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Woran scheiterte das römische Reich?

Der Niedergang des Imperiums war gekennzeichnet von Münzverschlechterung und Begünstigung des versagenden Zentralstaats auf Kosten der Provinzen. Daraus lassen sich Lehren ziehen. Ein Kommentar von Charles B. Blankart.

Charles B. Blankart
«Die Provinzen erkannten, dass sie aus der Teilhabe am Reich keinen Vorteil mehr zogen.»

Nach dem endgültigen Sieg über Hannibal durch die Römer in der Schlacht bei Zama im Jahre 202 vor Christus mussten die Römer noch 32 Schlachten schlagen, bis sie die Alleinherrschaft im Mittelmeerraum und in Westeuropa erlangt hatten. Der letzte Schlag gelang Octavian, dem Grossneffen Iulius Cäsars, 31 v. Chr. in der Seeschlacht bei Actium (im ionischen Meer). In dieser bezwang er mit 400 Schiffen und 80 000 Mann Fusstruppen seinen ebenso starken Gegner Marcus Antonius. Damit setzte sich Octavian als Alleinerbe von Cäsars Reich durch und wurde im Jahr 27 v. Chr. römischer Kaiser.

Octavian (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) war ein hervorragender Feldherr. Jetzt aber, nach gewonnener Schlacht, musste er als «Augustus» ein grosses Reich verwalten. Das erforderte neue Fähigkeiten.

Da schlugen ihm als erstes die Interessen des römischen Senats entgegen. Jeder Senator, der etwas auf sich hielt, glaubte berechtigt zu sein, Provinzverwalter zu werden und so aus den erwirtschafteten Steuererträgen seine privaten Finanzen zu sanieren. Augustus musste nachgeben. Er teilte das Reich ein in «senatorische Provinzen», die näher bei Rom lagen, und in «kaiserliche Provinzen», die weiter entfernt waren. Die Letzteren unterstellte er seinem eigenen Befehl.

Augustus musste die Provinzteilung hinnehmen, obwohl sie seine Aufgabe nicht erleichterte. Denn die weiter entfernten kaiserlichen Provinzen waren schwerer zugänglich und daher schwerer zu verwalten. Was sollte Augustus tun? Anordnungen zu erlassen, reichte nicht aus. Er musste sowohl nachgeben wie durchgreifen.

Steuern als Tauschpaket

Augustus gab nach, indem er als erste Massnahme die verhasste, oft willkürliche Steuerpacht abschaffte und sie durch eine einprozentige Vermögenssteuer und eine mässige Kopfsteuer auf jedem Erwachsenen ersetzte. Das war für die Untertanen kein schlechter Tausch. Die Steuern von damals dürfen nicht, wie Steuern von heute, als «Leistungen ohne Anspruch auf Gegenleistung» angesehen werden. Steuern waren vielmehr als Tauschpaket von Leistung und Gegenleistung zu betrachten. Die Untertanen bezahlten erstens Steuern im Austausch dafür, dass sie selbst keinen Kriegsdienst mehr leisten mussten und der römische Staat die militärische Sicherheit gewährleistete. Als Kuppelprodukt zum militärischen Schutz erhielten sie zweitens freien Zugang zu einem Netz gesicherter Strassen, das ihnen Handel eröffnete.

Eine Besonderheit war drittens, dass die Untertanen ihre Steuern in Geld entrichten mussten, was die Entstehung von Märkten stimulierte. Viertens förderte der Gebrauch der Schrift den Abschluss und die Durchsetzung von Verträgen und damit zusätzlich den Handel. Mit der römischen Herrschaft wurde fünftens eine Währungseinheit etabliert, durch die sich der römische Silber-Denar und der Gold-Aureus bis in die entferntesten Winkel des Reichs verbreitete. Es bedurfte weder einer Währungsunion noch einer europäischen Zentralbank, um die Währungseinheit durchzusetzen. Das Geldangebot war unter der Herrschaft Augustus’ an die Produktion von Silber- und Gold (Gold 1318.61 0.44%) gebunden und limitiert.

Die von Augustus geführte Verwaltung war erfolgreich. Sie generierte örtlichen Wohlstand in  den Provinzen. Doch die Römerherrschaft war eine Governance. Alle Rechte waren «von oben gewährt». Sie etablierte nicht einen Föderalstaat mit konstitutionellen, vertraglich festgelegten Rechten der Provinzen. Manche Kritiker des heutigen Föderalismus sagen, dass eine freiheitliche Governance völlig ausreicht und eine föderale Verfassung nur unnötige Kosten verursacht. Das mag zutreffen, solang der Zentralstaat stets im Sinne der Bürgerinnen und Bürger funktioniert. Versagt jedoch der Zentralstaat, so fehlt die nachgelagerte föderale Ebene, die die Aufgaben subsidiär übernehmen könnte.

