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WM: Auf die Schweiz zu setzen, ist gar nicht so dumm

Die Wettbüros preisen die Siegeschancen von Deutschland, England und der Schweiz zu niedrig. Ein Fall für Value-Investoren.

Peter Rohner

Die Fussball-WM steht vor der Tür. Es ist auch die Zeit der Tippspiele und der Wetten. Dabei geht es in erster Linie um den Spass und das gemeinsame Erleben und Mitfiebern.

Doch wie gewinnt man eine Wette oder ein Tippspiel am ehesten? Gibt es eine überlegene Strategie? Wie würde sich ein rationaler Investor verhalten?

Vorweg: Ein bisschen risikofreudig muss der rationale Investor sein, sonst würde er an einem solchen Glücksspiel niemals teilnehmen, bei dem der Erwartungswert höchstens null ist.

Interessant werden Tippspiele und Fussballwetten, wenn die Quoten von den Wahrscheinlichkeiten abweichen. Finanzmarktspezialisten würden dann von einer Ineffizienz sprechen, die man ausnutzen könnte. Das bedingt natürlich, dass man eine Vorstellung von den richtigen Wahrscheinlichkeiten hat.

Objektive Qualitätsmasse 

Selbst auf dem höchsten fussballerischen Niveau gibt es genug grosse Qualitätsunterschiede, sodass nicht jedes Resultat gleich wahrscheinlich ist. Wenn Weltmeister Deutschland gegen Saudi-Arabien spielt, dürfte in den meisten Fällen die deutsche Nationalelf als Sieger vom Platz gehen.

Messbar ist der Qualitätsunterschied auf verschiedene Weise, zum Beispiel über das Geld: Die deutschen Spieler verdienen ihre Millionen in den besten Clubs Europas. Ihr Marktwert ist um ein Vielfaches höher als derjenige der Spieler aus Saudi-Arabien, die zu einem bescheideneren Gehalt bei Vereinen in der Heimat oder in den Emiraten angestellt sind.

Marktwert als Orientierungshilfe

Gemäss Daten von Transfermarkt.de haben die Spieler der französischen Nationalmannschaft den höchsten durchschnittlichen Marktwert. Das zweitteuerste Team hat Spanien. Brasilien folgt auf Rang drei, vor Deutschland.


Allein auf den Marktwert sollte man sich beim Tippen aber nicht verlassen, zumal er durch das Alter verzerrt ist. Die Equipe de France etwa ist mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren eine der jüngsten Mannschaften, was sich positiv auf den Marktwert auswirkt, aber nicht unbedingt ein Mass der Qualität ist, da zum Beispiel die Erfahrung fehlt.

Ein anderes objektives Mass für die Stärke einer Mannschaft ist der vergangene Erfolg. Er wird durch die Fifa-Rangliste oder das Elo-Rating erfasst.

Dazu werden die Punkte aus den vergangenen Spielen zusammengezählt. Der grösste Unterschied zwischen den beiden Rangierungen ist, dass die Formel für das Elo-Rating mehr Gewicht auf die Stärke des Gegners legt und auch die Tordifferenz eine Rolle spielt.

Auf der Fifa-Rangliste trennen die Saudis 66 Plätze von Deutschland, der aktuellen Nummer eins. Auf der Elo-Rangliste führt Brasilien vor Deutschland. Saudi-Arabien ist auch da das am schwächsten eingestufte Team.

Diese objektiven Messgrössen sind die Grundlage, um die Wahrscheinlichkeit des Titelgewinns zu schätzen. Über alle drei Kriterien betrachtet hat Brasilien das beste Team und die grössten Chancen auf den Titel. Knapp dahinter folgt Deutschland, dann kommen Frankreich, Spanien und Argentinien. Die Schweiz schafft es dank der guten Platzierung im Fifa-Ranking in der Gesamtschau in die Top Ten.

Auf eines von diesen zehn Teams zu setzen, ist sicher keine schlechte Strategie. Auch wenn Brasilien gegen die Schweiz auf dem Papier Favorit ist, ist die Zufallsmarge genug gross, dass es auch anders kommen kann.

Unterschätzte Schweizer

Die Schweiz hat zudem den besonderen Reiz, dass der potenzielle Wettgewinn viel höher ist als bei den Favoriten. Auf den Online-Wettplattformen betragen die Quoten bis zu 1 zu 160, während man für Brasilien nur das 5,5-Fache bekommt.

Auch im UBS-Modell zur Fussball-WM ist die Schweiz unter den besten zehn. Das Modell berücksichtigt neben dem Elo-Score auch noch den Erfolg in der Qualifikation und das allgemeine Abschneiden in WM-Endrunden sowie eine Zufallskomponente. Zur Schätzung der Wahrscheinlichkeit haben die UBS-Analysten eine Simulation durchgeführt und das Turnier unzählige Male durchgespielt.

Die Schweiz hat in diesem Modell eine simulierte Gewinnwahrscheinlichkeit von rund 2%, vergleichbar mit Uruguay und Mexiko. Die grössten Chancen misst es Deutschland mit einer Wahrscheinlichkeit von 24% bei.

England, Deutschland und die Schweiz bieten «Value»

Die folgende Tabelle stellt die impliziten Wahrscheinlichkeiten in den Wettquoten den Werten des UBS-Modells gegenüber. Für Brasilien stehen die besten «Odds» auf zwei zu neun. Die implizite Gewinnwahrscheinlichkeit beträgt demnach 2/11 oder 18,2%. Gemäss UBS-Modell stehen die Chancen auf den Turniersieg jedoch nur auf knapp eins zu fünf oder 19,8%. Die Wettquoten stehen also etwa mit den Gewinnchancen im Einklang. Am wenigsten attraktiv sind Frankreich, Argentinien und Belgien. Sie bieten relativ zu den Gewinnchancen keine attraktiven Wettquoten.

Das Gegenteil ist der Fall bei England, Deutschland und der Schweiz. Sie sind die wahren Value Picks im Tippspiel, weil die möglichen Wettgewinne grösser sind, als es die Gewinnwahrscheinlichkeit rechtfertigt.

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