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Wirtschaft wirkt bis in die Kinderstube

Kindererziehung ist geprägt von ökonomisch-rationalen Überlegungen. Die Unterschiede in der Erziehung spiegeln unterschiedliche Ausprägungen wirtschaftlicher Ungleichheit. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«Auch in Zukunft werden die Veränderungen des ökonomischen Umfelds die Art und Weise beeinflussen, wie Eltern ihre Kinder erziehen.»

«Die Höllenwindsbraut, unaufhörlich wehend, entführt die Geister mit gewalt’gem Schwung, peinvoll nach oben sie und unten drehend», schreibt Dante Alighieri im fünften Gesang der Hölle in seiner «Göttlichen Komödie». Ist der Mensch tatsächlich, wie Paolo und Francesca in Dantes Höllenkreis, gnadenlos waltenden psychologischen Kräften ausgeliefert, die sein Verhalten steuern? Oder folgt er doch, mehr oder weniger bewusst, rationalen Prinzipien? Diese Frage beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten – und neuerdings auch Ökonomen.

Was das Thema Kindererziehung angeht, scheinen die Irrationalisten mit ihren Argumenten die Oberhand zu haben. Eltern folgen, so scheint es, Moden und Trends und ändern ihre Haltung häufig, je nachdem, was die gerade angesagten Experten, gezielt bei den jeweiligen Ängsten und Unsicherheiten ansetzend, empfehlen. In den Siebzigerjahren urteilte der Konsens die bis anhin jahrhundertelang bewährte Methode – Gehorsam einfordern und Fehlverhalten bestrafen – als ein schreckliches Konzept ab. Mit dem Einzug neuer Werte geriet die Autorität von Eltern und Pädagogen ins Wanken, die Hippiebewegung trieb die antiautoritäre Stimmung zu neuer Radikalität. Dann aber änderte sich der Trend wieder. Seit den Achtzigerjahren widmen sich Eltern der Erziehung ihrer Kinder wieder intensiver, sind fast schon davon besessen. Gemäss aktuellen Zahlen interagieren amerikanische Eltern heute eine Stunde pro Tag länger mit ihrem Nachwuchs, als es die Eltern in den Siebzigerjahren taten. Die meisten dieser Aktivitäten zielen darauf ab, die Kinder zu individuellem Erfolg zu motivieren und anzutreiben. Allerdings ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Bereits propagiert die sogenannte Free-Range-Elternbewegung die Rückkehr zu einer idyllischen Welt, in der solcher Wahn keinen Platz hat.

In unserem neuesten Buch «Love, Money, and Parenting. How Economics Explains the Way We Raise Our Kids» belegen Matthias Doepke und ich anhand historischer und internationaler Erhebungen, dass Kindererziehung in viel grösserem Masse von rationalen – auch ökonomisch-rationalen – Überlegungen geprägt ist, als der oberflächliche Eindruck vermuten lässt. Die Unterschiede in der Kindererziehung spiegeln in hohem Masse unterschiedliche Ausprägungen wirtschaftlicher Ungleichheit. Chinesen und Japaner haben zahlreiche kulturelle Gemeinsamkeiten, etwa mit Blick auf Buddhismus bzw. Konfuzianismus, gemeinsame Schriftzeichen und anderes mehr. In der Kindererziehung allerdings gehen sie sehr weit auseinander. In internationalen Umfragen betonen 90% der chinesischen Eltern die Vorzüge von Fleiss und harter Arbeit, nur 20% wertschätzen Fantasie. In Japan hingegen sprechen sich bloss etwas über 30% für Fleiss und harte Arbeit aus, Fantasie erfährt dafür deutlich mehr Zustimmung als in China. Werden die Eltern anhand der Werte eingeteilt, die sie fördern, klassifizieren sich 65% der japanischen Eltern als sogenannt permissiv, während es in China nur weniger als 10% sind. Die meisten Chinesen bevorzugen die autoritäre Erziehung, sie drängen und motivieren ihre Kinder zu Fleiss und Leistung.

Je nach dem Gini-Koeffizienten

Ähnliche Unterschiede finden sich zwischen den Eltern in den USA und in Kanada – die amerikanischen agieren im Durchschnitt autoritärer als die kanadischen. Worin wurzeln diese Unterschiede? In den wirtschaftlichen Gegebenheiten, wie wir belegen. Die chinesische und die amerikanische Gesellschaft sind von ausgeprägter Ungleichheit gekennzeichnet, der Gini-Koeffizient für die Einkommen beträgt rund 40%. In Japan und Kanada ist die Ungleichheit schwächer, der Gini-Koeffizient liegt um 30%. Dieses Muster ist ebenso in Europa erkennbar. Schweizer und deutsche Eltern sind entspannter – also permissiver – als britische, aber involvierter als diejenigen in Skandinavien. Nach unserem Umzug mit der Familie von Schweden in die Schweiz befand unsere Tochter, der hiesige Schulunterricht sei einiges strenger und anspruchsvoller. Deutschland und die Schweiz weisen ein geringeres Mass an Ungleichheit auf als das UK, aber ein grösseres als Norwegen und Schweden. Dieses Muster bestätigt sich in einer ganzen Reihe von Industrieländern.

