Meinungen

Innovation in Europa

Eine Politik, die alles Risiko vermeiden will, birgt wiederum selbst Risiken. Ein Kommentar von Kurt Bock.

Kurt Bock
«Innovationen, die die Welt verändern, sind fast immer das Ergebnis eines kalkulierten Risikos, das mit dem Nutzen verglichen wird, den die neuen Technologien bieten.»

Innovation ist entscheidend für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Trotzdem werden denjenigen, die am besten aufgestellt sind, um neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu erfinden, vor allem in der Europäischen Union Hindernisse in den Weg gelegt.

Im Grunde scheint es dabei um Angst vor Risiko zu gehen. Aber Investoren, Manager und Unternehmer müssen Risiken auf sich nehmen, damit ihre Ideen überhaupt eine Chance haben, einen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen.

Nirgends werden diese Belange mehr diskutiert und weniger verstanden als in Europa. Innovation ist der Kern von Europa 2020, der Wachstumsstrategie der Europäischen Kommission für die EU. Aber obwohl die europäische Forschung zu den fortschrittlichsten der Welt gehört, bleibt Europa hinsichtlich der Einführung dieser Innovationen auf den Markt hinter seinen globalen Wettbewerbern zurück.

Unabhängig davon, wie der Erfolg von Innovationen gemessen wird, müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit sie überhaupt erfolgreich sein können: qualifizierte, gut ausgebildete Fachkräfte, eine ausgezeichnete Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnologie und ein stützendes unternehmerisches Umfeld. Oder anders gesagt: Erfolgreiche Innovation erfordert eine stabile und wachsende Wirtschaft, frische Ideen und die Abwesenheit von unnötiger und belastender Regulierung. Die Rolle des Staats ist entscheidend. Und genau diese Rolle ist es, die die EU zumindest in einem wichtigen Aspekt missverstanden zu haben scheint: in ihrer Einstellung hinsichtlich des Risikos.

Die USA pflegen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vorsicht und Angemessenheit

Die EU verfügt über langjährige Institutionen und Prozesse zur Risikobewertung und zur Sicherstellung, dass inakzeptable Risiken vermieden werden. Wenn eine politische Massnahme erforderlich ist, aber ein klar nachvollziehbares wissenschaftliches Prinzip nicht erkennbar ist, gründen regulatorische Entscheidungen immer mehr auf dem «Vorsorgeprinzip», das Situationen verhindern soll, die ernsthaften Schaden hervorrufen könnten.

Es gibt allerdings keine allgemeingültige Interpretation des Vorsorgeprinzips. In Nordamerika hat man sich zum Beispiel für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vorsicht und Angemessenheit entschieden. In Europa dagegen wird mehr Wert auf das Vermeiden von Risiko gelegt, was das Vertrauen des Privatsektors bei der Investition in Innovation untergräbt.

Das Ziel der EU, Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt, ist sehr rühmlich. Aber man kann nicht jedes Risiko ausschliessen und sollte daher auch nicht danach streben. Das Vorsorgeprinzip sollte eher vernünftig und rational angewandt werden, indem potenzielle Risiken dem Nutzen gegenübergestellt werden, den Innovation und neue Technologien möglicherweise mit sich bringen.

Das Wesen des Risikos verstehen

Diese Vorstellung vom Risiko liegt den wirtschaftlichen Interaktionen zugrunde. Zudem birgt eine Politik, die alles Risiko vermeiden will, wiederum selbst Risiken. Ein risikofreier Ansatz zu Innovation macht es schwierig, wichtige Themen anzugehen, wie die Garantie von Nahrungsmitteln, Wasser und Energiesicherheit für eine wachsende Bevölkerung, oder auch nur sicherzustellen, dass Europa technologisch wettbewerbsfähig bleibt. Innovationen, die die Welt verändern, sei es im Verkehrswesen, in der Telekommunikation, der Medizin oder in vielen anderen Bereichen, sind fast immer das Ergebnis eines kalkulierten Risikos, das mit dem Nutzen verglichen wird, den die neuen Technologien bieten.

Risikomanagement ist schliesslich nicht einfach eine Frage, ob man mehr oder weniger Risiko eingehen möchte. Es geht darum, ein besseres Verständnis dessen zu erhalten, wie Risiko funktioniert. Wenn das Wesen des Risikos angemessen analysiert und getestet wird, kann es effektiv gemanagt und sogar minimiert werden.

Leider scheint dies nicht immer der Ansatz in der EU zu sein. In ihren Regulierungsprozessen verlieren wissenschaftsbasierte Argumente immer mehr gegenüber der öffentlichen Meinung, während mögliche Chancen unterbewertet werden. Wir haben dies an der Zurückhaltung der Europäischen Kommission gesehen, als es um die Entscheidung ging, wie Produkte auf Basis von grüner Technologie genutzt werden können. Aber es gibt viele andere Beispiele für Rechtsunsicherheiten, die Innovation und Investition in einer Reihe von Technologien und Branchen auszubremsen drohen, einschliesslich Chemikalien, Verbrauchsgüter, Pflanzenschutz, Elektronik, Ernährung und Pharmazeutika.

Für ein Innovationsprinzip auf Erkenntnisbasis

Angesichts dieses Regulierungsszenarios haben die Vorstandsvorsitzenden von zwölf Unternehmen (unter anderem von BASF), die zusammen über ein jährliches Forschungs- und Entwicklungsbudget von 21 Mrd. € verfügen, vor kurzem die formale Anerkennung eines Innovationsprinzips in der europäischen Risikomanagement- und Regulierungspraxis gefordert. Die Idee, die von Mitgliedern des European Risk Forum ausgeht und entwickelt wurde, ist einfach: Immer, wenn eine Gesetzgebung nach dem Vorsorgeprinzip eingeleitet werden soll, sind die Folgen für die Innovationstätigkeit im politischen Entscheidungsprozess voll mit zu berücksichtigen.

Das Innovationsprinzip soll nicht Innovation per se fördern, unabhängig von ihren Folgen für Gesundheit oder Umwelt. Wenn eine reale Gefahr besteht, sollten Vorsorgeerwägungen Priorität haben. Aber das Prinzip unterstützt durchaus einen Ansatz auf Evidenzbasis, der auf nachweisbarer Wissenschaft beruht. Wenn Europa sich dieses Prinzip zu eigen macht, kann es Innovation wagen.

 

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