Meinungen

Wirtschaftspolitischer Graben zwischen EU und USA

Die EU und die USA driften wirtschaftspolitisch auseinander. Das dürfte den Dollar stärken und Europas Abhängigkeit steigern. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Daniel Gros
«Doch stehen die Massnahmen der Fed mit ihrer offiziellen Linie nicht so recht im Einklang. »

Nun, da Europa endlich beginnt, bei der Impfung seiner Bevölkerung gegenüber den USA aufzuholen, scheinen beide Seiten des Atlantiks auf eine starke wirtschaftliche Erholung zuzusteuern. Doch entwickelt sich ihre makroökonomische Politik in einer Weise auseinander, die in der Zukunft ernste Probleme hervorrufen könnte.

Die Fiskalpolitik geht bereits in unterschiedliche Richtungen. Die USA steuern für zwei Jahre (2020 und 2021) auf ein Defizit im öffentlichen Sektor von rund 15% des BIP zu. Das Defizit des kommenden Jahres bleibt abzuwarten, doch es auf einen einstelligen Wert zu drücken, wäre eine beispiellose Kontraktion. Ergänzt man dies um Präsident Joe Bidens vorgeschlagenen «American Jobs Plan» im Volumen von zwei Billionen Dollar – über den seine Regierung noch immer mit dem Kongress verhandelt –, so erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass die USA ihre Fiskalpolitik 2022 plötzlich straffen werden.

In der Eurozone haben die Regierungen ihre Ausgaben während der Covid-19-Krise ebenfalls gesteigert, doch nicht annähernd so stark. Die zusätzlichen Ausgaben belaufen sich 2020 und 2021 auf 7 bis 8% des BIP – das ist prozentual nicht wenig, aber doch nur halb so viel wie in den USA.

Zurück zur Besonnenheit

Darüber hinaus soll das Defizit laut der Wirtschaftsprognose der Europäischen Kommission vom Frühjahr 2021 im kommenden Jahr auf 4% des BIP sinken – was vermutlich erneut halb so viel wie in den USA wäre. Die meisten europäischen Länder planen, rasch zu jener Besonnenheit zurückzukehren, die die Eurozone in die Lage versetzt hat, 2019 ein Durchschnittsdefizit von nahezu null zu erreichen.

Auf den ersten Blick mag diese Auseinanderentwicklung in der Fiskalpolitik verblüffen. Schliesslich werden die USA als Erste wieder ihr BIP von vor der Krise erreichen, was nahelegt, dass sie Konjunkturimpulse weniger nötig haben. Ein genauerer Blick jedoch zeigt den Grund für diese Auseinanderentwicklung – nämlich die Ausrichtung der Haushaltsausgaben.

In den meisten europäischen Ländern stellte Kurzarbeitergeld den Unternehmen die Mittel zur Verfügung, die sie brauchten, um ihre Arbeitnehmer weiterzubeschäftigen, selbst wenn diese aufgrund der öffentlichen Gesundheitsmassnahmen über Monate hinweg kaum etwas zu tun hatten. Die US-Regierung dagegen stellte allen unter einem gewissen Einkommensniveau Schecks aus, unabhängig davon, ob sie ihre Arbeitsplätze behielten oder nicht, und sie erhöhte zusätzlich das Arbeitslosengeld.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Ansätze beeinflusste die Pandemie die europäischen und US-Arbeitsmärkte auf unterschiedliche Weise. In Europa war die Lage nicht besonders turbulent: Obwohl die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden deutlich sank, erhöhte sich die erfasste Arbeitslosigkeit um nicht einmal einen Prozentpunkt.

In den USA fiel die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in ähnlichem Umfang, doch die Arbeitslosigkeit war alles andere als stabil. Dutzende Millionen Arbeitnehmer wurden mit Beginn der Lockdowns Anfang 2020 entlassen. In den letzten Monaten wurden angesichts der Impffortschritte und gelockerter Beschränkungen Millionen wieder eingestellt. Doch rund sieben Millionen Arbeitsplätze müssen noch neu besetzt werden, bevor die US-Wirtschaft zur Vollbeschäftigung zurückkehrt.

