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Wisekey will weiter alles ausprobieren

Analyse | Das IT-Sicherheitsunternehmen stösst in immer neue Gebiete vor. Geld verdienen scheint derzeit keine Priorität zu haben.

Einen Umsatz von 43,5 Mio. $ hat das Genfer IT-Sicherheitsunternehmen im Geschäftsjahr 2017 erzielt. Letztes Jahr waren es rund viermal weniger (VJ: 11 Mio. Fr.); von 43,1 Mio. $ ging das Management um Gründer, Präsident und CEO Carlos Moreira noch Ende Februar aus. Fast eine Punktlandung – doch Finanzplanung scheint in der Gesellschaft nicht die oberste Priorität zu geniessen.

Wichtiger für Moreira ist die Fortsetzung des ungestümen Wachstumskurses: Wisekey will dieses Jahr den Umsatz um weitere 40% vergrössern. Die bisherige Umsatzvorgabe von 60 Mio. $ für das laufende Jahr wird bestätigt. Arithmetisch gesehen ist das Unternehmen auf Kurs. Für das erste Quartal prognostizieren die Genfer einen Umsatz von 14 Mio. $ – doppelt so viel in der Vorjahresperiode.

Etwas weniger rot

Wegen der regen Investitionsaktivität von Wisekey befinden sich Betriebsverlust mit 13,5 Mio. $ und Nettoverlust mit 24,3 Mio. $ im tiefroten Bereich. Sie konnten sich aber im Vergleich zu den Vorjahreswerten deutlich verbessern (VJ: –36,2 Mio. $ respektive –24,3 Mio. $). Die wichtigste Transaktion des Jahres, die auch den Gewinn belastet hat, war die 85%-Übernahme des Zertifizierungsspezialisten QuoVadis, für den Wisekey 15 Mio. $ in bar und 1,11 Mio. B-Aktien aufwenden musste.

Angesichts der weit verstreuten Aktivitätsbereiche – digitale Authentifizierung, Sicherheitslösungen für das Internet der Dinge, Blockchain, Kryptowährungen und einiges mehr – ist für Aussenstehende schwierig nachzuvollziehen, aus welchen Bereichen das erzielte Umsatzwachstum effektiv stammt und mit welchen Aktivitäten Wisekey netto Geld verdient. Die Annahme liegt nahe, dass besonders die neuen Projekte zuerst Geld verbrennen, bevor sie irgendwann welches abwerfen.

Fest steht, seit der Kotierung im April 2016 war die Entwicklung der Kleinfirma stark von Akquisitionen geprägt. Die grössten zwei waren die Integration des Chipherstellers InsideSecure/VaultIC im Herbst 2016 und diejenige von QuoVadis im Sommer 2017.

Diverse Wachstumsquellen

Dieses externe Wachstum wird derweil mehrheitlich mit fremdem Kapital finanziert. Wisekey kann dafür auf diverse Kreditlinien zurückgreifen, u.a. von Exworks Capital (16,2 Mio. $) und zuletzt Yorkville Advisors (50 Mio. $). Die Gläubiger erhalten im Gegenzug das Recht, Wisekey-Aktien (B) zu festgelegten Konditionen zu beziehen.

Der verhältnismässig hohen Verschuldung zum Trotz hält Moreira am aggressiven Wachstumskurs fest. Einen Schub erhofft sich Wisekey von einem Razor Blade genannten Angebot. Es sieht die Vermarktung von Chips mit eingebauter Sicherheitsfunktion vor. Das ist ein Baustein in der von Wisekey angestrebten Realisierung eines sicheren Ökosystems für das Internet der Dinge. Dabei sollen Millionen von Geräten oder Anlagen über eingebaute Microchips authentifiziert, geschützt und gesteuert werden können.

Ein weiteres Wachstumsfeld sieht Wisekey im Bereich Kryptowährungen. Anfang Jahr hat sie dafür eigens eine digitale Währung, den WiseCoin, entwickelt. Dabei handelt es sich nach Unternehmensangaben um eine «Kryptowährungsplattform für Kryptobezahlvorgänge zwischen vernetzten Objekten, die von Mikroprozessoren und digitalen Identitäten von Wisekey gesichert werden». Im vierten Quartal soll die Währung über ein ICO (Initial Coin Offering) im Markt eingeführt werden. Hiervon erhofft sich Wisekey, Token in Höhe von 50 bis 100 Mio. $ ausgeben zu können. Für ein Vorab-ICO hat sie eine Wandelanleihe ausgegeben und dafür 4 Mio. $ aufgebracht.

Hohes Tempo

Wisekey prescht weiter in hohem Tempo vor. Heute hat sie die Gründung eines Joint Venture in China mit der Finanzgesellschaft China Bridge Capital angekündigt. Das Ziel ist die Entwicklung eines führenden Dienstleistungsanbieters in den Bereichen Cybersecurity, Internet der Dinge und Blockchain für den wachsenden chinesischen Markt.

Die Visibilität für die finanzielle Mechanik Wisekeys bleibt indes stark eingeschränkt. Neue Initiativen kommen oft aus dem Nu und lassen Anleger über die finanziellen Implikationen im Dunkeln. Die kommerziellen Felder, die Wisekey zu besetzen versucht – Cybersicherheit, IoT, Blockchain –, sind a priori gross und attraktiv. Doch angesichts der fahrigen Kommunikationspolitik und der Gefahr, sich zu verzetteln, gleicht ein Engagement in Wisekey weiter einem Blindflug.

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