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Respektlosigkeit ist nicht nur ein wesentlicher Charakterzug grosser Schauspieler, sie ist auch deren Grundhaltung. Zumindest war sie es…

Warnung: Der Inhalt dieses Beitrags könnte schockieren! Denn Unverschämtheit ist seit je Treibstoff von Kinokarrieren, ebenso vor wie hinter der Kamera.

Enttäuscht darüber, dass sein Film L’Ordre et la morale nur eine Oscar-Nominierung erhalten hatte, twitterte der französische Schauspieler und Regisseur Mathieu Kassovitz im Januar 2012: «Ich ficke das französische Kino in den Arsch. Lasst euch von diesen Scheissfilmen doch reinlegen…»

Seither hat er sich beruhigt. Zwar führte er keine Regie mehr, trat aber in über einem Dutzend Filmen, Dokumentarfilmen und Serien auf. Ausschliesslich französischen, notabene. Die Gewissheit, dass früher alles besser war, stimmt hier für einmal.

Denn eine solch freie Rede ist im Starsystem des 21. Jahrhunderts eher selten. Heute ziehen die Stars die sozialen Netzwerke vor, kommunizieren und werben via Instagram und Twitter und versuchen möglichst niemanden zu verärgern.

Madonna, die quasi ihre ganze musikalische und cinematografische Karriere auf Provokation aufbaute, nutzt ihr Instagram-Konto für eine Life-Dokumentation über ihre beiden in Malawai adoptierten Kinder.

Vorbei die Zeiten ihrer Ausbrüche, vor allem an der Seite ihres Exmannes Sean Penn, des amerikanischen Kassovitz, der so gerne in die Suppe spuckte: «Was mich im Movie-Business ankotzt, ist der nuttige Charakter meiner Berufskollegen.» Aber auch er ist in der Zwischenzeit leise geworden.

Wer sind die Unverschämten des Kinos 2017? Wer sind die Gainsbourg oder Salvador Dali des zeitgenössischen Schaffens? Die Redaktion nimmt Vorschläge gerne entgegen. Denn die Rocker sind heute Grosspapas, Punks are dead, Charlie Hebdo ist die Lust aufs Lachen vergangen.

Und die italienische Commedia dell’Arte und die Säuerlichkeit eines Vittorio Gassmann sind in den Dekolletees des Fernsehens à la Berlusconi versunken. Vincent Bolloré hat die Guignols de l’info auf dem französischen Canal+ demaskiert. George Clooney ist mittlerweile verheiratet.

Noch vor zehn Jahren brachte er den Planeten mit dieser wenig stubenreinen Aussage zum Lachen. «Laut Gerüchten habe ich mit über tausend Frauen geschlafen. Aber meine längste Beziehung hatte ich mit meinem Schwein Max.» Auch er ist heute braver Ehemann und Vater von Zwillingen.

Würde der französische Drehbuchautor Michel Audiard auferstehen und sehen, was hier so läuft, er würde seine berühmten Dialoge mit noch spitzerer Feder schreiben, als er dies in Der Bulle tat («Sind Dummköpfe erst mal lanciert, dreht man sich ewig im Kreis») oder in Mein Onkel, der Gangster («Dummköpfe trauen sich alles; daran sind sie eigentlich erkennbar»). Gibt es heute noch Akteure, die Dialoge so herrlich bissig sprechen wie ein Jean Gabin oder Lino Ventura?

Würden sich in den USA Financiers zu einem Remake von Taxi Driver von Martin Scorsese entschliessen, wäre die Chance minimal, dass ein Protagonist Version 2017 die 1975 in Cannes goldprämierten Monologe halten könnte («You talkin‘ to me?»).

Wer sich ein bisschen umschaut, stellt fest, dass das Kino, aber auch die Musik der 1970er-Jahre zutiefst respektlos waren. In der Siebten Kunst Amerikas, die auch die internationale Filmindustrie beeinflusst, findet die grosse Wende in den Jahren 1977 bis 1982 statt.

1977 kam Star Wars heraus, 1982 war das Geburtsjahr von E.T. Zwei Filme, die den Studios zeigten, dass künftig nicht das erwachsene Publikum, sondern Kinder und Jugendliche ihre Kassen füllen werden.

Es sei auch daran erinnert, dass dazwischen, 1979 und 1980, die beiden unverfrorensten Cineasten des Planeten, Coppola und Cimino, die finanzielle Schmerzgrenze ihrer Meisterwerke Apocalypse Now und Heaven’s Gate definitiv überschritten.

Für die Hollywood-Bosse war dies des Guten zu viel. Abgesehen von seltenen Ausnahmen (Oliver Stone, Gus Van Sant oder Tim Burton zu ihren Glanzzeiten), wurden die turbulentesten Filmemacher ruhiggestellt.

Von dieser Disziplinierung blieb natürlich auch das europäische Filmschaffen nicht verschont. Die obdachlos gewordene Respektlosigkeit findet jetzt im Guten wie im Schlechten im Fernsehen statt. In Frankreich nimmt der TV-Animator Cyril Hanouna diesbezüglich eine Spitzenstellung ein.

Wären sie noch am Leben, Clint Eastwood wäre einer der ihren, Frank Sinatra und sein Rat Pack, Marlon Brando, James Dean, Louis Jouvet; Clark Gable, der Scarlett O’Hara in Vom Wind verweht mit einem «wirklich meine Liebe, dies ist die kleinste meiner Sorgen» ohrfeigt, die grossartigen Schauspielerinnen Bette Davis, Simone Signoret, Lauren Bacall, Arletty («habe ich die Visage einer Atmosphäre?») – sie alle wären, wie Clint, letzte Mohikaner eines Starsystems, das weder mit Schmeicheleien, noch Korrektheit etwas am Hut hat, sondern die totale Redefreiheit zelebriert.

Würde Eastwood ein Twitter-Konto eröffnen, seine Botschaft wäre die gleiche wie in einem kürzlichen Interview: «Langsam haben die Menschen von Political Correctness und Einschleimerei genug.

Wir sind zu einer Generation von Arschkriechern und Angsthasen geworden und gehen wie auf Eiern.» Clint Eastwood hat mehr Mittel und Statur als Mathieu Kassovitz, er kann sich Schamlosigkeit, heute der höchste Luxus, leisten. Aber er ist einer der letzten!