Märkte / Kunstmarkt

Zeitlose ZeitmesserSammleruhren – Patek Philippe und Rolex dominieren – Blue Chips am Handgelenk – Vom Messinstrument zum Conversation Piece

Christian von Faber-Castell

Christian von Faber-Castell

Uhrenmarktpioniere wie Peter Ineichen und Edgar Mannheimer versteigerten vor über vier Jahrzehnten erstmals in ihren Zürcher Auktionen auch einzelne Armbanduhren. Viele der traditionellen Uhrensammler hielten dies für eine Modeerscheinung. Als die Sammlerarmbanduhren in den folgenden Jahren den Taschen-, Tisch- und Grossuhren immer mehr die Schau stahlen, machten sich unter den altgedienten Grossuhrensammlern je nach Temperament Enttäuschung und Empörung breit.

Inzwischen haben sich die Sammlergenerationen ausgesöhnt. Die Begeisterung für die Mechanik moderner Armbanduhren hat gar Sammler von Armbanduhren zur Auseinandersetzung mit deren Vorläufern und Erfindern veranlasst. Und weil die meisten Errungenschaften und Komplikationen klassischer Armbanduhren zuerst in Taschenuhrenwerken verwirklicht worden waren, erlebte nun auch das Taschenuhrensammeln einen unverhofften Aufschwung.

L’Art pour l’Art

Umgekehrt hat die Auseinandersetzung mit den Klassikern der Uhrmacherkunst die Hersteller moderner Luxusarmbanduhren inspiriert. Der ewige Kalender ist dafür ebenso ein Beispiel wie verspieltere Raffinessen von der Minutenrepetition bis zu der von den meisten Trägern gar nicht wirklich verstandenen Äquationsanzeige.

So manche Errungenschaft moderner Armbanduhrenmechanik ist heute allerdings nur noch Kunst um der Kunst willen. Dies wiederum erhebt solche Uhren über gewöhnliche Gebrauchsgegenstände und Messgeräte hinaus in den Rang von Kunstwerken, als die sie ja auch gehandelt, gesammelt und bezahlt werden.Ein Beispiel hierfür bietet das Tourbillon oder Drehganggestell. Es wurde vor über 200 Jahren vom Neuenburger Uhrmachergenie Abraham Louis Breguet entwickelt, um schwerkrafts- und lagebedingte Gangunregelmässigkeiten von Wand- und Taschenuhren auszugleichen. Die Fortentwicklungen des klassischen Tourbillons in modernen Armbanduhren wie Greubel Forseys Quadrupel-Tourbillon oder Jaeger-LeCoultres Gyro-Tourbillon, bei denen die zeittaktgebende Einheit sogar um mehrere Achsen rotiert, sind spektakuläre feinmechanische Höchstleistungen. Anstelle von realem Gewinn an Ganggenauigkeit bieten sie jedoch vor allem technoästhetischen Lustgewinn.Der Markt für Sammlerarmbanduhren befindet sich dementsprechend in einem Wandlungsprozess. Er hat sich vom einstigen Occasionsmarkt für gebrauchte Uhren über einen Sammlermarkt für Luxusarmbanduhren zu einem Nischengebiet des Kunstmarktes gemacht. Die Grenze zwischen Luxusgut und Kunstgegenstand ist für Luxusuhren inzwischen weit weniger scharf als etwa im Falle von Automobilen, die immer noch eher als luxuriöser Gebrauchsgegenstand denn als Kunstobjekt betrachtet werden. Luxusuhren gleichen aus diesem Blickwinkel modernen Designermöbeln, die ja ebenfalls eher als Kunstgegenstände denn als Gebrauchsmöbel gehandelt werden.

Trophäenstatus

Dieser Übergang vom Gebrauchs- und Luxusgütermarkt zum Kunstmarkt ist in den letzten drei Jahren zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Als Kunstgegenstände erhalten Sammleruhren damit auf einem bereits entwickelten Preisniveau eine höhere Wertstabilität als die, die sie als modeabhängige Luxusgegenstände aufwiesen. Dies wiederum macht die Uhren des traditionellen Marktführers Patek Philippe, aber auch die der unmittelbar darunter angesiedelten Spitzenmarken Rolex, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre und anderer prominenter Prestigeträger zu Blue Chips im Bereich der alternativen Sachwerte. Tatsächlich haben die grössten Raritäten dieser Marken heute einen ähnlichen Trophäencharakter wie ein Andy Warhol an der Wand.

Doch neben Originalgemälden in zweistelliger Millionenpreisordnung gibt es ja auch bescheidenere Siebdrucke, die aber ebenso spontan als «echter Warhol» erkennbar sind. Ähnliches gilt für die etwas bescheideneren Uhren der grossen Traditionsmarken. Spezialitäten wie die legendären Taucheruhren von Rolex oder Fliegeruhren von Breitling und IWC haben in einem Preisbereich zwischen 3000 und 60 000 Fr. sogar einen eigenen Kult- und Trophäenstatus erlangt.Auf allen Preisebenen untrennbar mit diesem Trophäenstatus verbunden ist dabei die Rolle interessanter Armbanduhren als sogenanntes Conversation Piece oder Pièce de conversation. Seltene, schöne oder auch anderweitig auffällige Armbanduhren eigenen sich ideal als unverfänglicher Anker für die Anbahnung eines zwanglosen Gesprächs zwischen Unbekannten. Eine besonders blickfangende Rolle spielen Concept Watches und Designeruhren von Herstellern wie Urwerk, DeWitt, Franc Vila usw. Am Sekundärmarkt und auf Auktionen tauchen derartige Raritäten – ähnlich wie Avantgardekunst – aber vorläufig noch selten auf.

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