Die USA und Europa verfolgen zudem unterschiedliche geldpolitische Ansätze. Natürlich bleibt die Geldpolitik offiziell weiterhin überall enorm locker. Doch die Rahmenbedingungen – und die tatsächliche Politik – beginnen sich auseinanderzuentwickeln, nun da sich die Notenbanken entschieden haben, wann und wo sie anfangen werden, die Geldpolitik zu straffen.

Das US Federal Reserve plant, weiter eine sehr lockere Politik inklusive grosser Wertpapierankäufe zu verfolgen, bis die tatsächliche Inflation ihren Zielwert von annähernd 2% überschreitet. In einem gewissen Sinn wurde diese Linie bereits überschritten: Die Gesamtinflation liegt bereits bei über 4%, und selbst die Kerninflation (ohne Energie- und Lebensmittelpreise) hat vor kurzem 3% überschritten. Doch geht das Fed davon aus, dass dieser Anstieg vorübergehend ist, deshalb will sie ihre Politik nicht sofort straffen. Sie hat offiziell erklärt, sie würde «die Beschäftigungsdefizite … gegenüber dem Höchstniveau abmildern» – was bedeutet, dass sie die Wirtschaft «heisslaufen» lassen wird.

Doch stehen die Massnahmen der Fed mit ihrer offiziellen Linie nicht so recht im Einklang. Der jüngste «Dot-Plot», der die Erwartungen der Mitglieder des Offenmarktausschusses an die künftige Zinsentwicklung abbildet, legt nahe, dass die Zinsen bereits Anfang nächsten Jahres steigen könnten. Schon jetzt hat das Fed diskret begonnen, die Geldpolitik zu straffen.

In den letzten Monaten hat das Fed eine grosse Anzahl an Rückkaufoperationen getätigt. Dabei hat es Termingeschäfte über den Verkauf von Schatzanleihen im Volumen von rund 800 Mrd. $ abgeschlossen – viel mehr, als es am Kassamarkt gekauft hat. Anders ausgedrückt: Ein Arm des Fed konterkariert durch umgekehrte Pensionsgeschäfte faktisch die Anleihenkäufe des anderen Arms. Dieser Ansatz versetzt das Fed in die Lage, zu behaupten, dass es die Geldpolitik in einer Zeit weiterhin hoher Arbeitslosigkeit nicht strafft, auch wenn es faktisch genau dies tut.

Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Haltung des Fed und seiner tatsächlichen Politik hat die Unsicherheit über die künftige Inflationsentwicklung in den USA naturgemäss verstärkt. Einige Finanzmarkt-Kennzahlen geben die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation die 3%-Marke während der nächsten fünf Jahre übersteigen wird, inzwischen mit fast 40% an.

Weitere Anleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank bleibt dagegen der Preisstabilität verpflichtet. Auch wenn die Gesamtinflation im Mai erstmals seit Jahren 2% erreicht hat, verharrt die Kerninflation weiterhin unter 1%. Da die EZB das Ziel einer Inflation von annähernd 2% verfolgt, hat sie kaum eine andere Wahl, als weitere Anleihen zu kaufen.

Während die Fiskal- und die Geldpolitik technisch gesehen auf beiden Seiten des Atlantiks expansiv bleiben, befinden sich die USA und die Eurozone inhaltlich eindeutig auf unterschiedlichem Kurs. Während die USA eine expansive Fiskalpolitik verfolgen, aber verstohlen eine Straffung der Geldpolitik betreiben, ist die Eurozone eifrig darum bedacht, zur Haushaltsdisziplin zurückzukehren, aber weiterhin eine lockere Geldpolitik zu verfolgen.

Für sich genommen ist diese Auseinanderentwicklung nicht besonders berichtenswert. Niemand ist schockiert, zu hören, dass Unterschiede bei der Wirtschaftslage und den Prioritäten zu unterschiedlichen Ansätzen führen. Doch sollte man die potenziellen längerfristigen Auswirkungen nicht unterschätzen. Wenn beide Volkswirtschaften ihren Kurs beibehalten, wird das den US-Dollar stärken, Amerikas Tendenz zu grossen externen Defiziten verstärken und das Wachstum in Europa noch exportabhängiger machen. Dies ist ein Rezept für Handelsspannungen – und für ein abruptes Ende des transatlantischen Honeymoons der Biden-Ära.

Copyright: Project Syndicate