Unternehmen / Gesundheit

Ypsomed will unabhängiger werden

Analyse | Das Medtech-Unternehmen setzt in Zukunft klar auf eigene Produkte. Das erste Halbjahr 2018/19 lässt hoffen.

Die auf die Herstellung von Insulininjektionssystemen spezialisierte Ypsomed (YPSN 159.2 0.89%) steckt in einem tief­greifenden Wandel. Mitte Juni ist eine exklusive Vereinbarung mit dem US-Unternehmen Insulet für den Vertrieb seiner ­Insulinpumpe Omnipod abgelaufen.

Dadurch bricht der Burgdorfer Gesellschaft viel Umsatz und Gewinn weg. Besonders im kommenden Geschäftsjahr per Ende März 2020 wird das spürbar sein.

Der seit Anfang 2010 bestehende Vertrag war zumindest für Ypsomed ein­träglich und trug einen erklecklichen Teil zum Wachstum der vergangenen Jahre bei. Dadurch entstand indessen eine hohe Abhängigkeit: 2017/18 trug Omnipod mehr als die Hälfte zum Betriebsgewinn Ebit bei. Die Vereinbarung war wohl vorteilhafter für die Schweizer Seite.

Den Ausstieg versüsst Insulet kurzfristig mit einer einmal zu leistenden Zahlung in der Grössenordnung von 50 Mio. Fr. Die Berechnung der Entschädigung gründet auf Lieferungen von Omnipod an bisherige Kunden während der nächsten zwölf Monate. Der Betrag ist bereits in den Halbjahreswerten enthalten, die am Dienstag veröffentlicht worden sind.

Ungedeckte Fixkosten

Umsatz, Ebit und Gewinn fielen so beträchtlich höher aus als im Vorjahres­semester (vgl. Tabelle). Aussagekräftiger sind die Werte des fortgeführten Geschäfts ohne Omnipod: Sein Betriebs­gewinn verringerte sich trotz 13% höherem Umsatz von 27 auf 11 Mio. Fr.

Der Hauptgrund sind Fixkosten, die den Umsatz noch nicht decken können. Ypsomed hat entschieden, die gesamte Vertriebs- und Marketingstruktur für den Absatz eines eigenen Insulinpumpensystems namens Ypsopump aufrechtzuerhalten.

Es ist mittlerweile mit der gleichen Konfiguration in siebzehn Ländern verfügbar. Ende Januar kommt Kanada dazu, Mitte 2019 dann die USA, sobald die Gesundheitsbehörde FDA ihr Plazet erteilt.

CEO Simon Michel ist überzeugt, dass sich die deutlich erhöhten In­vestitionen lohnen. Bis Ende des Geschäftsjahres rechnet er mit einer Patientenbasis von 10 000 Anwendern, 20% mehr als budgetiert.

Am Marktpotenzial für Insulinpumpen fehlt es nicht. Global hat sich die Zahl der an der chronischen Stoffwechselkrankheit Diabetes bzw. an erhöhtem Blutzuckerspiegel leidenden Personen ­gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO seit 1980 vervierfacht, vor allem als Folge von Übergewicht.

Ypsomed kon­zentriert sich auf den sogenannten Diabetes Typ 1, der oft schon im Kindes- und ­Jugendalter auftritt. Nur rund 10% der ­Betroffenen tragen eine Pumpe.

Für das laufende Geschäftsjahr per Ende März rechnet Ypsomed mit einem Ebit von 73 Mio. Fr. Im Zeitabschnitt 2019/20 wird der Betriebsgewinn auf 30 bis 40 Mio. Fr. sinken, weil die Kompensationszahlung von Insulet wegfällt. Im Folgejahr sollen es dann 60 bis 80 Mio. Fr. werden, womit das Niveau von 2017/18 von 61 Mio. Fr. mindestens erreicht würde.

Kein Klumpenrisiko mehr

Neben dem Pumpengeschäft setzt die ­Gesellschaft darauf, dass ihr zweites ­Segment, Delivery Systems (Injektions­systeme für Medikamente), bis 2020/21 im jährlichen Durchschnitt 25% wächst. Hier bieten sich weitere Indikations­gebiete an, etwa Blutarmut, Multiple ­Sklerose (MS), Parkinson und Wachstumsstörungen.

Mit Philips (PHIA 44.1675 -0.96%) wird ein digitales Dienstleistungsangebot entwickelt, mit dem sich Therapien künftig auf den einzelnen Patienten zuschneiden lassen. Das Insulin wird automatisiert abgegeben.

Anleger müssen sich aber in Geduld üben. Es ist nicht die erste Durststrecke, die sie seit dem Börsengang von Ypsomed 2004 auszuhalten haben.

Aktien noch kein Kauf

Nun bietet sich dem Unternehmen jedoch die Chance, erstmals und auf Dauer unabhängig von einem Grosskunden oder einem Koope­rationspartner zu werden. Anfangs hing das Gedeihen weitgehend von Sanofi ab, dann wurde der französische Pharma­konzern von Insulet abgelöst.

Die Aktien notierten am Dienstagnachmittag wenig verändert. Nach zwei Gewinnwarnungen zuvor sind die Investoren vorsichtig geworden. Eile für ein ­Engagement besteht nicht. Auf aktuellem Kursniveau ist die Erholung bis 2020/21 zu einem schönen Teil schon enthalten.

Die komplette Historie zu Ypsomed finden Sie hier. »