Meinungen

Ökonomie und Klima

Im Kern geht es in den Wirtschaftswissenschaften um die effiziente Allokation von Ressourcen. Das Preisgefüge sollte so verändert werden, dass CO2-intensives Verhalten verteuert wird. Ein Kommentar von Rolf Weder.

Rolf Weder
«Man stelle sich vor, wir hätten vor dreissig Jahren ein Zertifikatssystem eingeführt.»

Vor nicht einmal einem Jahr hat der Verantwortliche «für neue Wirtschaftsmodelle und Zukunftsfragen» des WWF geschrieben: «In der Diskussion um das Wachstum und seine Grenzen stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: Das eine – meist vertreten durch Ökonomen und Politiker – hält ein grenzenloses Wachstum für möglich und auch notwendig, weil sonst unsere Wirtschaft kollabieren würde (…). Die andere Seite, zu der auch ich mich zähle, argumentiert naturwissenschaftlich: Die Ressourcen auf unserer Erde sind limitiert, und es ist nicht möglich, unendlich zu wachsen» (NZZ (NZZ 5800 0.17%), 19. März 2019).

Mein erster Gedanke: Es können ja nicht alle wissen, dass man in den Wirtschaftswissenschaften grundsätzlich von der Beschränktheit der Ressourcen ausgeht und betont, dass bei begrenzten gemeinschaftlichen Ressourcen (wozu zum Beispiel das Klima oder die Fische in den Weltmeeren gehören) korrigierend in den Markt eingegriffen werden muss, damit kein Marktversagen resultiert. Der im Ökonomiestudium jeweils früh gelehrte Begriff der Tragedy of the Commons (Tragödie der gemeinschaftlichen Ressourcen) spricht Bände. Mit der «Pigou-Steuer» – vor etwa hundert Jahren durch Arthur C. Pigou eingeführt – werden die Studenten im ersten Semester konfrontiert.

Als ich dann aber in der Vorlesung «Einführung in die Volkswirtschaftslehre» Ausschnitte aus dem Gespräch zwischen dem ehemaligen Generalsekretär des Club of Rome und Buchautor Graeme Maxton und dem Moderator vom Fernsehen SRF Yves Bossart zum Thema «Schafft sich die Menschheit bald ab?» diskutierte («Sternstunde Philosophie», 28. Juli 2019), merkte ich, dass da wohl doch ein verbreitetes Unverständnis zum Verhältnis zwischen den Wirtschaftswissenschaften und dem Klima herrschen muss.

Wachstum ist keine Wunschgrösse

Nachdem Maxton die heutigen Umweltprobleme nämlich auf das Wirtschaftswachstum zurückgeführt und ein neues Wirtschaftssystem auf der Basis von anderen Werten, individueller Genügsamkeit und tiefgreifenden Verboten gefordert hat, ruft der Moderator: «Sie zerstören ja den Heiligen Gral der Ökonomen: das Wachstum!» Und Maxton, der im Interview als «Ökonom» vorgestellt wird, entgegnet lachend mit «Ja» und meint, er habe (als einer der wenigen) die Einsicht gewonnen, dass das, was er bisher (auch als Angestellter beim «Economist») geschrieben und geglaubt habe, nicht (mehr) richtig sei.

Doch damit nicht genug. Im mehrfach ausgezeichneten Film «System Error» (2018) wird diese Betrachtungsweise auf den Höhepunkt getrieben, indem die sich anbahnende Klimakatastrophe als unabwendbare Folge des kapitalistischen Systems diagnostiziert wird: Die Welt befinde sich im «Wachstumswahn» – alles werde dem Wachstum des Bruttoinlandprodukts untergeordnet, ohne Wachstum würde das System nicht funktionieren, das System bringe am Schluss sich selbst und damit auch die Menschen um. Einer, Karl Marx, habe dies schon vor 150 Jahren erkannt. Die Folgerung: Das marktwirtschaftlich kapitalistische System sei zu ersetzen.

