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Zetsche sagt bei Daimler ab

Der Ex-Konzernchef hat sich nach anhaltender Kritik von Investoren und Medien dazu entschieden, den Posten als Chefaufseher abzulehnen.

(Reuters) Der von langer Hand geplante Führungswechsel im Verwaltungsrat von Daimler ist geplatzt: Ex-Konzernchef Dieter Zetsche will nicht länger Nachfolger von Manfred Bischoff werden, der 2021 als Vorsitzender des Gremiums ausscheidet. Er habe sich zum Verzicht entschieden, obwohl er die Aufgabe gerne übernommen hätte, sagte der 67-Jährige der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung».

Er begründete das mit Kritik von Investoren und Medien an seinem Wirken als Daimler (DAI 57.23 +0.81%)-Vorstandschef: «Dass ich jetzt nach 40 Jahren Berufsleben von manchen nicht als Hoffnungsträger, sondern als Belastung angesehen würde – nein, das brauche ich nicht.» Dem im Mai 2019 abgetretenen Zetsche wurden viele Probleme des Stuttgarter Autobauers angekreidet, die den Aktienkurs drückten: vom Dieselabgasskandal über das Lkw-Kartell und zu langsames Umsteuern auf E-Autos bis hin zum teuren Flop eines Mercedes-Pickups.

Die drei grossen deutschen Fondsgesellschaften Deka Invest, DWS und Union Investment begrüssten den Schritt als Chance für einen Neuanfang. Eine überzeugende Aufklärung der Dieselaffäre und ein Neustart könne nur unter einem AR-Chef gelingen, der frei von Interessenkonflikten wäre, erklärten DWS und Deka. «Es ist daher zu begrüssen, dass Herr Zetsche selbst zu dieser Einsicht gelangt ist», sagte DWS-Analyst Hendrik Schmidt.

Die Alternative zu Zetsche könnte Beobachtern zufolge Siemens-Chef Joe Kaeser sein, der seit 2014 im Daimler-Verwaltungsrat sitzt und 2021 als Siemens-Chef abtritt. Dieser könne einen solchen Apparat gut führen, sagte ein Insider. Ein grosser Investor habe Kaeser (63) als sehr geeigneten Kandidaten bezeichnet, hatte die «Wirtschaftswoche» Ende 2019 berichtet. Daimler wollte sich dazu nicht äussern. «Wir nehmen die Entscheidung von Dr. Zetsche mit grossem Respekt zur Kenntnis», sagte ein Sprecher. Mit Kaeser käme neuer Input aus den Branchen Energie, Elektrotechnik und IT. Das könne ein Vorteil sein, erklärte Jürgen Pieper, Autoanalyst der Privatbank Metzler.

Zetsches Stern mit Aktienkurs gesunken

Während bei Volkswagen (VOW3 146.08 0%) der Dieselskandal ein Führungschaos auslöste und BMW (BMW 74.67 +0.51%) vorzeitig den Vorstandschef auswechselte, schien Daimlers AR-Chef Bischoff ein unkontroverser Stabswechsel zu gelingen. Genau vor zwei Jahren kündigte er an, dass Zetsche nach 13 Jahren an der Konzernspitze das Steuer im Mai 2019 an den Schweden Ola Källenius, damals Forschungschef, abgeben würde. Zetsche sollte Bischoff nach zweijähriger Abkühlphase zur Hauptversammlung 2021 an der Spitze des Verwaltungsrats ablösen. Die Zeit von Rekordgewinnen mit zehn Prozent Rendite war da aber schon vorbei. Källenius erbte Gewinnwarnungen, milliardenschwere Dieselrisiken und die Herkulesaufgabe, den Tanker Daimler mit seinen rund 300.000 Beschäftigten weg von spritfressenden Oberklassewagen in die Ära der klimafreundlicheren Elektroautos zu lenken.

Schon im Mai 2019 wurde Zetsche auf der Hauptversammlung in Berlin von Aktionären nicht nur für seine Leistung in vier Jahrzehnten als Mercedes-Manager gefeiert. Es wurden ihm auch viele offene Baustellen vorgehalten. Anfang 2020 schimpfte David Herro, Vize-Chef des mit knapp fünf Prozent an Daimler beteiligten US-Investors Harris Associates, über den niedrigen Aktienkurs. Der Vorstand habe unter Zetsche in den vergangenen fünf Jahren die Richtung verloren, der Daimler-Boss kein Interesse für Aktionäre gezeigt, sagte er dem «Manager Magazin». Zetsches Rückkehr sei keine gute Idee: «Warum sollte jemand Verwaltungsrat werden, der fünf Jahre Wertvernichtung zu verantworten hat?» Zur Hauptversammlung im Juli sprach sich auch Union Investment gegen Zetsche aus. Blätter wie «Handelsblatt» und «Frankfurter Allgemeine Zeitung» senkten den Daumen.

«Alles das brauche ich nicht mehr», sagte Zetsche der Sonntags-FAZ. Er müsse sich nichts mehr beweisen und wolle das Unternehmen nicht mit Diskussionen über seine Person belasten. Mit Hilfe der Grossinvestoren wäre er wohl trotzdem gewählt worden. «Aber die Begleitumstände wären unschön gewesen.»

Fonds: Rückzug hilft bei Neustart

Deutsche Investmentfonds begrüssten Zetsches Rückzug. «Dies ermöglicht Daimler die konsequente Neuausrichtung unter dem neuen Management, die aus unserer Sicht dringend nötig ist», sagte Michael Muders von Union Investment. Auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka Investment, erklärte, mit dem Generationenwechsel könne sich der Dax-Konzern zukunftsweisend in einer Zeit technologischen Wandels aufstellen.

«Ich finde es schade», sagte dagegen Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte vom Center Automotive Research. Er verwies auf Zetsches grosse Verdienste, der Mercedes-Benz von einer erzkonservativen Marke für Anzugträger gemeinsam mit Designchef Gorden Wagener auf sportlichere, für junge Käufer interessante Modelle getrimmt habe. Zetsche stehe für Kulturwandel, auch wenn er wie andere Automanager zu lange am Diesel festgehalten und mit der Elektromobilität gezögert hätte. «Wo stünde die Daimler AG ohne Zetsche?», sagte Dudenhöffer. «Es gäbe sie nicht mehr.»