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Worauf Bernanke schaut

Erhöht die US-Notenbank die Zinsen, wenn die US-Arbeitslosenrate unter 6,5% sinkt? So einfach ist es nicht.

Alexander Trentin

Die US-Notenbank Fed hat immer wieder klargemacht, die superniedrigen Leitzinsen nicht zu erhöhen, solange die Arbeitslosenrate über 6,5% liegt. Auch das Anleihenkaufprogramm QE3 soll so lange weiterlaufen, wie sich die Zahl der Arbeitslosen nicht spürbar verbessert. Als Bedingung, die Anleihenkäufe zu beenden, hatte Fed-Chef Ben Bernanke im Juni eine Arbeitslosenrate um die 7% genannt. Ebenfalls im Juni nannte er Mitte 2014 als realistisches Datum, bis zu dem diese Zielmarke erreicht sei. Eine Drosselung der Anleihenkäufe (Tapering) hatte er für September in Aussicht gestellt – wenn denn die Arbeitslosigkeit weiter sinkt. Bernanke betonte am Mittwoch vor US-Abgeordneten aber, dass die Anleihenkäufe «in keiner Weise einem festgelegten Verlauf folgen». Noch wichtiger ist: Die Arbeitslosenrate wird nicht allein entscheidend sein.

Folgende Punkte hat Bernanke hervorgehoben:

1. Das Fed redet von «Thresholds» (Grenzwerten) und nicht «Triggers» (Auslösern). Bernanke betonte am Mittwoch, dass die Zielwerte (6,5 bzw. 7%) nur Grenzwerte seien, ab denen das Fed möglicherweise eine Zinserhöhung bzw. eine Beendigung der Anleihenkäufe beschliessen könnte. Es wird keine automatische Reaktion aufgrund der Arbeitslosenrate geben. Das gefällt den Märkten, denn das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Geldpolitik länger locker bleibt.

2. Die Geldpolitik wird nur restriktiver, wenn der Arbeitsmarkt in einer gesunden Verfassung ist. Die offizielle Arbeitslosenrate gibt aber kein vollständiges Bild des Arbeitsmarktes. Bernanke erklärte den US-Repräsentanten: «Arbeitslosigkeit ist ein Problem, aber Langzeitarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung – und damit meine ich, dass Leute weniger Stunden arbeiten, als sie wollen, oder in Jobs arbeiten, die unter ihrem Fähigkeitsstand liegen – weisen ebenfalls auf einen schwachen Arbeitsmarkt

Wie sehen diese zusätzlichen Faktoren aus – erzählen sie eine andere Geschichte als die Arbeitslosenrate?

Zuerst zur Arbeitslosenrate. Sie lag im Juni – saisonbereinigt – bei 7,6% und damit gleich hoch wie im Mai und etwas höher als die 7,5% im April.
Arbeitslosenrate

Quelle: Bloomberg

Zumindest scheint der Trend seit dem Hoch von 10% im Oktober 2010 nach unten zu zeigen. In den letzten zwölf Monaten ist die Arbeitslosigkeit um 0,6 Prozenpunkte gefallen, in den zwölf Monaten zuvor war noch ein Rückgang um 0,9 Prozentpunkte zu verzeichnen.

Positiv ist auch, dass die US-Wirtschaft (ausserhalb der Landwirtschaft) seit Oktober 2010 tatsächlich jeden Monat Stellen schafft. In den letzten drei Monaten saisonbereinigt fast 200’000 im Monat:
Payroll

Quelle: Bloomberg

Das Problem mit der Arbeitslosenrate ist, dass sie definitionsgemäss diejenigen Arbeitslosen ausschliesst, die nicht mehr nach einer Stelle suchen. Diese «discouraged» (entmutigten) Arbeiter haben es aufgegeben, eine Stelle zu suchen, und stehen damit dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung. Daher kann es sinnvoll sein, die Beschäftigungsquote anzuschauen – sie drückt aus, wie viel Prozent der Bevölkerung arbeiten oder nach Arbeit suchen. Und da sieht es deutlich schlechter aus, als die Arbeitslosenrate vorgibt.

Denn die Beschäftigungsquote lag im Juni nur knapp über dem April-Tief von 63,3% und deutlich tiefer als noch 2010. Ein kleinerer Anteil der Bevölkerung arbeitet oder sucht nach Arbeit als im Höhepunkt der Finanzkrise.

Beschäftigung

Quelle: Bloomberg

Und auch diejenigen, die eine Stelle haben, sind damit meist nicht zufrieden. Der U6-Index sagt, wie viel Prozent der Arbeitskräfte arbeitslos oder unterbeschäftigt sind. Unterbeschäftigt sind solche Arbeiter, die gerne mehr arbeiten würden, aber aufgrund des Arbeitsmarkts keine Stelle finden, die sie mehr Stunden arbeiten lässt. Die Unterbeschäftigung ist zuletzt wieder gestiegen, von 13,8% im Mai auf 14,3% im Juni. Der Trend nach unten hat im März gedreht:
Unterbeschäftigung

Quelle: Bloomberg

Gemäss dem Meinungsforschungsinstitut Gallup sind gar 17,2% der Angestellten unterbeschäftigt. Die niedrigste Unterbeschäftigung der letzten drei Jahre wurde nach dieser Messreihe im Oktober 2012 mit 15,9% erreicht – seither schwankt der Wert zwischen 17 und 18% ohne klare Richtung. Neben der Unterbeschäftigung in Stunden ist auch die Unterbeschäftigung nach Fertigkeiten ein grosses Problem: 36% der College-Absolventen in den USA arbeiten in einer Position, die eigentlich keinen College-Abschluss erfordert.

Einer der Hauptgründe für die Unterbeschäftigung ist, dass seit der Finanzkrise mehr Arbeitnehmer in Teilzeitarbeit gedrängt wurden. Für solche Arbeiter müssen Arbeitgeber weniger Zusatzleistungen wie Krankenversicherung anbieten. Dieses Problem könnte sich durch die Reform der US-Krankenversicherungen – Obamacare – verschärfen. Demnach müssen Arbeitgeber eine Krankenversicherung für Arbeitnehmer mit einer Wochenarbeitszeit von über dreissig Stunden anbieten.
Unterbeschäftigung

Quelle: Bloomberg

Beunruhigend ist, dass in den letzten drei Monaten Vollzeitstellen verloren gingen. Die neuen Jobs kamen von den weniger gut bezahlten und mit weniger Zusatzleistungen ausgestatteten Teilzeitstellen.

Die Arbeitslosenrate bleibt trotz dieser Vielzahl an Perspektiven auf den Arbeitsmarkt die wichtigste Zahl für die US-Notenbank. Doch die Unterbeschäftigung der Arbeiter und die niedrige Beschäftigungsquote machen klar, warum die Arbeitslosenrate nicht die einzige Messgrösse sein kann. Auch wenn die Arbeitslosenquote sinkt, ist der Arbeitsmarkt weiter schwach und weit entfernt von seiner Verfassung vor der Krise.