Meinungen

Zahlungsausfall zu Hellas’ Heilung

Die Euro-Partnerländer sind immer weniger willens, Athens Defizite zu finanzieren. Ein Grexit wäre folgenschwer. Daraus gibt es bloss einen Ausweg: Default. Ein Kommentar von Charles Wyplosz.

Charles Wyplosz
«Die Politik hat die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls Griechenlands lange ausgeschlossen. Doch er war schon immer unausweichlich.»

Die zweite Tranche an Hilfsgeldern für Griechenland hätte vor sechs Monaten ausgezahlt werden sollen. Doch ein ums andere Mal wurde sie aufgeschoben. Jedes Mal erklärte die griechische Regierung, sie habe alle Auflagen erfüllt, und warnte, das Geld gehe bald aus. Jedes Mal forderte die Eurogruppe weitere Massnahmen, mehr Resultate, neue Abklärungen. Die Treffen wurden planloser, hektischer – ein Abbild dessen, wie mit der Euroschuldenkrise umgegangen wird. Nun endlich steht ein Massnahmenpaket.

Das alles gibt Anhaltspunkte für die Zukunft, wie auch Hellas ohnehin seit Beginn der Krise eine Art Frühindikator für den weiteren Verlauf war: Wie oft es auch hiess, Griechenland sei ein «Ausnahmefall», prompt wurden die gleichen Ansätze auch woanders angewendet. Nun herrscht eine gewisse Bailout-Müdigkeit. Seit zweieinhalb Jahren wird die gleiche Strategie angewendet – erfolglos: Austerität kann nicht zum Erfolg führen, wenn ein Land in der Rezession steckt. Vor Einführung der Austeritätsmassnahmen standen Griechenlands Staatsschulden auf 120% des Bruttoinlandprodukts (BIP). Heute, nach dem PSI (Private Sector Involvement, der privaten Gläubigern aufgezwungene teilweise Schuldenverzicht), betragen sie 190%. Noch vor wenigen Monaten lautete das Ziel, die Verschuldung bis 2020 auf 120% zu drücken. Selbst wenn das gelänge, wäre Hellas doch wieder auf einem Niveau, das einst als untragbar bezeichnet wurde. Den Griechen würde somit weiteres Elend zugemutet, nur um – mit wenig Aussicht auf Erfolg – bis Ende des Jahrzehnts zu einer Situation zu gelangen, die nach wie vor hoffnungslos ist.

Wie in den Dreissigerjahren

Das reale BIP Griechenlands liegt nun 20% unter dem Krisenniveau und schwindet weiter. In manchen Ländern lautet die öffentliche Meinung, das sei eine zwar harte, aber normale Strafe nach Jahren der Misswirtschaft, fiskalischer Disziplinlosigkeit, weit verbreiteter Korruption und Betrug bei der Vorlage offizieller Zahlen. Doch dieser Einbruch bewegt sich in der Grössenordnung der Verluste während der Grossen Depression der Dreissigerjahre, ein traumatischer Wert, der bis jetzt als inakzeptabel galt, wirtschaftlich, politisch wie sozial. Auch in Deutschland war das BIP zwischen 1928 und 1932 um 20% eingebrochen – wer 1933 Kanzler wurde, ist bekannt.

Manche Regierungen sind nicht mehr willens, diesen sinnlosen Ansatz weiterzuverfolgen. Allerdings gibt es keine gute Alternative. Griechenland ist nicht in der Lage, die Austeritäts- durch eine expansive Politik zu ersetzen. Dazu müsste es sein Haushaltsdefizit, das jetzt 7% beträgt, noch ausweiten. Ohne Zugang zum Kapitalmarkt wäre es auf unbestimmte Zeit auf staatliche Finanzierung, vor allem von anderen Ländern der Eurozone, ­angewiesen. Schon jetzt sind Athens Partner nur sehr ­widerwillig bereit, die – abnehmenden, wie sie hoffen – Defizite zu finanzieren.

Das Tor zu öffnen für potenziell endlose und steigende Defizite, ist keine ansprechende Option. Doch solange die Wirtschaft nicht wächst, wird Griechenland das Schuldenproblem nicht lösen. Seit 2009 wurden beachtliche Fortschritte in der Reduktion der Arbeitskosten erreicht, doch die Exporte können nicht wachsen, wenn das übrige Europa in eine Rezession abrutscht. Es spricht also nichts dafür, dass Griechenland die Rezession im eigenen Land in absehbarer Zeit überwindet, selbst wenn es alle strukturellen Reformen umsetzt, die es vor Jahren schon hätte ergreifen sollen. Denn es dauert, bis Reformen wirken.

Als Lösung wird von manchen ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion propagiert: Die neue Valuta werde sich rasch abwerten, dadurch die Exporte ankurbeln und die Erholung in Gang bringen. Irgendwann, ja, aber die unmittelbaren Auswirkungen wären verheerend. Alle Verträge – Kredite, Mietverträge, Käufe, Zeitungsabonnemente – lauten auf Euro. Sie neu in der neuen Drachme zu denominieren, wäre für eine oder beide Vertragsparteien schmerzhaft. De facto würden Eigentumsrechte zerstört, was extreme Spannungen auslösen würde, da Einkommen und Vermögen in grossem Stil umverteilt würden. Argentinien hat ein solches Experiment 2001 unternommen, jedoch in viel engerem Rahmen, weil damals nur ein geringer Anteil (grosser) Kontrakte auf Dollar lautete, nachdem die Regierung versprochen hatte, der Wechselkurs werde nicht geändert. Die Abwertung des Pesos führte zu einer langen, aber inflationären Erholung, darauf folgte ein horrender Kollaps der Wirtschaft.

