Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Wo der dritte Mann uns beleidigte

Vielleicht war es eine kaschierte Rache dafür, dass die bäurischen Eidgenossen einst die feinsinnigen Habsburger aus dem Land gejagt hatten. Just am Eingang zum Riesenrad im Wiener Prater nämlich beleidigte Harry Lime, der Bösewicht im Kinoklassiker «Der dritte Mann», unsereins. Mit diesen infamen Sentenzen: «In den 30 Jahren unter den Borgias hat’s nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab’s Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!» Der grosse Schauspieler Orson Welles, der sich zu diesem heimtückischen Impromptu hatte hinreissen lassen, erfuhr erst später, dass Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald stammen; das dürfte ihn zusätzlich amüsiert haben.

Das Riesenrad gehört zu Wien wie der «Steffl» oder Schloss Schönbrunn. Es wurde 1897 in Betrieb genommen, scheints zur Feier des 50. Thronjubiläums Kaiser Franz Josephs I. (der allerdings «erst» seit 1848 herrschte); andere Quellen besagen, zum 60. Thronjubiläum von Queen Victoria. Jedenfalls war der Chefingenieur Brite, Walter B. Basset. Er streckte die Baukosten vor und verbriefte sie in Aktien sowie in einer Anleihe, in Pfund. Während des Ersten Weltkriegs, 1916, wurde das Feindsubjekt Basset enteignet – damals starb auch Franz Joseph, und wie für ihn läuteten die Totenglocken schon für Österreich-Ungarn. In der Zwischenkriegszeit gehörte das Riesenrad dem Prager Kaufmann Eduard Steiner. Nachdem 1938 der «Führer» Österreich heimgesucht und -geholt hatte, wurde das Riesenrad arisiert; die Nationalsozialisten ermordeten Steiner im KZ. 1947 waren die Bombenschäden repariert, das Rad drehte wieder seine Runden. Zwei Jahre später dann, eben, Welles’ Affront. Erst noch aufreizend heiter untermalt von einer Heurigen-Weise des Zither-Virtuosen Anton Karas.