Egal, in welchem Land oder in welchem Jahrhundert: Eltern lieben ihre Kinder und wollen, dass sie glücklich und erfolgreich sind. Unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen – und nicht etwa Trends oder psychologische Phänomene – beeinflussen allerdings ihr Verhalten, indem sie unterschiedliche Anreize und Einschränkungen schaffen. In einer von starker Ungleichheit geprägten Gesellschaft, in der sich eine gute Ausbildung später in hohem Mass auszahlt und das Schulsystem sehr kompetitiv ausgelegt ist, geht es eben auch um viel. Entsprechend gehen die Eltern die Erziehung ihrer Kinder intensiv an, drängen zu Fleiss, harter Arbeit und guten Noten – sie sind das Sprungbrett für eine erfolgreiche Berufslaufbahn. Am anderen Ende des Spektrums wiederum, in Ländern mit geringer Ungleichheit, fördert die permissivere Erziehung bei den Kindern Unabhängigkeit, Vorstellungsvermögen und ermuntert zur Selbstfindung.

Welches Modell ist nun besser? Eine absolute Antwort gibt es nicht, es ist ein ständiges Abwägen. Wie unsere Daten zeigen, kann intensives elterliches Engagement in einer Gesellschaft, die grossen Wert auf schulische Leistungen legt, durchaus ein probates Konzept sein, auch wenn es die Kreativität der Kinder dämpft. Die freiere, entspanntere Erziehung wiederum kann dort gut funktionieren, wo eher Teamfähigkeit und unabhängiges Denken wertgeschätzt und belohnt werden. Auf jeden Fall wird die Entscheidung für ein bestimmtes Konzept der Kindererziehung in hohem Masse von ökonomischen Faktoren bestimmt. Zudem bringen diese unterschiedlichen Modelle der Kindererziehung auch Differenzen in der Art und Weise hervor, wie Humankapital gebildet wird, und münden letztlich in unterschiedliche Gesellschaftsmodelle. Die einen, wie die USA oder China, orientieren sich eher an individueller Leistungsfähigkeit. Andere, wie Schweden oder, bis zu einem gewissen Grad, die Schweiz, sind auf ein breiteres soziales Kapital ausgerichtet.

«Robotersicher» ausbilden

Wie geht es weiter? Unsere Theorie baut darauf, dass auch in Zukunft die Veränderungen des ökonomischen Umfelds die Art und Weise beeinflussen werden, wie Eltern ihre Kinder erziehen. Setzt sich der Trend wachsender Wirtschaft fort, dürfte sich das in der Kindererziehung spiegeln: Vor allem in der Ober- und der oberen Mittelklasse werden die besorgten Eltern ihre Bemühungen verstärken, den Aufstieg ihres Nachwuchses zu fördern.

Doch das wird nicht unbedingt «mehr vom Gleichen» bedeuten. Kommende Generationen von Eltern werden sich neuen Herausforderungen gegenübersehen. Die Automatisierung wird nicht bei den mittelqualifizierten Jobs haltmachen, sondern auch die Hochqualifizierten erfassen und bald schon selbst die prestigeträchtigsten Berufe obsolet machen. Die Eltern werden sich bemühen müssen, die Zukunft ihrer Kinder «robotersicher» zu gestalten. In hochqualifizierten medizinischen Berufen etwa, wie Radiologie oder Chirurgie, wird die Nachfrage nach Arbeitskräften sinken – schon heute werden viele Aufgaben von Maschinen ausgeführt. Das Gleiche gilt für Anwälte, Piloten und Berufe im Finanzsektor. Falls dieses Szenario Realität wird, dürften so manche autoritären Eltern von heute bestürzt feststellen, dass sich die jahrelangen Bemühungen nicht auszahlen und die berufliche Zukunft ihrer Sprösslinge weniger glanzvoll ist als erwartet, selbst mit dem Abschluss einer Eliteschule. Der Wahl der richtigen Fachrichtung – zum Beispiel eher STEM (Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwissenschaften, Mathematik) als nichtmathematische Gebiete – wird immer grössere Bedeutung zukommen.

Wachsende Kluft

Der Vormarsch der intensiven Erziehung dürfte ferner die Differenzen zwischen Arm und Reich vergrössern. In den USA geht die Zunahme des elterlichen Engagements einher mit einer wachsenden Kluft zwischen Kindern mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Hintergrund bzw. den Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. In unserem Buch betrachten wir, wie verhängnisvoll solche Unterschiede in der Kindererziehung zwischen Gesellschaftsschichten werden können: Ärmere Familien können es sich nicht mehr leisten, in dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf mitzuhalten, und geben auf. In den USA wird dies noch verschlimmert durch die zunehmende Segregation in Sachen Wohngegend. Ein weiterer Faktor ist das Schwinden familiärer Bindungen bei den weniger Vermögenden – ein Ausdruck davon ist der Verzicht auf die Ehe, was bedeutet, dass eine zunehmende Anzahl Menschen niemals einen stabilen Familienverbund bilden wird.

Diese sozialen Phänomene zu begreifen, erfordert eine solide theoretische Grundlage und verlässliche statistische Methoden. Auf rationalen Überlegungen basierende Ansätze helfen beim Verständnis und können so die Richtung für politische Reformen weisen, um eine bessere Gesellschaft zu erschaffen. So wunderbar die «wehende Höllenwindsbraut» als literarisches Geschöpf sein mag, sie ist kein taugliches Leitprinzip für sozialwissenschaftliche Betrachtungen.

Leser-Kommentare

Markus Saurer 06.03.2019 - 18:10

Sehr interessant und ebenso sehr plausibel. Und ja, gute Reklame für Dante… sollte man endlich einmal lesen.

Roland Heinzer 07.03.2019 - 19:21
Ich denke wir werden noch etwas länger auf die totale Automatisierung warten müssen, da haben viele Leute zu wenig Kenntnisse von den verschiedenen Berufen. Ich kann mir die “Roboter” wohl als Helfer vorstellen, aber nicht als Entscheidungsträger. Beispielsweise so wie heute ein Flugzeug operiert wird; so lange sich alles im Normalbereich bewegt kann die Automatik das Flugzeug steuern, aber im… Weiterlesen »