In der Schweiz ist die Existenz der Kantone durch den Bund gesichert. Die Kantone können eigene Verwaltungsfehler an den Bund abschieben und erhalten von diesem Finanzausgleich. Unter der römischen Governance trifft das nicht zu. Die Provinzen haben kaum eine Möglichkeit, ihre Verwaltungsfehler an die römische Zentrale abzuschieben. Es stört den Zentralstaat nicht, wenn eine Provinz verkommt. Eher wird die Provinz aufgegeben (wie z. B. die Provinz Judäa nach dem Aufstand der Juden im Jahr 70 zur Provinz Syrien kommt). Umgekehrt können Verwaltungsfehler der römischen Zentralregierung sehr wohl auf die Provinzen abgeschoben werden.

Zu einem Versagen des Zentralstaats kam es im römischen Reich in der Zeit der Soldatenkaiser. In den sechzig Jahren von 215 bis 285 herrschten nicht weniger als 48 Soldatenkaiser, viele von ihnen weniger als ein Jahr. Bei so kurzen Amtszeiten kann es nicht verwundern, dass ihnen mehr an ihrem eigenen Wohlergehen als an der langfristigen Zukunft des Reichs lag. (In heutigen Demokratien ist dies oft auch der Fall.)

Ein typisches Beispiel aus jener Zeit sind die Münzverschlechterungen. Diese gingen vom Zentralstaat aus, der die Münzhoheit besass. Münzverschlechterungen waren notwendig, weil die Steuereinnahmen der Soldatenkaiser nicht ausreichten, um die Ausgaben zu finanzieren und weil der Staatskredit noch nicht existierte. Noch bis in die Zeit von Kaiser Nero (54 bis 68) wiesen Denar und Aureus den vollen Silber- und Goldgehalt auf. Dann aber begann die Zeit der Münzverschlechterung, bis die Münzen zur Zeit des Soldatenkaisers Aurelian (270 bis 275) nur noch 2% des ursprünglichen vollen Gehalts enthielten.

Auf diese Weise wurde der Zentralstaat auf Kosten der Provinzen begünstigt. Die Zentrale verfügte über zusätzliche Binnenkaufkraft, während sich der Kaufkraftverlust in den Provinzen niederschlug. Auswärtige Händler waren nicht mehr bereit, die schlechten Münzen bei gleicher Denomination in Zahlung zu nehmen. Infolgedessen schrumpfte der Aussenhandel, während das gute Geld nach Byzanz exportiert wurde. Es trat das Gresham’sche Gesetz ein, demzufolge das schlechte Geld das gute Geld verdrängt.

Die römische Governance war kein Rechtsstaat. Verwaltungsfehler der Zentralregierung konnten nicht vor ein Verwaltungsgericht gezogen werden. Führten solche Fehler zu Unruhen, so sassen die Provinzen am kürzeren Hebel, denn Rom hatte die militärische Oberhoheit. Die Untertanen mussten mit römischen Strafaktionen rechnen und befürchten, von den römischen Machthabern in die Sklaverei verkauft (z. B. in einem spanischen Silberbergwerk zu Tode geschunden), als Schlachtopfer zu einem Zirkusspiel deportiert oder als Geisel nach Rom verschleppt zu werden.

Wenn dezentrale Organe fehlen

Die römische Governance war eine Schönwetterveranstaltung, die unter Augustus und den iulisch-claudischen Kaisern bis Nero ganz gut funktionierte. Doch mit den danach folgenden Kaisern kam es zum Niedergang. Bald reichte das Geld nicht mehr aus, um die Einfälle der Barbaren abzuwehren. Damit verminderte sich für die Bevölkerung in den Provinzen der Vorteil des erwähnten Tauschpakets von Steuern gegen öffentliche Güter. Allmählich erkannten die Provinzeinwohner, dass sie aus der Teilhabe am römischen Reich keinen besonderen Vorteil mehr zogen. Sie gaben auf und arrangierten sich mit den Barbaren. Jetzt rächte sich die Governance-Organisation des römischen Reichs. Es fehlten die dezentralen Selbstbehauptungsorgane.

So ist erklärbar, weshalb das westeuropäische Mittelalter mit einem Vakuum begann. Es bestanden keinerlei Institutionen, auf denen die germanischen Siedler hätten aufbauen können. So verbreiteten sich für 400 Jahre Anarchie, Mord und Totschlag.

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