Meinungen

Yellens riskantes Doppelspiel

Die US-Notenbank hält die Märkte bei Laune. Ein Kommentar von US-Korrespondent Christoph Gisiger.

«Es wird jedoch bald der Zeitpunkt kommen, ab dem Yellen nicht mehr so wird fortfahren können.»

Was geht im Kopf von Janet Yellen vor? Wer diese Frage richtig beantwortet, kann viel Geld verdienen, ist die frühere Ökonomieprofessorin doch seit gut einem Jahr Chefin der mächtigsten Zentralbank der Welt. Was sie beschliesst, hat enorme Auswirkungen auf das Geschehen an den Finanzmärkten.

Entsprechend heftig haben Aktien, Devisen, Anleihen und Rohstoffe diese Woche auf Yellens Zinsentscheid reagiert. Wie erwartet, hat sie das Versprechen aufgelöst, dass die US-Notenbank «geduldig» mit der Straffung der Geldpolitik sein werde. Rein theoretisch wäre ein Zinsschritt demnach bereits im Juni möglich. Gleichzeit hat Yellen mit milden Worten aber signalisiert, dass sie vorerst keine Eile hat. An den Märkten sorgte das für ein deutlich hörbares Aufatmen.

Auf diese Doppelstrategie setzt Yellen nicht zum ersten Mal. Auf der einen Seite macht sie zwar Schritt um Schritt in Richtung einer Zinserhöhung. So hat sie zunächst das Stimulusprogramm QE3 im vergangenen Herbst plangemäss gestoppt. Im gleichen Atemzug hat sie aber versichert, dass die US-Notenbank «geraume Zeit» mit einer Straffung der Geldpolitik warten werde. Bereits Ende 2014 hat Yellen dann von dieser Zusage abgelassen und stattdessen das Wort «geduldig» ins Spiel gebracht. Drei Monate später können sich Investoren nun auch darauf nicht mehr verlassen. Auf den ersten Blick könnte man das als klare Anzeichen deuten, dass die Chefin des Federal Reserve bald Ernst macht und die Zinsen erstmals seit der Finanzkrise erhöht.

Auf der anderen Seite schlägt Yellen  jedoch ein wesentlich langsameres Tempo an. Das Jobwachstum in den USA ist derzeit zwar so robust wie letztmals Mitte der Neunzigerjahre, auch ist die Arbeitslosenquote bereits auf 5,5% gesunken; dennoch hat die Fed-Präsidentin diese Woche erneut zu verstehen gegeben, dass sie der Erholung nicht recht traut. Das, weil vor allem das Lohnwachstum nach wie vor schwach sei. Auch hat sie während der Pressekonferenz erstmals indirekt eingeräumt, dass ihr die ­rasante Aufwertung des Dollars Sorgen bereite. Das Fed sei deshalb nicht plötzlich «ungeduldig» und habe zum Zeitpunkt für eine Zinserhöhung noch keinen Entscheid gefällt, bremste sie ab.

Bislang ist dieses Doppelspiel gut gegangen. Es wird jedoch bald der Zeitpunkt kommen, ab dem Yellen nicht mehr so wird fortfahren können. Vom Konsum über die Industrie bis hin zum Häusermarkt kommen aus der amerikanischen Wirtschaft immer mehr Schwächesignale. Das zeigt auch der Citigroup (C 47.97 +0.69%) Economic Surprise Index an, der die Abweichung der Daten zu den Prognosen der Ökonomen misst und auf den niedrigsten Stand seit Sommer 2012 gefallen ist. Bergab tendiert auch erneut die Kerninflation, die sich seit bald drei Jahren unter den vom Fed anvisierten 2% bewegt. Investoren fürchten daher, dass die US-Notenbank den gleichen Fehler wie 1937 begehen könnte. Nach der Grossen Depression zog das Fed damals die Zinsschraube zu früh an, worauf die Wirtschaft in die Rezession zurückfiel.