Meinungen

Wohlstandsgrenzen sind zählebig

Max Webers These ist umstritten: Bis heute bestehen oft wirtschaftliche Unterschiede zwischen protestantischen und katholischen Regionen. Ein Kommentar von Tobias Straumann.

«Die Demarkationslinien zwischen den reicheren und den ärmeren Gebieten sind zwar nicht unverrückbar, doch sie sind äusserst zählebig.»

Vor hundert Jahren entschloss sich ein deutscher Forscher, sich eines Problems anzunehmen, das auf allen Katholikentagen unablässig diskutiert wurde: des wirtschaftlichen Vorsprungs der protestantischen Gebiete. Der Forscher verglich die Geschichte der Konfessionen und kam zum Schluss, dass es eine Verwandtschaft zwischen der «protestantischen Ethik» und dem «Geist des Kapitalismus» gibt. Die Calvinisten hätten den Wert der Arbeit wie keine andere Konfession hoch­gehalten und dadurch ihr Leben auf ähnliche Werte ausgerichtet wie die modernen Kapitalisten.

Der Forscher, von dem die Rede ist, hiess Max Weber, und seine Arbeit gehört wohl zu den meistdiskutierten Werken der Wirtschaftsgeschichte. Sind die Protestanten wirklich fleissiger gewesen? Oder war es nicht eher umgekehrt, dass nämlich bereits erfolgreiche Regionen zum Protestantismus übertraten, während rückständige Gebiete eher am Katholizismus festhielten? Und wie kann man den wirtschaftlichen Erfolg von Norditalien und Frankreich erklären? Die Frage ist alles andere als geklärt, und in der akademischen Welt dürfte die Zahl der Skeptiker um vieles grösser sein als die Zahl der Anhänger.

Und doch lässt sich die Weber-These nicht so einfach aus der Welt schaffen. Denn die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen protestantischen und katholischen ­Regionen sind bis heute nicht verschwunden. Auf dem amerikanischen Kontinent sind Kanada und die USA deutlich wohlhabender als die Länder südlich des Rio Grande. Und im Verlauf der Eurokrise hat sich ein Graben zwischen Nord- und Südeuropa aufgetan, der fast vollständig entlang der christlichen Konfessionen verläuft.

So sind es fast ausschliesslich Länder mit einem hohen protestantischen Bevölkerungsanteil, deren Staatsanleihen immer noch mit der Höchstnote AAA der Ratingagentur Standard & Poor’s bewertet sind: Dänemark, Deutschland, Finnland, Grossbritannien, die Niederlande, Norwegen, Schweden und die Schweiz. Umgekehrt dominieren die katholischen Länder die Gruppe mit einem niedrigeren Rating. Bei den Ratingagenturen Fitch und Moody’s sieht es etwas anders aus. Dort gehört Österreich zur Gruppe der am höchsten bewerteten Länder, während Grossbritanniens Note um eine Stufe abgewertet ist. An der Grundaussage ändert sich freilich wenig. Das protestantische Element ist in der Spitzengruppe stärker vertreten als das katholische, und umgekehrt.

Ursache oder Folge – einerlei

Dabei ist unerheblich, ob die Konfession Ursache oder Folge von wirtschaftlicher Divergenz ist. Auch der Hinweis, dass die Religion an Bedeutung im öffentlichen Leben verloren hat, zielt ins Leere. Der Unterschied existiert und spielt für die europäische Politik eine entscheidende Rolle. Er hat tiefe historische Wurzeln. So waren die oberitalienischen Städte zwar im Spätmittelalter auf vielen Gebieten führend, etwa in der Textilproduktion, dem Handel und dem Bankwesen. Aber bereits im 16. Jahrhundert begann der Abstieg.

Der Grund war nicht einmal so sehr der relative Niedergang des Mittelmeerhandels, der einsetzte, als Kolumbus in Amerika gelandet und Vasco da Gama Afrika umsegelt hatte, um den Handel mit Indien aufzunehmen. Der Abstieg war vielmehr durch die innere Entwicklung Italiens bedingt. Die Stadtstaaten entwickelten sich zu regionalen Fürstentümern, die anfällig waren für Korruption, Monopolwirtschaft und richterliche Willkür. Die Qualität der Institutionen nahm ab. Der Zusammenschluss Nord- und Süditaliens verschärfte dieses Problem, da der feudale Süden keinerlei rechtsstaatliche Tradition kannte. Italien trägt bis heute ein schweres Erbe.

