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Wo sich in Europa Anlagechancen bieten

Seit längerer Zeit gelten Aktien aus dem Euroraum als unterbewertet. Fondsmanager sagen, in welchen Titeln sich der Einstieg lohnen könnte.

Europa zeigt sich nicht von seiner attraktivsten Seite: Die konjunkturelle Lage hat sich über die vergangenen Monate deutlich eingetrübt, Exportnationen wie Deutschland leiden unter dem lahmenden Welthandel.

Gleichzeitig gelten bei vielen Analysten und Brokern die Aktien aus dem Euroraum seit längerer Zeit als latent unterbewertet. Doch auch dies hilft nicht, um grosse ausländische Investoren anzulocken. Der drohende Brexit und die schwächelnden Wirtschaftszahlen machen den Euroraum zur unbeliebten Anlageregion.

Europabörsen weit zurück

Für Ben Ritchie, Fondsmanager von Aberdeen Standard Investment (ASI), ist das Argument der Unterbewertung zu simpel. «Seit Jahren spricht man davon, dass europäische Unternehmen im Vergleich zu US-Konkurrenten günstiger sind», sagt er. Tatsächlich sind in den vergangenen zwanzig Jahren Europaaktien von Marktteilnehmern mehrheitlich als unterbewertet taxiert worden. Allerdings hinkt in Europa auch die Gewinnentwicklung den US-Unternehmen hinterher. «Sie enttäuscht in Europa seit Langem, und seit acht Jahren sind die aggregierten Gewinne fast unverändert.»

Das spiegelt sich am Aktienmarkt. Der Stoxx 600, der die sechshundert grössten kotierten Unternehmen Europas umfasst, liegt nur knapp über dem Stand von 1999; gegenüber dem Weltindex MSCI World und dem S&P 500 (SP500 3337.75 -1.05%) notiert er langfristig meilenweit zurück. Noch schwächer hat sich der Blue-Chip-Index Euro Stoxx 50 entwickelt, der ausschliesslich Gesellschaften aus der Eurozone berücksichtigt. Er liegt weit von den ehemaligen Höchstständen entfernt.

Günstige Bewertungen

«Dieses Umfeld hat dafür gesorgt, dass wir heute in Europa einige unglaublich günstig bewertete Qualitätsunternehmen finden», sagt Martin Skanberg, der für Schroders Europa abdeckt. Das sieht auch Ritchie so: «Europa ist kein Markt, der breit gekauft werden sollte. Das bietet gute Gelegenheiten für Stock Pickers.»

Diese Einschätzung wird gestützt von Morgan Stanley (MS 52.42 -2.47%),  die für kommendes Jahr das Gewinnwachstum in Europa auf 2% schätzt. «Wir erwarten für 2020 eine bescheidene Höherbewertung von europäischen Aktien», schreibt Morgan-Stanley-Stratege Graham Secker. Vor allem eine Entspannung in der Brexit-Saga und ein allfälliger Wechsel der neuen Chefin der Europäischen Zentralbank von geld- zu fiskalpolitischen Massnahmen könnten die Kurse antreiben, glaubt er.

Die von «Finanz und Wirtschaft» befragten Fondsmanager sehen derzeit vor allem bei deutschen und französischen Unternehmen Aufholchancen. Ritchie von ASI sieht Kaufmöglichkeiten beim Energieversorger RWE (RWE 33.75 -2%) (vgl. Texte unten). «RWE hat sich bei der Stromherstellung von der schmutzigen Braunkohle verabschiedet und fokussiert stark auf erneuerbare Energien», sagt Ritchie. Er hält den Titel gegenüber denen der Konkurrenten für deutlich unterbewertet.

«Spannend sind zudem der Automobil- und der Finanzsektor. Aber auch hier gilt es, selektiv zu sein», sagt Ritchie. Auf seiner Liste stehen der Reifenhersteller Michelin, der Lkw-Produzent Volvo (VOLV A 163.5 -4.22%) und die Bank Crédit Agricole. Ebenfalls ein Top Pick: ASML. Der niederländische Konzern stellt Maschinen zur Fertigung von Mikrochips her. «In einem schnell wachsenden Markt hat er in seinem Bereich quasi ein Monopol», sagt Ritchie.

Auf ähnliche Sektoren setzt Edward Kevis von Aviva (WDL 1.9 -2.06%) Investors: «Wir haben kürzlich bei Automobilherstellern aufgestockt. Die Notierungen liegen in einigen Fällen deutlich unter dem eigentlichen Unternehmenswert.» Er setzt auf den Autohersteller Peugeot, der in Fusionsgesprächen mit Fiat Chrysler (FCA 13.1 -1.5%) steht, sowie auf Daimler (DAI 40.435 -5.07%). Bei den Finanzdienstleistern sieht er Chancen bei den Versicherern Axa und Allianz (ALV 223.95 -2.93%). «Beide haben eine starke Bilanz und einen Cashflow, der auch in Schwächephasen stabil bleiben dürfte.»

Eine Wette auf Frankreich

Auch Martin Skanberg von Schroders sieht «viele günstige Opportunitäten» in Europa. In den letzten Jahren ist viel Anlagekapital aus dem Euroraum abgezogen worden. «Solange sich der Dollar zum Euro nicht abwertet, werden wir kaum einen grossen Rückfluss von Geldern nach Europa sehen». Für ausländische Investoren verliert Europa an Attraktivität, wenn der Euro schwächelt. Dies mindert die Performance in der eigenen Heimwährung.