Was lässt sich auf Basis der ökonomischen Theorie tatsächlich zur ganzen Problematik sagen? Einmal ist zu präzisieren, dass wirtschaftliches Wachstum – in der Regel gemessen mit der prozentualen Zunahme des Bruttoinlandprodukts (BIP) – weder eine Wunschgrösse noch irgendein höheres kollektives Ziel darstellt. Das BIP ist eine Messgrösse für das Ausmass der in einem Land produzierten Güter und Dienstleistungen, die über Märkte ausgetauscht werden. Da der Wert von allem, was produziert wird, in Form von Einkommen an die Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Natur) zurückfliesst, entspricht das BIP dem gesamtwirtschaftlichen Einkommen. Wachstum bedeutet also auch eine Zunahme des durchschnittlichen Einkommens, was die Bezüger erfreut. Da ein erheblicher Teil dieses Einkommens durch den Staat über Steuern umverteilt und zur Finanzierung vieler staatlicher Aufgaben herbeigezogen wird, vereinfacht ein steigendes BIP auch das Leben der politischen Akteure. Kein Wunder also, dass das Wachstum in der Praxis begrüsst wird.

Ökonomen betonen aber sehr wohl, dass das BIP kein gutes Wohlstands- bzw. Wohlfahrtsmass ist, da es für sich allein genommen zum Beispiel nichts über die Verteilung, nichts über die Umwelt und nichts über die Arbeitslosigkeit aussagt sowie Leistungen, die nicht über den Markt abgegolten werden, nicht erfasst. Deshalb wird es ergänzt um weitere Masse wie zum Beispiel den Human Development Index, Verteilungsindikatoren und vieles mehr. Ob eine Volkswirtschaft wächst, hängt nicht von einem «Wahn» ab. Das Wachstum wird langfristig von der Produktivitätsentwicklung bestimmt, die über die Arbeitsteilung und neue Ideen einen effizienteren Einsatz von Ressourcen ermöglicht. Vorübergehend kann man auch durch mehr Ressourcenverbrauch wachsen, was aber nicht nachhaltig ist, weil zum Beispiel die Ressource Umwelt übernutzt wird. Ein solches Wachstum ist aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht nicht optimal und deshalb nicht wünschenswert.

Wenn es so etwas wie einen «Heiligen Gral der Ökonomen» gibt, dann ist dies meines Erachtens nicht das Wachstum, sondern die gesamtwirtschaftlich effiziente Allokation knapper Ressourcen. Funktioniert der Markt, können dezentrale Entscheide von Millionen von Akteuren über den Preismechanismus zu diesem Resultat führen. In einigen Fällen, die in der Theorie definiert sind, erfüllen Märkte diesen Anspruch nicht. Beim Klima sind es die Externalitäten bzw. die Art des Gutes (gemeinschaftliche Ressource), die ohne entsprechende staatliche Eingriffe zu suboptimalen individuellen Entscheidungen und damit zu einer Schädigung des Klimas führen.

1990 beschäftigten wir uns als Doktoranden und Postdocs an der Universität Basel intensiv mit der Umweltproblematik. Wir errechneten implizite Benzinsteuern (damals etwa 3 Fr. pro Liter) und dachten bspw. über ein globales Zertifikatssystem zur Beschränkung der CO2-Emissionen nach. Dabei betonten wir, dass die Entwicklungsländer kaum ein Interesse haben würden, wenn wir sie auf ihrem damaligen CO2-Emissions-Niveau «einfrieren» würden, und verbanden das System mit einer weltweiten Pro-Kopf-Allokation der CO2-Emissionsrechte, die verkauft und gekauft werden konnten.

Bestehendes System anpassen

Man stelle sich vor, wir hätten vor dreissig Jahren tatsächlich ein solches Zertifikatssystem eingeführt. Der individuelle Konsum, die Produkte, die Produktion, der Transport und die Freizeitaktivitäten wären heute weltweit CO2-ärmer. Die Technologie hätte diesbezüglich wohl grosse Fortschritte gemacht. Das Wachstum wäre nachhaltiger. Es gäbe weniger Schuldzuweisungen. Die Akteure würden aus individueller Sicht «automatisch» jeweils auch fürs Klima bessere Entscheide fällen. Die weltweite CO2-Emissionsmenge wäre geringer.

Wenn wir weiterhin eine relativ grosse individuelle Freiheit im Verhalten erlauben wollen, dann müssen wir als Kollektiv endlich das Preisgefüge so verändern, dass CO2-intensives Verhalten verteuert wird. Mit anderen Worten, wir setzen uns innerhalb des bestehenden Systems für nachhaltige Spielregeln ein, optimieren dann aber individuell innerhalb dieser veränderten Regeln. Tun wir dies nicht, besteht die Gefahr, dass uns entweder eine Koalition von Gruppierungen ein freiheitsfeindlicheres System aufzwingen wird – mit dem Argument, dass dies die einzige Rettung sei. Oder wir rennen dann wirklich gegen die Wand. Beides sollten wir nicht geschehen lassen.

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