Ein Grexit würde aber auch der Eurozone nicht nützen. Eine Wette darauf hat ungewisse Erfolgsaussichten, denn ebenso möglich ist, dass Griechenland nur der erste in einer Reihe von Austritten mit grossem Ansteckungspotenzial wäre. Das katastrophale Bailout Griechenlands im Mai 2010 hätte eine Ansteckung verhindern sollen. Wie es geendet hat, wissen wir. Mit einem Grexit würde ein Tabu gebrochen. In Anbetracht der skeptischen Märkte beteuern die Verantwortlichen immer wieder, sie würden alles Notwendige tun, um die Integrität der Eurozone zu bewahren. Sollte Hellas austreten, wäre das nur noch ein leeres Versprechen; die Gefahr, dass weitere Länder zum Austritt gedrängt werden, würde schlagartig steigen. Ein Grexit könnte der erste Schritt zum Zerfall des Euros sein. Es lässt sich nicht abschätzen, wie gross, komplex und verheerend die Konsequenzen wären.

Nicht zu vergessen: Ein Grexit würde unmittelbar von einer Schuldenzahlungsverweigerung gefolgt. Ist die Währung nur noch einen Bruchteil dessen wert wie bei der Aufnahme der Gelder, wird der Schuldendienst unmöglich. Betroffen wären private wie auch staatliche Kredite, mit Verlusten für ausländische Gläubiger, ebenso wie die Verpflichtungen gegenüber anderen Staaten der Eurozone, inklusive deren über den EFSF und die EZB.

Schuldenschnitt ist die einzige Option

Die Politik hat die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls Griechenlands lange ausgeschlossen. Doch er war schon immer unausweichlich. Wenn Athen in der Eurozone bleiben soll, muss es zu Wachstum zurückfinden, und das bedeutet ein Ende der Austerität. Das wiederum heisst nichts anderes als weitere Defizite, zumindest bis sich die Erholung einstellt. Die Märkte werden einer hoch verschuldeten Regierung keinen Kredit gewähren, und auch die Eurostaaten wollen keine Gelder mehr vergeben. Der Default ist somit die einzige Option.

Das zeigt, wie schwierig die Lage ist. Die Regierungen der Eurozone erkennen allmählich, dass ein Zahlungsausfall Griechenlands unausweichlich ist, mit oder ohne Euro. So ist nach dem PSI, der Restrukturierung griechischer Schulden gegenüber Banken, nun OSI aufgekommen, Official Sector Involvement, der Einbezug öffentlicher Gläubiger. Mehr Kredit zu gewähren, bedeutet letztlich, mehr Geld zu verschenken. Es wäre einfacher, ein­zugestehen, dass die bisherigen Kredite Schenkungen waren, den Default zu organisieren und dann die Gewährung von wirklichen Krediten an eine nicht verschuldete Regierung aufzunehmen. Bloss: Kanzlerin Merkel muss sich im kommenden September Wahlen stellen, bis dahin kommt ein OSI für Griechenland für sie nicht in Frage. Die politische Lösung ist, die Sache hinauszuziehen und noch mehr – von vornherein zum Scheitern verdammte – Kredite zu gewähren. Wirtschaftlich betrachtet ein Unsinn.

Deswegen ist ein Ende der Eurokrise nicht in Sicht. Mit viel Glück können wir bis September 2013 durchhalten. Dann werden Griechenlands Schulden beiseite gewischt – wohlgemerkt als «Ausnahmefall». Doch schon bald darauf wird es anderen Ländern gleich ergehen; ich tippe in erster Linie auf Italien und Portugal, weiteres Misswirtschaften könnte die Liste verlängern. Es könnte noch böse Überraschungen geben, die Folge wären panikartige Defaults einiger – grosser und kleiner – Länder. Leider hängt das Wohlergehen von Hunderten Millionen Menschen – im Euroraum und in Nachbar- und Partner­ländern – von einem rouletteartigen Spiel ab, denn die Frage nach der politischen Zukunft einer einzelnen Frau steht dem angemessenen Umgang mit der Krise im Weg. Noch selten war Demokratie dermassen teuer.

 

Leser-Kommentare

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Wolf-Stefan Schultz 28.11.2012 - 21:08
Herr Wyplosz hat vollkommen recht, aber es gäbe noch eine reichlich frivole Idee zur Entschuldung Griechenlands. Die Griechen sollten ihre ägäischen Inseln Herrn Erdogan andienen und sie wären nicht nur die Schulden los, sondern hätten noch ein nettes Startkapital. Auch wenn die angebliche Wiege der Demokratie in Athen zu suchen ist, ist nach Samuel Huntingdons Clash of Civilizations Griechenland nicht… Weiterlesen »