Zu den unterbewerteten Titeln zählt Skanberg etwa Danone (BN 68.7 -3.1%), die im Vergleich zu Nestlé (NESN 105.84 -2.92%) mit einem Abschlag von rund 25% gehandelt werden, «obschon das Geschäftsmodell vergleichbar ist».

Weitere Chancen sieht er bei Turnaround-Kandidaten wie der Supermarktkette Carrefour oder im deutschen Immobiliensektor mit Deutsche Wohnen (DWNI 38.17 -1.9%), die zuletzt aus Angst vor nationalen Mietzinsregulierungen deutlich an Wert eingebüsst haben.


RWE


Die neue Story des einstigen Braunkohlenutzers RWE kommt bei Anlegern gut an. Der deutsche Energieversorgungskonzern will Europas führender Ökostromhersteller werden. Diesen Umbau kann RWE dank einem steigenden Gewinn vorantreiben. Allein im laufenden Jahr hat das Unternehmen die Prognose zweimal angehoben, zuletzt vergangene Woche.

Der gute Lauf wird am Finanzmarkt belohnt. Seit Januar sind die Papiere rund 40% gestiegen. Trotz des überdurchschnittlichen Kursverlaufs sind die Aktien weit davon entfernt, überteuert zu sein. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2020 liegt gerade einmal bei 15, vergleichbare Unternehmen sind an der Börse deutlich höher bewertet. Das Gewinnwachstum wird zudem in den kommenden Jahren anhalten. Denn das wachsende Ökostromgeschäft macht heute erst einen kleinen Teil des Umsatzes von RWE aus.


Danone


Weil der Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé 2019 knapp 30% an Wert zugelegt und damit die Bewertung weiter nach oben geschraubt hat, suchen Anleger nach valablen Alternativen. Eine davon ist der französische Konkurrent Danone. «Danone und Nestlé haben ein ziemlich ähnliches Geschäftsmodell, bloss ist Danone deutlich günstiger», begründet Fondsmanager Ben Ritchie, weshalb er auf die Franzosen setzt.

Allerdings ist Danone nicht die gleiche Wachstumsmaschine wie Nestlé. Ein gewisser Abschlag in der Bewertung ist gerechtfertigt. Im Oktober musste der Konzern seinen Ausblick zurücknehmen, weil die Drittquartalszahlen unter den Erwartungen blieben. Neu wird ein Umsatzwachstum von 2,5 bis 3% (zuvor 3%) erwartet. Nestlé hingegen will 2019 organisch um 3,5% wachsen. Aus Bewertungsüberlegungen kann Danone eine Überlegung wert sein.


ASML


Der niederländische Halbleiterzulieferer ASML ist schon seit einiger Zeit ein Liebling der Anleger. In den vergangenen vier Jahren hat sich der Aktienkurs fast verdreifacht. Dennoch haben die Analysten der Bank of America (BAC 34.36 -1.41%) Merrill Lynch (BofAML) ihre Kaufempfehlung erst kürzlich bekräftigt. Das Unternehmen könnte in den kommenden Jahren stark von der Verbreitung des 5G-Standards im Mobilfunk profitieren.

ASML stellt Maschinen her, die zur Produktion von Mikrochips benützt werden. Vier von fünf Chipherstellern weltweit sind Kunden der Niederländer, ihr globaler Marktanteil liegt bei rund 65%. «ASML hat quasi ein Monopol», sagt Fondsmanager Ben Ritchie. Gemäss BofAML dürfte der Gewinn bis 2021 um bis zu 60% steigen. Allerdings werden diese Aussichten von Anlegern eher teuer eingekauft. Aktuell ist ASML mit dem 38-Fachen des voraussichtlichen Gewinns für 2020 bewertet.


Carrefour


Wer in die französische Einzelhandelskette Carrefour investiert, benötigt starke Nerven. Die vergangenen Jahre waren von einem starken Kursverfall geprägt. Einerseits bekundete Carrefour im französischen Heimmarkt Mühe, andererseits gestaltete sich der Versuch, in China Fuss zu fassen, als eine teure Grube.

Inzwischen haben sich die Vorzeichen leicht verändert. Carrefour ist im Umbau. So werden etwa die Supermärkte zeitgemässer gestaltet. Die ersten Ergebnisse sind ermutigend: In Frankreich verzeichnet Carrefour wieder einen steigenden Umsatz. Wie oft bei solchen Turnaround-Situationen brauchen Anleger wohl auch bei den Franzosen mehr Geduld als anfänglich gedacht. Zudem dürfen sie sich von Kursschwankungen nicht abschrecken lassen. Schroders-Fondsmanager Skanberg ist von den Aussichten überzeugt. In seinem Fonds ist Carrefour die viertgrösste Position.


AXA


Seit fünf Jahren kommt der Versicherungskonzern AXA an der Börse kaum vom Fleck. Inzwischen wird das Pariser Unternehmen mit einem Abschlag von 20% gegenüber der Konkurrenz gehandelt. In der Vergangenheit lag der Discount bei lediglich 3%. Belastet wurde das Unternehmen zuletzt von seiner US-Rückversicherungstochter XL. Häufiger auftretende Naturkatastrophen haben zu höheren Aufwendungen als erwartet geführt.

Gleichzeitig wird das Portfolio auf der Lebensversicherungsseite gestrafft. Die US-Tochter Equitable Holdings soll bis 2020 ganz abgestossen werden. Diese Fokussierung könnte für zusätzliches Anlegerinteresse sorgen. Derweil dürfte Axa in den kommenden Jahren ein jährliches Gewinnwachstum zwischen 5 und 7% erzielen. Mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2020 von 7 sind die Valoren nur halb so teuer wie etwa Zurich Insurance (ZURN 417 -3.54%) (14).