer von EY das Testat für die Bilanz, als sich herausstellte, dass Bestätigungen über Treuhandkonten offensichtlich gefälscht waren. Die dort angeblich liegenden 1,9 Mrd. € gab es in Wirklichkeit wohl nie.

Die Gläubigerbanken versuchten sich in den vergangenen Tagen ein Bild davon machen, wie viel des angeblichen Wirecard-Geschäfts tatsächlich existiert und ob sich ein gesunder Kern retten lässt. Schnell machte sich Ernüchterung breit.

Schuldenrückzahlung illusorisch

Ein Grossteil der Umsätze existiere anscheinend nur auf dem Papier, die Kosten seien dagegen korrekt ausgewiesen, sagte ein Insider. «Es gibt keinen Weg, dass sie ihre Schulden von insgesamt 3,5 Mrd. € aus dem gesunden Kerngeschäft zurückzahlen können.»

Nun müssen die Gläubiger hoffen, möglichst viel Geld im Insolvenzverfahren zu retten. Doch die Chancen scheinen gering. «Das Geld ist weg», hiess es aus einer Bank. «In einigen Jahren werden wir vielleicht ein paar Euro zurückerhalten, aber wir werden den Kredit jetzt abschreiben.» Auch aus zwei anderen Banken hiess es, der Kredit werde abgeschrieben.

Fraglich sei, was von Wirecard verwertet werden könne. Wettbewerber könnten einfach die Kunden, zu denen renommierte Firmen wie Aldi, Ikea oder die Fluggesellschaft KLM gehören, auf ihre Plattform herüberziehen. Die Wirecard-Technologie bräuchten sie wohl nicht.

«Fiasko für den Finanzplatz Deutschland»

Die Finanzaufsicht BaFin, die erst spät gegen Wirecard vorgegangen ist, steht massiv in der Kritik. «Bei der Finanzaufsicht müssen Köpfe rollen», sagte der Linken-Finanzpolitiker Fabio de Masi (MASI 3.14 0%). «Der Insolvenzantrag von Wirecard ist ein Fiasko für den Finanzplatz Deutschland.» Ins gleiche Horn stiess der Grünen-Finanzpolitiker Danyal Bayaz. «Dass ein Dax-Konzern innerhalb kürzester Zeit als Börsenstar in die Insolvenz schlittern konnte, wirft ein schlechtes Licht auf den gesamten Standort Deutschland», sagte Bayaz. «Besonders die BaFin und Abschlussprüfer müssen umfassend erklären, warum diese Entwicklung zu keinem Zeitpunkt vorhergesehen und verhindert werden konnte.»

Bei Wirecard selbst, gegen die Grossinvestoren bereits Klagen eingereicht hatten, dürfte nicht mehr viel zu holen sein. Anders könnte das bei dem Wirtschaftsprüfer EY sein, der jahrelang die Bilanzen von Wirecard testiert hatte. Erste Anwaltskanzleien werben bereits für Sammelklagen. Von EY war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Später hat sie von klaren Anzeichen für einen Betrug gesprochen (vgl. Text in Kasten)

Staatsanwaltschaft prüft mögliche Straftaten

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt bei Wirecard wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation. Auch die Insolvenz von Wirecard schaue sich die Behörde an. «Wir werden alle in Betracht kommenden Straftaten prüfen», sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Sie hat bereits den ehemaligen Konzernchef Markus Braun, der fast 20 Jahre an der Spitze von Wirecard stand, im Visier. Nach einer Nacht in Haft kam er am Dienstag gegen eine Kaution von 5 Mio. € auf freien Fuss. Auch Ex-Vorstand Jan Marsalek, der das Unternehmen an der Seite von Braun rund 20 Jahre lang geprägt hat und sich nun möglicherweise auf den Philippinen aufhält, steht im Fokus der Strafverfolger.