Märkte / Makro

Yellen dürfte der Mut zum Zinsschritt fehlen

Die Fed-Chefin wird die Geldpolitik unverändert lassen. Ins Visier rückt eine Straffung Ende Jahr.

Die Spannung steigt. Am Mittwoch gibt die amerikanische Notenbank (Fed) nach einer zweitägigen Sitzung ihren Zinsentscheid bekannt. Die Geduldsprobe dürfte dann in eine neue Runde gehen: Kaum jemand erwartet, dass Fed-Chefin Janet Yellen an der Pressekonferenz eine Zinserhöhung verkünden wird.

Bleibt das Fed untätig, hat es in diesem Jahr de facto noch eine Gelegenheit, den Leitzins zu erhöhen. Die Marktteilnehmer werden daher jedes Wort von Yellen auf die Goldwaage legen und nach Hinweisen auf die Pläne im Dezember abklopfen.

Tauben mahnen zur Vorsicht

Die Meinungen im Fed-Gremium sind gespalten. Es herrscht Unstimmigkeit darüber, wie die Notenbank ihr duales Mandat – Vollbeschäftigung und Preisstabilität – am besten erfüllen kann.

Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich seit der Rezession deutlich verbessert. Das Ziel der Vollbeschäftigung rückt damit näher, glaubt die Mehrheit im Führungszirkel des Fed. Doch die Währungshüter sind sich uneinig, ob das bereits für eine Straffung der Geldpolitik ausreicht. Denn die Inflationsrate bewegt sich nach wie vor deutlich unter dem Zielwert von 2%, bei dem die Notenbank die Preise als stabil erachtet.

Fed-Gouverneurin Lael Brainard mahnte deshalb unlängst vor einer vorschnellen Zinserhöhung. Sie will an der lockeren Geldpolitik festhalten, solange die Teuerung niedrig bleibt. Dabei kann sie auf die Unterstützung von weiteren Zinstauben zählen, darunter Yellen. Die Falken plädieren dagegen für einen Zinsanstieg. Sie befürchten, dass die Konjunktur sonst überhitzen könnte und die Inflation plötzlich anzieht.

Obschon sich die beiden Lager auf dem Papier die Waage halten, dürfte das Fed beim Zinsentscheid Geschlossenheit demonstrieren. In den vergangenen zehn Jahren stand das Board of Governors – dazu zählen Yellen und Vizepräsident Stanley Fischer – immer einstimmig hinter dem geldpolitischen Beschluss. Abweichler gab es lediglich in den Reihen der Präsidenten der Distriktnotenbanken.

Die vorsichtigen Stimmen dürften diesmal überwiegen. «Das Fed wird noch einmal abwarten», meinen die Analysten von Société Générale.

Auch die Finanzmärkte setzen auf Zurückhaltung. Sie bewerten die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung mit weniger als 20%. Doch auch wenn das Fed den Schritt an diesem Treffen nicht wagt, hat es in den vergangenen Wochen wiederholt betont, dass sich die Argumente für eine Zinserhöhung verdichtet hätten.

Jedes Wort zählt

In den Fokus rückt damit der genaue Wortlaut an Yellens Pressekonferenz. «Die Erklärung wird die Aussichten auf eine Zinserhöhung im Dezember erhöhen», erwarten die Analysten von Bank of America (BAC 21.6 -4.93%) Merrill Lynch. «Es ist wahrscheinlich, dass die Risikoeinschätzung angepasst wird», erklären sie. So hiess es im Statement vom Juli, die Risiken für die Konjunktur hätten sich verringert. Das Fed könnte nun zum Schluss kommen, dass sich die Aussichten erneut verbessert haben und die Risiken ausgewogen sind («nearly balanced»). Das würde dem Wortlaut entsprechen, mit dem die Währungshüter im Vorjahr die Zinserhöhung im Dezember eingeleitet haben.

Für Aufmerksamkeit werden zudem die Zinsprognosen der Fed-Mitglieder sorgen. Sie werden im sogenannten Dot-Plot zusammengefasst. Die Notenbanker dürften das Tempo für weitere Zinsschritte erneut drosseln. Anfang 2016 prognostizierten sie vier Zinserhöhungen im Jahresverlauf. Im März wurde das Ziel auf zwei reduziert. Nun scheint noch eine Zinserhöhung – wenn überhaupt – realistisch. Für 2017 und 2018 werde das Fed-Gremium jeweils zwei Zinsschritte anpeilen, meinen die Strategen von Société Générale. Erstmals wird das Fed zudem die Prognosen für 2019 enthüllen.