Dasselbe gilt für Portugal und Spanien. Diese Monarchien hatten die Nase vorne in der Kolonisierung der aussereuropäischen Welt, was ihnen zunächst grosse ökonomische Vorteile brachte. Spanien-Habsburg dominierte im 16. Jahrhundert die Weltpolitik. Doch bereits unter Philipp II. setzte der Zerfall ein, weil die Wirtschaft vor allem auf hemmungslosem Ausbeuten der amerikanischen Bodenschätze beruhte. Und im Innern machten sich bald die verheerenden Konsequenzen der Verfolgung der Mauren und der Juden bemerkbar. Die wirtschaftliche Elite verliess fluchtartig das Land, um sich in Italien, den Niederlanden oder im Osmanischen Reich niederzulassen.

Die Niederlande zeichneten sich nicht nur durch religiöse Toleranz aus. Sie waren im 17. Jahrhundert auch wirtschaftlich und institutionell dem Rest Europas völlig überlegen. Wer heute die Gemälde von damals betrachtet, dem fällt sofort auf, wie modern diese Welt bereits war. Es sind keine Adligen oder Könige abgebildet, sondern Bürgersfamilien oder Kaufleute in ihrem Alltag. Die Feudalisierung der städtischen Kultur und Politik hielt sich in engen Grenzen. Von einer Republik modernen Zuschnitts konnte im 17. Jahrhundert noch keine Rede sein, aber die wesentlichen Elemente waren vorhanden.

Dasselbe gilt für Grossbritannien im 18. Jahrhundert. Die Monarchie war so weit domestiziert, dass sie das politische und wirtschaftliche Gefüge nicht mehr durch erratische Entscheide aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Das Parlament kontrollierte die Staatsfinanzen, die Macht der Zünfte war gebrochen, und der Seehandel verlieh den bürgerlichen Schichten Ansehen und Einfluss. Es war kein Zufall, dass die industrielle Revolution in England und nicht in Frankreich, Italien oder Spanien ausbrach.

Auch in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte können wir einen markanten Unterschied zwischen protestantischen und katholischen Gebieten feststellen. Die erfolgreichen Handels- und Industriestädte waren alle in den Händen der Protestanten. Die Industrialisierung war das Werk protestantischer Unternehmer, während die katholischen Gebiete lange gegenüber den Errungenschaften der modernen Wirtschaft zurückhaltend blieben. Besonders frappant war der Unterschied in Appenzell und Glarus. Die Wirtschaftsstruktur änderte sich auf kleinstem Raum, sobald man die konfessionelle Grenze überschritt.

Der historische Rückblick lässt sich beliebig ausweiten. Der Grundtenor bleibt derselbe: Die europäische Wirtschaft entwickelte sich über die letzten Jahrhunderte sehr ungleich. Die Demarkationslinien zwischen den reicheren und den ärmeren Gebieten sind zwar nicht unverrückbar – so sind zum Beispiel in Deutschland und der Schweiz mittlerweile auch katholische Gebiete sehr wohlhabend geworden –, doch sie sind äusserst zählebig.

Geschichte lässt sich nicht beschleunigen

Von Südeuropas Strukturreformen, werden sie denn je beschlossen, sollte man deshalb keine Wunder erwarten. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern ist das eine, ihnen bei der Bevölkerung Legitimität verschaffen etwas ganz anderes, vor allem wenn sie kurzfristig mit einer Erhöhung der Arbeitslosenrate verbunden sind. Wenn der Staat gleichzeitig die Ausgaben senkt und die Steuern erhöht, fällt erst recht jede Unterstützung weg.

Italienische Ökonomen hatten gehofft, die Einführung der Währungsunion werde so viel Druck auf Südeuropa ausüben, dass institutionelle Reformen unumgänglich würden. Sie glaubten, die Geschichte könne gleichsam beschleunigt werden. Die letzten drei Jahre haben jedoch gezeigt, dass das zu optimistisch war. Gerade in Italien lässt sich kaum eine Bewegung hin zu mehr Rechtstaatlichkeit, Gewaltentrennung und öffentlicher Rechenschaftspflicht feststellen. Vielmehr hat eine politische Fragmentierung eingesetzt, die grosse Gefahren birgt.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat unlängst geschrieben, Europa befinde sich auf dem Weg zur Besserung. Die neusten Wirtschaftsdaten hätten ­unmissverständlich klargemacht, dass das europäische Krisenmanagement genau richtig sei und die Kritiker ­unrecht hätten: «Wir leben in der realen Welt, nicht in einem Paralleluniversum, wo gut etablierte Wirtschaftsprinzipien nicht mehr gelten.» Man würde ihm ja gerne recht geben. Nichts ist wünschenswerter als eine baldige Erholung Südeuropas. Doch aus längerfristiger Perspektive betrachtet lässt sich Schäubles Optimismus nicht nachvollziehen. Er macht die Rechnung ohne den Wirt.